Perikarderkrankungen: ESC-Leitlinie (DGK-Kommentar)
📋Auf einen Blick
- •Colchicin ist die Erstlinientherapie bei akuter, chronischer und rezidivierender Perikarditis (Klasse I, Evidenz A).
- •Eine routinemäßige Virusserologie wird für die Erstdiagnostik nicht empfohlen.
- •Die Leitlinie definiert klare Major- und Minorkriterien zur Risikostratifizierung und stationären Aufnahme.
- •Multimodale Bildgebung (Kardio-MRT, CT, PET) gewinnt neben der Echokardiographie an Bedeutung.
Hintergrund
Die 2015 veröffentlichte ESC-Leitlinie zu Perikarderkrankungen (kommentiert durch die DGK) bringt wesentliche Neuerungen in der Diagnostik und Therapie. Im Fokus stehen der aktuelle Stellenwert der multimodalen Bildgebung, die Bedeutung von Colchicin als Erstlinientherapie sowie neue Algorithmen zur Risikostratifizierung.
Risikostratifizierung
Die Leitlinie definiert Kriterien, die für die Indikation zur stationären Behandlung von Patienten mit Perikarditis maßgeblich sind:
| Kriterium-Typ | Klinische Parameter |
|---|---|
| Majorkriterien | Fieber, subakuter Beginn, großer Perikarderguss/Tamponade, fehlendes Ansprechen auf Aspirin/NSAIDs |
| Minorkriterien | Hinweise auf myokardiale Beteiligung, Immunsuppression, stattgehabtes Trauma, Therapie mit Antikoagulanzien |
Diagnostik und Bildgebung
Die aktuelle Leitlinie differenziert zwischen infektiösen und nichtinfektiösen Perikarditiden.
- Eine routinemäßige Virusserologie wird für die Erstdiagnostik nicht empfohlen (Empfehlungsgrad III, Evidenzgrad C), Ausnahme: Verdacht auf HIV und/oder HCV.
- Bei Verdacht auf virale Perikarditis wird von einer Kortikoidbehandlung definitiv abgeraten (Empfehlungsklasse III, Evidenzgrad C).
- Neben der Echokardiographie und Thoraxröntgenaufnahme haben Kardio-MRT, CT und PET einen größeren Stellenwert in der weiterführenden Diagnostik erhalten.
Indikationen zur Perikardpunktion
Eine Perikardpunktion wird in folgenden klinischen Situationen empfohlen:
| Indikation | Bemerkung |
|---|---|
| Purulenter Erguss | Verdacht auf bakterielle Genese; obligat mit Spülung (IIa, C) |
| Tuberkulöser Erguss | Diagnostische Sicherung |
| Neoplastischer Erguss | Zytologische Sicherung, ggf. lokale zytostatische Therapie |
| Tamponade / Großer Erguss | Diastolisch >20 mm |
| Symptomatischer Erguss | 10–20 mm ohne Therapieansprechen |
Sonderfall Aortendissektion: Eine Perikardpunktion bei drohender Tamponade war bislang kontraindiziert. Neu kann sie als überbrückende Intervention zur sofortigen Thorakotomie in Erwägung gezogen werden, darf die Verlegung in ein herzchirurgisches Zentrum aber nicht verzögern.
Medikamentöse Therapie
Die Therapie nichtmaligner Perikardergüsse wurde durch neue Endpunktstudien angepasst.
| Medikament | Stellenwert | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|
| Colchicin | 1. Wahl (Klasse I, Evidenz A) | Akute, chronische und rezidivierende Perikarditis. Reduziert Rezidivrate von 30 % auf 10 %. |
| Steroide | 2. Wahl | Niedrig dosiert. Bei viraler Genese kontraindiziert. |
Wichtige Hinweise zu Colchicin:
- Kontraindikationen: Deutlich eingeschränkte Leber- und Nierenfunktion, Dialysepatienten, Schwangerschaft.
- Dosisanpassung: Halbierung der Dosis bei eingeschränkter Nierenfunktion (GFR <60 ml/min).
- Prophylaxe: Colchicin ist unwirksam zur Verhinderung eines postoperativen Postkardiotomiesyndroms (PCIS).
💡Praxis-Tipp
Setzen Sie Colchicin als Erstlinientherapie bei nichtmalignen Perikardergüssen ein, halbieren Sie jedoch die Dosis bei einer GFR <60 ml/min. Verzichten Sie auf eine routinemäßige Virusserologie.