Keimzelltumoren des Hodens: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ein allgemeines Screening wird nicht empfohlen, junge Männer sollten jedoch zur regelmäßigen Selbstuntersuchung angeleitet werden.
- •Die Primärdiagnostik umfasst zwingend eine beidseitige Hodensonographie (mind. 7,5 MHz) sowie die Bestimmung der Tumormarker AFP, Beta-hCG und LDH vor der Operation.
- •Als Standard für die Ausbreitungsdiagnostik (Staging) gilt die kontrastmittelgestützte CT von Abdomen, Becken und Thorax.
- •Therapie der Wahl ist die inguinale Hodenfreilegung mit Ablatio testis; ein Organerhalt ist nur in Ausnahmefällen (z.B. Einzelhoden) indiziert.
- •Das FDG-PET/CT ist in der Primärdiagnostik nicht indiziert und bleibt primär der Beurteilung von Residualtumoren bei Seminomen nach Chemotherapie vorbehalten.
Hintergrund
Der Keimzelltumor (KZT) des Hodens ist mit einem Anteil von etwa 25 % die häufigste bösartige Tumorerkrankung bei Männern zwischen 20 und 44 Jahren. Die Inzidenz liegt in Deutschland bei etwa 10 von 100.000 Männern. Die Prognose ist im Allgemeinen sehr gut und hängt maßgeblich von Histologie, Tumorstadium, Alter und der Versorgungsqualität ab. Ein allgemeines Screening wird nicht empfohlen (Empfehlungsgrad A), jedoch sollte jungen Männern eine regelmäßige Selbstuntersuchung angeraten werden.
| Risikofaktor | Beschreibung |
|---|---|
| Vorerkrankung | Einseitiger KZT erhöht das Risiko für einen kontralateralen Tumor (2,5-5 %) |
| Maldeszensus testis | RR 2,90 bis OR 4,30; auch der normal deszendierte Hoden trägt ein erhöhtes Risiko |
| Familiäre Disposition | Erhöhtes Risiko bei Erkrankung des Vaters (RR 2,0) oder Bruders (RR 4,1) |
| Infertilität | Inzidenz bei Infertilität auf 1:200 erhöht |
Primärdiagnostik
Bei klinischem Verdacht auf einen KZT (meist einseitige, schmerzlose Größenzunahme) müssen umgehend folgende diagnostische Schritte eingeleitet werden:
- Körperliche Untersuchung: Palpation der Hoden in bimanueller Technik, der supraklavikulären und inguinalen Lymphknoten sowie des Abdomens und der Brustdrüsen.
- Sonographie: Beidseitige Hodensonographie mit mindestens 7,5 MHz Schallkopf (Expertenkonsens) zur Differenzierung zwischen extra- und intratestikulären Raumforderungen.
- Serumtumormarker: Bestimmung von AFP, Beta-hCG und LDH zwingend vor der Ablatio testis (Expertenkonsens). Bei präoperativ erhöhten Werten müssen diese postoperativ alle 5-7 Tage bis zur Normalisierung bzw. zum Nadir kontrolliert werden.
| Tumormarker | Klinische Bedeutung |
|---|---|
| AFP | Erhöht bei 40-60 % der nichtseminomatösen KZT. Niemals erhöht bei reinen Seminomen. |
| Beta-hCG | Erhöht bei 40-60 % der Nichtseminome und 10-25 % der Seminome. Exzessiv erhöht bei Chorionkarzinomen. |
| LDH | Unspezifischer Marker, korreliert aber mit Tumorvolumen und Proliferation. |
Ausbreitungsdiagnostik (Staging)
Zur Erfassung von Metastasen gelten klare bildgebende Standards:
| Bildgebung | Indikation und Empfehlungsgrad |
|---|---|
| CT Abdomen/Becken & Thorax | Standard für alle Männer mit neu diagnostiziertem KZT (Empfehlungsgrad A). |
| MRT Abdomen/Becken | Bei Kontraindikationen gegen iodhaltiges Kontrastmittel (Allergie, Niereninsuffizienz, Schilddrüsenstörung) (Empfehlungsgrad A). |
| MRT Schädel | Bei schlechter Prognosegruppe (IGCCCG), exzessivem Beta-hCG, multiplen Lungenmetastasen oder neurologischen Symptomen (Empfehlungsgrad B). |
| FDG-PET/CT | Nicht routinemäßig in der Primärdiagnostik (Empfehlungsgrad A). Kann bei Seminomen zur Beurteilung von Residualtumoren >3 cm nach Chemotherapie eingesetzt werden (Empfehlungsgrad 0). |
Operative Therapie
Die chirurgische Intervention ist in der Regel der erste therapeutische Schritt nach der Diagnosestellung:
- Ablatio testis: Bei Verdacht auf KZT soll eine inguinale Hodenfreilegung und bei Nachweis eines Malignoms die Ablatio testis erfolgen (Empfehlungsgrad A).
- Organerhaltende Exzision: Bei gesundem kontralateralem Hoden nicht indiziert (Ausnahme: Teratom ohne GCNIS). In Betracht zu ziehen bei bilateralem KZT, Einzelhoden oder benignen Tumoren (Expertenkonsens).
- Adjuvante Bestrahlung: Zur Eradikation einer Keimzellneoplasie in situ (GCNIS) nach organerhaltender Therapie bei Einzelhoden soll eine Bestrahlung mit 18-20 Gy erfolgen (Expertenkonsens).
- Kontralaterale Biopsie: Soll bei Patienten mit erhöhtem Risiko für eine GCNIS im kontralateralen Hoden nach Aufklärung durchgeführt werden (Empfehlungsgrad A).
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie die Tumormarker AFP, Beta-hCG und LDH zwingend vor der Orchiektomie. Beachten Sie: Ein reines Seminom geht niemals mit einem erhöhten AFP-Wert einher – ist AFP erhöht, muss von einem Nichtseminom ausgegangen werden.