EMI bei Herzschrittmachern & ICDs: Leitlinie (DGK)
📋Auf einen Blick
- •Der Abstand zur Feldquelle ist die wichtigste Maßnahme zur Vermeidung elektromagnetischer Interferenzen (EMI).
- •Aktuelle Smartphones, Metalldetektoren und Elektroautos stellen ein sehr geringes Interferenzrisiko dar.
- •Bei Induktionsherden wird ein Sicherheitsabstand von 25 cm zum Implantat empfohlen.
- •MRT-fähige Implantate sind nicht automatisch besser vor alltäglichen Interferenzen geschützt als Standardaggregate.
- •Im beruflichen Umfeld ist bei starker Exposition eine individuelle Gefährdungsbeurteilung zwingend erforderlich.
Hintergrund
Durch die zunehmende Technisierung im Alltag und Beruf sind Patienten mit aktiven kardialen Implantaten (CIEDs wie Herzschrittmacher und ICDs) vermehrt elektrischen und magnetischen Feldern (EMF) ausgesetzt. Elektromagnetische Interferenzen (EMI) können unterschiedliche Auswirkungen auf das Implantat haben:
- Überlagerung von Signalen: Konstruktive oder destruktive Überlagerung herzeigener Biosignale mit Störsignalen (Oversensing, häufigstes Phänomen).
- Sensoraktivierung: Aktivierung des Magnetsensors (Reed-Switch, Hall-Sensor).
- Erwärmung: Erwärmung metallischer Komponenten mit möglichen thermischen Gewebeschäden.
- Schädigung: Schädigung der Device-Elektronik oder spontane Umprogrammierungen ("power-on-reset").
Abstand zur Feldquelle ist das wichtigste Mittel zur Vermeidung von EMI. MRT-fähige Schrittmacher bieten keinen generellen Schutz vor Alltags-Interferenzen.
Klinische Konsequenzen nach Grunderkrankung
Die Relevanz einer Störung hängt maßgeblich von der Grunderkrankung des Patienten ab:
| Grunderkrankung | Störszenario | Klinische Konsequenz |
|---|---|---|
| Bradykardie (ohne Eigenrhythmus) | Inhibition durch Oversensing | Synkope, Asystolie (vitale Bedrohung) |
| Bradykardie (mit Eigenrhythmus) | Inhibition durch Oversensing | Schwindel, Leistungsabfall, chronotrope Inkompetenz |
| ICD (Primär-/Sekundärprävention) | Oversensing im rechten Ventrikel | Gefahr der inadäquaten Schockabgabe |
| ICD | Magnetbetrieb (Reed-Switch) | Deaktivierung der Tachytherapien |
| Herzinsuffizienz (CRT) | Verlust der Resynchronisation | Ineffektivität der Therapie |
Störreaktionen nach Implantat-Typ
| Device | Kanal/Bauteil | Mögliche Störreaktion |
|---|---|---|
| Herzschrittmacher | Rechter Vorhof (RA) | Inadäquater Modeswitch, atrial getriggerte schnelle Ventrikelstimulation |
| Herzschrittmacher | Rechter Ventrikel (RV) | Inhibition der Stimulation durch Oversensing, Wechsel in Störmodus |
| Herzschrittmacher | Reed-Schalter | Asynchrone V00/D00-Stimulation |
| ICD (transvenös) | Rechter Ventrikel (RV) | Inadäquate Therapieabgabe, Verlust der Tachykardieerkennung |
| ICD (transvenös) | Reed-Schalter | Passagere Deaktivierung der Tachytherapien |
EMI-Quellen im Alltag
Für die meisten Alltagsgeräte gibt es klare Entwarnungen oder einfache Abstandsregeln:
- Smartphones & Mobiltelefone: Sehr geringes Risiko. Ein strikter Sicherheitsabstand von 15 cm ist bei aktuellen Geräten nicht mehr zwingend erforderlich. Bei induktiven Ladestationen (Qi-Standard) sollten 10 cm Abstand eingehalten werden.
- Kopfhörer & MP3-Player: Bestimmungsgemäßer Gebrauch ist sicher. Kopfhörer mit starken Permanentmagneten (Neodymium) sollten jedoch nicht direkt auf die Gerätetasche gelegt werden.
- Diebstahlsicherungen (Kaufhäuser): Zügig passieren, nicht im Feld verweilen. Bei RFID-Scannern wird sicherheitshalber ein Abstand von 60 cm (Schrittmacher) bzw. 40 cm (ICD) empfohlen.
- Metalldetektoren: Torbögen am Flughafen und Handdetektoren können ohne Einschränkungen genutzt werden.
- Reisen & Mobilität: Das Fahren in Elektroautos, Hybridfahrzeugen sowie das Reisen mit Bahn oder Flugzeug ist unbedenklich.
- Induktionsherde: Ein Sicherheitsabstand von 25 cm zwischen Implantat und Kochfeld wird empfohlen. Nicht über die Töpfe lehnen!
- Körperfettwaagen: Schrittmacherpatienten ohne Eigenrhythmus und ICD-Träger sollten vorerst auf Bioimpedanzmessungen verzichten.
Management und Troubleshooting
Tritt der Verdacht auf eine EMI auf, sollte die Störquelle identifiziert und gemieden werden. Bei der Programmierung und Nachsorge gelten folgende Grundsätze:
| Störreaktion | Empfohlene Maßnahme |
|---|---|
| Allgemeine EMI | Systemintegrität prüfen, Abstand zur Quelle wahren, ggf. Telemedizin anbinden |
| RA-Oversensing | Bipolare Wahrnehmung programmieren, RA-Wahrnehmungsschwelle anheben |
| RV-Oversensing (Inhibition) | Bipolare Wahrnehmung programmieren, RV-Wahrnehmungsschwelle anheben |
| Inadäquate VT/VF-Erkennung | Detektionskriterien prüfen, Zähler anheben, ICD-Test erwägen |
| Power-on-reset | Strikte Meidung der Quelle, technischen Service des Herstellers involvieren |
Arbeitsmedizinische Aspekte
Im beruflichen Umfeld (z. B. Industrieanlagen, Elektroschweißen) können deutlich stärkere Felder auftreten. Hier ist eine individuelle Gefährdungsbeurteilung nach der Arbeitsschutzverordnung zu elektromagnetischen Feldern (EMFV) vorgeschrieben.
Expositionsbereiche müssen gekennzeichnet werden. Durch technische Maßnahmen, Abstand oder eine Anpassung der Implantat-Programmierung (z. B. unempfindlichere Wahrnehmung, bipolare Konfiguration) kann oft eine sichere Wiedereingliederung an den Arbeitsplatz erreicht werden.
💡Praxis-Tipp
Programmieren Sie die Wahrnehmungskonfiguration nach Möglichkeit immer auf bipolar, da unipolare Systeme deutlich anfälliger für elektromagnetische Interferenzen sind. Raten Sie Patienten zudem, Diebstahlsicherungen in Kaufhäusern zügig zu durchschreiten.