Akuter Thoraxschmerz: Diagnostik-Leitlinie (DGK)
📋Auf einen Blick
- •Der Begriff 'atypischer Brustschmerz' sollte vermieden und stattdessen in '(möglicherweise) kardial' oder 'nicht-kardial' unterteilt werden.
- •Ein 12-Kanal-EKG muss innerhalb von 10 Minuten nach Aufnahme geschrieben und bei jeder Symptomänderung wiederholt werden.
- •Hochsensitives Troponin (hs-cTn) sollte bestimmt werden, wobei der ESC 0/1h-Algorithmus bevorzugt wird (Ergebnisse <60 min).
- •Der diagnostische Fokus liegt auf der raschen Unterscheidung zwischen akut lebensbedrohlichen kardialen und nicht-kardialen Ursachen.
- •Bei speziellen Patientengruppen (z.B. Frauen, onkologische Patienten) soll der diagnostische Algorithmus identisch und geschlechtsunabhängig angewendet werden.
Hintergrund
Nichttraumatische Brustschmerzen sind ein häufiger Vorstellungsgrund in der Notaufnahme. Da nur etwa 25 % der Fälle auf einer koronaren Herzerkrankung beruhen, fordert die DGK einen patientenzentrierten und symptomgeleiteten Algorithmus nach Ausschluss eines STEMI.
Ein akuter Thoraxschmerz ist definiert als neu aufgetreten (< 2 Monate) oder in Muster, Intensität oder Dauer verändert. Zur strukturierten Schmerzanamnese wird das OPQRST-Schema empfohlen:
| Buchstabe | Bedeutung | Englischer Begriff |
|---|---|---|
| O | Beginn | Onset |
| P | Provokation/Palliation | Provocation/Palliation |
| Q | Qualität | Quality |
| R | Ausstrahlung | Radiation |
| S | Stärke | Severity |
| T | Zeitlicher Verlauf | Time |
Der Begriff "atypischer Brustschmerz" soll vermieden werden. Stattdessen wird die Einteilung in "(möglicherweise) kardial" und "(wahrscheinlich) nicht-kardial" empfohlen.
Kardiologische Basisdiagnostik
Die frühhospitale Diagnostik in der Chest Pain Unit (CPU) muss standardisiert und zügig erfolgen:
- 12-Kanal-Ruhe-EKG: Innerhalb von 10 Minuten nach Aufnahme schreiben und interpretieren. Bei jeder Symptomveränderung zwingend wiederholen.
- Erweiterte Ableitungen: Bei inferiorem Infarkt V3r, V4r sowie V7-V9 untersuchen.
- Biomarker: Hochsensitives Troponin (hs-cTn) bei Aufnahme bestimmen (Ergebnisse innerhalb von 60 Minuten). Der ESC 0/1h-Algorithmus wird bevorzugt.
- Erweitertes Labor: NT-proBNP, Blutgasanalyse, Elektrolyte, Kreatinin, Blutbild, CRP, Gerinnung, ggf. D-Dimere und TSH.
Apparative Diagnostik
- Echokardiographie (TTE): Indiziert bei hämodynamischer Instabilität, Verdacht auf akutes Aortensyndrom, Rechtsherzbelastung (Lungenembolie) oder mechanischen Komplikationen. Darf die Herzkatheter-Versorgung nicht verzögern.
- Computertomographie (CT): Unabdingbar für die Differenzialdiagnostik nichtkardialer Hochrisikoerkrankungen (Aortensyndrom, Lungenembolie).
Risikostratifizierung nach Ätiologie
Die rasche Unterscheidung potenziell lebensbedrohlicher Ursachen ist essenziell:
| Risiko | Kardiale Ursachen | Nicht-kardiale Ursachen |
|---|---|---|
| Akut lebensbedrohlich (Hochrisiko) | Akutes Koronarsyndrom (ACS), Akuter Myokardinfarkt (AMI) | Akutes Aortensyndrom (AAS), Lungenarterienembolie (LAE), Ösophagusruptur, Spannungspneumothorax |
| Nicht akut lebensbedrohlich | Akute Perimyokarditis, Valvuläre Herzerkrankung | Osteochondritis, gastrointestinale Erkrankungen, muskuloskeletale Beschwerden |
Besondere Patientengruppen
- Frauen: Trotz leichter geschlechtsspezifischer Symptomunterschiede soll der diagnostische Algorithmus geschlechtsunabhängig erfolgen, um Unterdiagnosen zu vermeiden.
- Kardioonkologie: Bis zu 3 % der ACS-Patienten haben eine aktive Krebserkrankung. Diagnostik erfolgt identisch zu nicht-onkologischen Patienten.
- Zustand nach ACB-OP: Häufig muskuloskeletale Schmerzen, aber auch Perikarditis oder Wundinfektionen bedenken.
- Substanzabusus: Bei jungen Patienten an Kokain, (Met-)Amphetamine oder Cannabis denken. Ein Urin-Toxikologie-Screening ist sinnvoll.
Nicht-kardiale Differenzialdiagnosen
Nicht-kardiale Ursachen werden in der CPU oft unzureichend abgebildet. Wichtige Differenzialdiagnosen umfassen:
| Organsystem | Mögliche Erkrankungen |
|---|---|
| Respiratorisch | Lungenembolie, Pneumothorax, Pneumonie, Pleuritis |
| Gastrointestinal | Cholezystitis, Pankreatitis, Hiatushernie, GERD, Ulkus |
| Brustwand/Muskuloskelettal | Chondritis, Rippenfraktur, Herpes zoster, Radikulopathie |
| Psychologisch | Panikstörung, Angststörung, Hyperventilation |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf den Begriff 'atypischer Brustschmerz' und dokumentieren Sie stattdessen '(möglicherweise) kardial' oder 'nicht-kardial'. Wiederholen Sie das 12-Kanal-EKG zwingend bei jeder erneuten Schmerzepisode oder Symptomveränderung.