Keimzelltumoren des Hodens: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Häufigster Tumor bei Männern zwischen 20 und 44 Jahren mit exzellenter Prognose (96 % 5-Jahres-Überleben).
- •Ein allgemeines Screening wird nicht empfohlen, jedoch die regelmäßige Selbstuntersuchung.
- •Primärdiagnostik umfasst beidseitige Hodensonographie und die Tumormarker AFP, Beta-hCG sowie LDH vor der Operation.
- •Goldstandard der lokalen Therapie ist die inguinale Freilegung mit Ablatio testis.
- •Ausbreitungsdiagnostik erfolgt primär mittels kontrastmittelgestützter CT von Abdomen, Becken und Thorax.
Hintergrund
Bei Männern zwischen 20 und 44 Jahren ist der Keimzelltumor (KZT) mit einem Anteil von etwa 25 % die häufigste bösartige Tumorerkrankung. Die Prognose ist exzellent: Das 5-Jahres-Überleben liegt bei etwa 96 %. Ein allgemeines Screening wird nicht empfohlen (Empfehlungsgrad A), jedoch sollte jungen Männern die regelmäßige Selbstuntersuchung angeraten werden.
Zu den gesicherten Risikofaktoren gehören:
- Vorerkrankung mit einseitigem KZT
- Maldeszensus testis (Kryptorchismus)
- Familiäre Disposition (z. B. Erkrankung des Vaters oder Bruders)
- Infertilität
Primärdiagnostik
Bei klinischem Verdacht auf einen KZT müssen umgehend eine körperliche Untersuchung sowie eine beidseitige Hodensonographie (mind. 7,5 MHz) erfolgen (Expertenkonsens).
Zusätzlich ist die Bestimmung der Serumtumormarker vor der Operation obligat:
| Tumormarker | Bedeutung / Vorkommen |
|---|---|
| AFP | Erhöht bei 40-60 % der nichtseminomatösen KZT. Bei reinen Seminomen nicht erhöht. |
| Beta-hCG | Erhöht bei 40-60 % der Nichtseminome und 10-25 % der Seminome. Exzessiv erhöht bei Chorionkarzinomen. |
| LDH | Unspezifisch, korreliert aber mit Tumorvolumen und Proliferation. |
Postoperativ sollen diese Marker bei präoperativer Erhöhung alle 5-7 Tage bis zur Normalisierung kontrolliert werden (Expertenkonsens).
Ausbreitungsdiagnostik (Staging)
Für das Staging gelten klare Empfehlungen bezüglich der Bildgebung:
| Bildgebung | Indikation | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| CT Abdomen/Becken & Thorax | Standard für alle Männer mit neu diagnostiziertem KZT (kontrastmittelgestützt). | A |
| MRT Abdomen/Becken | Bei Kontraindikationen gegen iodhaltiges Kontrastmittel (Allergie, Niereninsuffizienz). | A |
| MRT Schädel | Bei schlechter Prognosegruppe (IGCCCG), exzessivem Beta-hCG, multiplen Lungenmetastasen oder neurologischen Symptomen. | B |
| FDG-PET/CT | Nicht routinemäßig im Primärstaging. Nur bei Seminomen zur Beurteilung von Residualtumoren >3 cm (frühestens 6 Wochen post-Chemo). | A / 0 |
Operative Therapie
Der Goldstandard bei Verdacht auf einen KZT ist die inguinale Hodenfreilegung. Bestätigt sich der Verdacht auf einen malignen Tumor, soll eine Ablatio testis erfolgen (Empfehlungsgrad A).
Ein organerhaltendes Vorgehen ist nur in streng definierten Ausnahmefällen indiziert (Expertenkonsens):
- Bilateraler KZT
- Tumor im Einzelhoden
- Stromatumoren oder benigne Tumoren (z. B. Epidermoidzyste)
Bei Vorliegen eines gesunden kontralateralen Hodens darf keine organerhaltende Exzision eines malignen KZT durchgeführt werden. Wird bei einem Einzelhoden organerhaltend operiert, soll zur Eradikation einer Keimzellneoplasie in situ (GCNIS) eine adjuvante Bestrahlung mit 18-20 Gy erfolgen (Expertenkonsens).
Versorgungsqualität
Patienten mit einem metastasierten KZT der schlechten Prognosegruppe nach IGCCCG sollen zwingend an Zentren mit ausgewiesener Erfahrung behandelt werden (Empfehlungsgrad A). Dies gilt ebenso für Patienten, die eine postchemotherapeutische Residualtumorresektion (RTR) benötigen (Expertenkonsens).
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie die Tumormarker AFP, Beta-hCG und LDH zwingend vor der Ablatio testis. Ein FDG-PET/CT hat in der primären Ausbreitungsdiagnostik keinen Stellenwert und sollte vermieden werden.