Keimzelltumoren des Mannes: Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Die Heilungsrate von Keimzelltumoren liegt über alle Stadien hinweg bei etwa 95 %.
- •Eine Kryokonservierung von Spermien sollte bei Kinderwunsch zwingend vor der Orchiektomie erfolgen.
- •Im Stadium I (Seminom und Nicht-Seminom) ist die Active Surveillance die bevorzugte Therapiestrategie.
- •Die Systemtherapie fortgeschrittener Stadien richtet sich nach der IGCCCG-Risikoklassifikation (meist PEB-Chemotherapie).
- •Bei Nicht-Seminomen ist eine Residualtumorresektion (RTR) bei Restbefunden >1 cm nach Chemotherapie obligat.
Hintergrund
Der Keimzelltumor ist der häufigste Tumor des jungen Mannes (Altersgipfel 15-45 Jahre). In Deutschland erkranken jährlich etwa 4000 Männer. Histologisch wird zwischen seminomatösen (Seminom) und nichtseminomatösen Keimzelltumoren (Nicht-Seminom) unterschieden. Durch konsequent stadiengerechte Therapiekonzepte wird eine Heilungsrate von etwa 95 % erreicht.
| Risikofaktor | Anmerkung |
|---|---|
| Hodenhochstand (Kryptorchismus) | |
| Hodenkrebs in der Vorgeschichte | Risikofaktor für kontralateralen Zweittumor |
| Positive Familienanamnese | Männliche Verwandte 1. Grades (insb. Zwillingsbrüder) |
| Testikuläre intraepitheliale Neoplasie (TIN) | GCNIS, CIS |
| Infertilität | |
| Klinefelter-Syndrom |
Diagnostik
Die Basisdiagnostik umfasst die klinische Untersuchung, Bildgebung und die Bestimmung spezifischer Tumormarker. Wichtig: Die Aufklärung über eine Spermienanalyse und Kryokonservierung muss vor fertilitätseinschränkenden Maßnahmen (idealerweise vor der Orchiektomie) erfolgen.
| Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|
| Sonographie Hoden beidseits | >7,5 MHz Schallkopf |
| Tumormarker im Serum | HCG, AFP, LDH |
| Basislabor | Blutbild, Gerinnung, TSH, Leber-/Nierenwerte, Gesamt-Testosteron, FSH, LH |
| Schnittbildgebung | CT Thorax, Abdomen und Becken (alternativ MRT Abdomen/Becken) |
| Fakultativ: MRT Kopf | Nur bei multiplen pulmonalen Filiae, stark erhöhten Markern oder Symptomen |
| Fakultativ: Skelettszintigraphie | Nur bei klinischer Symptomatik |
Klassifikation nach IGCCCG
Die Prognoseabschätzung und Therapieplanung bei metastasierten Tumoren erfolgt nach der International Germ Cell Cancer Collaborative Group (IGCCCG). Die Einteilung erfolgt direkt vor Beginn der Chemotherapie.
| Risikogruppe | Nicht-Seminome | Seminome |
|---|---|---|
| Günstig | Gonadaler/retroperitonealer Primärtumor UND keine extrapulmonalen Organmetastasen UND Marker niedrig (AFP < 1.000, HCG < 5.000, LDH < 1,5x ULN) | Jede Primärlokalisation UND keine extrapulmonalen Organmetastasen UND AFP normal (jedes HCG/LDH) |
| Intermediär | Gonadaler/retroperitonealer Primärtumor UND keine extrapulmonalen Organmetastasen UND Marker intermediär (AFP 1.000-10.000, HCG 5.000-50.000, LDH 1,5-10x ULN) | Jede Primärlokalisation UND extrapulmonale Organmetastasen ODER LDH ≥2,5x ULN (AFP normal) |
| Schlecht | Mediastinaler Primärtumor ODER extrapulmonale Organmetastasen ODER Marker hoch (AFP > 10.000, HCG > 50.000, LDH > 10x ULN) | Keine Patienten in dieser Gruppe |
Primärtherapie
Die Standardbehandlung ist die radikale Orchiektomie des betroffenen Hodens über einen inguinalen Zugang. Bei akut lebensbedrohlicher Erkrankung oder weit fortgeschrittener Metastasierung wird primär chemotherapiert und erst im Anschluss orchiektomiert.
Therapie im Stadium I
Sowohl beim Seminom als auch beim Nicht-Seminom im Stadium I ist die Active Surveillance (aktive Überwachung) die zu präferierende Option.
| Histologie | Bevorzugte Therapie | Alternative (bei Risikofaktoren) |
|---|---|---|
| Seminom | Active Surveillance | 1 Zyklus Carboplatin AUC 7 (bei Tumorgröße ↑ oder Rete testis Infiltration) |
| Nicht-Seminom | Active Surveillance | 1 Zyklus PEB (bei Gefäßinvasion LVI+) |
Therapie fortgeschrittener Stadien (≥ IIC)
Alle Seminome ab Stadium IIC und Nicht-Seminome ab Stadium II werden nach der IGCCCG-Risikoklassifikation chemotherapiert:
- Gute Prognose: 3 Zyklen PEB (Cisplatin, Etoposid, Bleomycin) oder 4 Zyklen PE (bei Bleomycin-Kontraindikation).
- Intermediäre/Schlechte Prognose: 4 Zyklen PEB oder 4 Zyklen PEI (Cisplatin, Etoposid, Ifosfamid).
Hinweis: Während der cisplatinhaltigen Chemotherapie sollte eine Thromboembolieprophylaxe erfolgen.
Residualtumorresektion (RTR)
Das Vorgehen bei verbleibenden Raumforderungen nach Abschluss der Chemotherapie unterscheidet sich grundlegend nach der Histologie:
- Seminom: Keine RTR indiziert (meist nekrotisches Gewebe). Abwartendes Vorgehen. Ein PET-CT wird wegen hoher falsch-positiver Raten nicht empfohlen.
- Nicht-Seminom: Bei Tumorresiduen >1 cm und normalisierten Tumormarkern (oder Markerplateau) ist eine RTR innerhalb von 4-6 Wochen nach Chemo-Abschluss obligat. Ziel ist die komplette Entfernung, da in 30-40 % Teratome und in 10-20 % vitaler Tumor vorliegen.
Rezidivtherapie
Etwa 5-10 % aller Patienten benötigen eine Salvagetherapie. Diese sollte an spezialisierten Zentren erfolgen.
- Konventionelle Chemotherapie (CDCT): Meist 4 Zyklen Cisplatin und Ifosfamid kombiniert mit Etoposid (PEI/VIP), Vinblastin (VeIP) oder Paclitaxel (TIP).
- Hochdosis-Chemotherapie (HDCT): Mit autologem Stammzellsupport (meist Carboplatin/Etoposid). Indiziert bei multiplen Rezidiven oder Cisplatin-refraktärer Erkrankung.
Nach der Salvagetherapie ist bei Nicht-Seminomen eine komplette chirurgische Resektion aller verbliebenen radiologisch nachweisbaren Tumorresiduen (auch <1 cm) essenziell.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie die Aufklärung über die Kryokonservierung von Spermien unbedingt vor der Orchiektomie durch. Bestimmen Sie Tumormarker (AFP, HCG, LDH) stets unmittelbar vor Beginn einer Chemotherapie, da diese Werte für die IGCCCG-Risikoeinteilung maßgeblich sind.