Diagnostik vor ART: AWMF-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Infertilität ist definiert als ausbleibende Schwangerschaft nach 12 Monaten ungeschütztem Verkehr (ab 35 Jahren bereits nach 6 Monaten).
- •Lebensstilfaktoren wie Nikotin, Alkohol und extreme sportliche Belastung (>5h/Woche) mindern die Fertilität signifikant.
- •Ein BMI > 30 kg/m² oder < 19 kg/m² führt gehäuft zu Ovulationsstörungen und Infertilität.
- •Eine Substitution von 400 µg Folsäure pro Tag soll mindestens 4 Wochen vor Schwangerschaftseintritt begonnen werden.
- •Die gynäkologische Basisdiagnostik umfasst Anamnese, Ultraschall und die Überprüfung der Tubendurchgängigkeit.
Hintergrund
Die Infertilität wird definiert als das Ausbleiben einer Schwangerschaft trotz regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr über einen Zeitraum von mindestens 12 Monaten. Bei Paaren über 35 Jahren sollte eine weiterführende Diagnostik bereits nach 6 Monaten erfolgen. Die Ursachen verteilen sich auf weibliche (33-41 %), männliche (25-39 %) und gemischte Faktoren (9-39 %).
Gynäkologische Basisdiagnostik
Vor einer assistierten reproduktionsmedizinischen Behandlung (ART) sollte eine strukturierte Basisdiagnostik erfolgen:
| Diagnostik-Schritt | Inhalte und Parameter |
|---|---|
| Anamnese | Zyklusdetails, Vorerkrankungen, Voroperationen, Schwangerschaftskomplikationen, Impfstatus |
| Klinische Untersuchung | Vaginale, zervikale und uterine Untersuchung, Nativabstrich, Krebsfrüherkennung (< 12 Monate alt) |
| Vaginalsonographie | Beurteilung von Myomen, Ovarzysten, Endometriose, Polypen, Endometriumhöhe |
| Tubendiagnostik | Überprüfung der Durchgängigkeit via Hystero-Kontrast-Sonographie (HKSG) oder Laparoskopie |
Lebensstil und Verhalten
Lebensstilfaktoren haben einen kumulativen Effekt auf die Schwangerschaftschancen und das Outcome einer ART.
| Faktor | Einfluss auf die Fertilität | Empfehlung / Bemerkung |
|---|---|---|
| BMI | BMI > 30 oder < 19 kg/m² erhöht das Risiko für Ovulationsstörungen. | Gewichtsnormalisierung wird empfohlen. |
| Nikotin | > 10 Zigaretten/Tag mindern Fertilität signifikant, erhöhen Abortrisiko und senken IVF-Erfolgsraten. | Striktes Raucherentwöhnungsprogramm. |
| Alkohol | > 4 Drinks/Woche (beide Partner) senken die Lebendgeburtenrate nach IVF. | Abstinenz bei Kinderwunsch und Schwangerschaft. |
| Koffein | < 200 mg/Tag (ca. 2-3 Tassen) zeigt keinen negativen Effekt. | Moderater Konsum ist unbedenklich. |
| Sport | > 5 h/Woche Leistungssport kann bei BMI < 25 kg/m² zu Ovulationsstörungen führen. | Maximal 5 h Training pro Woche empfohlen. |
| Stress | Erhöhtes Drop-out-Risiko bei ART, Prävalenz psychischer Belastungen bis zu 40 %. | Psychologische Betreuung anbieten. |
Mikronährstoffe und Ernährung
Eine ausgewogene Ernährung (mediterrane Diät) wirkt sich positiv aus, während Transfette und zuckerhaltige Getränke die Fertilität und Embryonalentwicklung negativ beeinflussen können.
- Folsäure: Eine Substitution von 400 µg/Tag soll mindestens 4 Wochen vor einer geplanten Schwangerschaft begonnen werden.
- Vitamin D: Eine Zufuhr von 20 µg (800 IE) pro Tag kann im Rahmen eines Multivitaminpräparates (zusammen mit Folsäure) erfolgen.
- Weitere Nährstoffe: Coenzym Q10, Vitamin C, E und Omega-3-Fettsäuren zeigen in ersten Studien positive Tendenzen, eine routinemäßige Hochdosis-Supplementierung ist jedoch nicht abschließend in der Leitlinie gefordert.
Kernaussagen und Empfehlungen der Leitlinie
Die Leitlinie formuliert folgende konkrete Expertenkonsens-Empfehlungen für die Praxis:
- Relevante Risikofaktoren (Alter, Rauchen, Alkohol, Essstörungen, Drogen, Leistungssport) sollen explizit erhoben und auf ihre negativen Auswirkungen hingewiesen werden.
- Patientinnen sollen beim Erstgespräch darüber aufgeklärt werden, dass ein BMI > 30 kg/m² sowie < 19 kg/m² häufiger zu Infertilität führt.
- Auf die Notwendigkeit einer Folsäuresubstitution (400 µg) soll hingewiesen werden.
- Bei verhaltensbedingten Fertilitätsstörungen sollte eine entsprechende Beratung oder Psychotherapie (z. B. bei Essstörungen oder Sucht) empfohlen werden.
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Paare über 35 Jahre bereits nach 6 Monaten erfolglosem Kinderwunsch weiter ab. Thematisieren Sie aktiv Lebensstilfaktoren wie BMI und Nikotin, da diese die Erfolgsraten einer ART signifikant senken.