Fertilitätserhalt bei Onkologie: DGIM S2k-Leitlinie
Hintergrund
Die S2k-Leitlinie der DGIM zum Fertilitätserhalt bei onkologischen Erkrankungen adressiert die Sicherung der Fortpflanzungsfähigkeit vor keimzellschädigenden Therapien. Laut Leitlinie fühlen sich 88 Prozent der Betroffenen unzureichend über dieses Thema informiert. Ohne spezielle Schulung sprechen nur sehr wenige Ärztinnen und Ärzte diese Thematik an.
Onkologische Behandlungen wie Chemotherapie, Strahlentherapie oder Operationen können die Gonadenfunktion partiell oder komplett schädigen. Das Ausmaß der Schädigung ist dabei abhängig vom Alter sowie von Art, Dosis und Dauer der Therapie.
Neben akuten Symptomen wie Menstruationsanomalien oder Azoospermie warnt die Leitlinie auch vor Langzeitfolgen. Dazu zählen unter anderem Osteoporose, kardiovaskuläre Erkrankungen und genitale Atrophie durch einen vorzeitigen Hormonmangel.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Aufklärung und Methodik:
Aufklärung und Therapieplanung
Die Aufklärung über fertilitätserhaltende Maßnahmen soll laut Leitlinie fester Bestandteil der präinterventionellen Therapieplanung sein. Dies gilt für alle Fälle, in denen eine gonadotoxische Behandlung oder eine fertilitätsgefährdende Operation geplant ist.
Risikobewertung von Chemotherapeutika
Die Leitlinie teilt das ovartoxische Risiko verschiedener Chemotherapeutika in Risikoklassen ein.
| Risikoklasse | Chemotherapeutika und Protokolle |
|---|---|
| Hohes Risiko (>80 %) | Cyclophosphamid, Carmustin, Ifosfamid, Busulfan, Chlorambucil, Melphalan, Procarbacin, Nitrogenmustard, BEACOPP |
| Mittleres Risiko (20–80 %) | Cisplatin, Carboplatin, Doxorubicin |
| Niedriges Risiko (<20 %) | Vinblastin |
Fertilitätsprotektion bei Frauen
Für weibliche Betroffene stehen verschiedene etablierte Techniken zur Verfügung. Eine Schwangerschaft nach behandelter Krebserkrankung geht gemäß Leitlinie auch bei hormonabhängigen Tumoren nicht mit einer schlechteren Prognose einher.
Die Leitlinie nennt folgende Optionen:
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Organerhaltende Operationsverfahren (z. B. Zystektomie statt Ovarektomie bei Borderlinetumoren)
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Ovaropexie und Gonadenschutz bei Bestrahlung, gegebenenfalls mit gleichzeitiger Entnahme von Ovarialgewebe
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Kryokonservierung von unfertilisierten oder fertilisierten Oozyten, Vorkernstadien, Embryonen und Ovarialgewebe
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Der Einsatz von GnRH-Agonisten wird als kritisch zu hinterfragen eingestuft
Fertilitätsprotektion bei Männern
Bei männlichen Betroffenen soll die Sicherung der Fertilitätsreserve zwingend vor Beginn der onkologischen Therapie erfolgen.
Folgende Maßnahmen werden aufgeführt:
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Kryokonservierung von Spermien im Ejakulat als etabliertes Standardverfahren
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Bei Azoospermie kann eine testikuläre Spermienextraktion (TESE) durchgeführt werden
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Kryokonservierung von Hodengewebe, im Optimalfall in mikrochirurgischer Technik (Mikro-TESE)
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Gonadenschutz bei Bestrahlung
Kontraindikationen
Die Leitlinie rät von der Feinnadelpunktion zur Gewinnung von testikulären Spermien ab. Diese Methode ist der offenen Hodengewebsentnahme bezüglich der Spermienausbeute und der postoperativen Narbenbildung unterlegen und wird nicht mehr empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass die Aufklärung über den Fertilitätserhalt zwingend vor Beginn einer gonadotoxischen Therapie erfolgen soll. Es wird explizit darauf hingewiesen, dass eine Feinnadelpunktion des Hodens zur Spermiengewinnung obsolet ist und stattdessen eine mikrochirurgische Entnahme (Mikro-TESE) angestrebt werden sollte.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie weisen vor allem Alkylantien wie Cyclophosphamid, Ifosfamid und Melphalan ein hohes ovartoxisches Risiko von über 80 Prozent auf. Auch das BEACOPP-Protokoll fällt in diese Hochrisikogruppe.
Die Leitlinie empfiehlt, die Kryokonservierung von Spermien im Ejakulat stets vor dem Beginn der onkologischen Therapie durchzuführen. Dies gilt als etabliertes und akzeptiertes Standardverfahren.
Gemäß der Leitlinie geht eine Schwangerschaft nach einer behandelten Krebserkrankung nicht mit einer schlechteren Prognose einher. Dies gilt ausdrücklich auch für hormonabhängige Tumore.
Es werden organerhaltende Operationen, Ovaropexie vor Bestrahlungen sowie die Kryokonservierung von Oozyten, Embryonen oder Ovarialgewebe genannt. Der Einsatz von GnRH-Agonisten wird hingegen als kritisch zu hinterfragen eingestuft.
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Quelle: DGIM Keyfacts: S2k-LL Fertilitätserhalt bei onkologischen Erkrankungen (DGIM, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.