Kardiovaskuläre Prävention: DEGAM S3-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die kardiovaskuläre Risikoberatung soll ab 35 Jahren bei Risikofaktoren und ab 50 Jahren anlasslos angeboten werden.
- •Entscheidungen zur Prävention sollen partizipativ (Shared Decision Making) und idealerweise mit Entscheidungshilfen wie arriba getroffen werden.
- •Grundlage der Beratung ist das absolute, globale 10-Jahres-Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, ermittelt durch validierte Scores.
- •Zusätzliche Marker wie hsCRP, Lp(a) oder der Knöchel-Arm-Index sollen nicht routinemäßig zur Risikoschätzung erhoben werden.
- •Eine Statintherapie (moderate Fixdosis) wird bei einem 10-Jahres-Risiko von ≥ 20 % für Personen ≤ 75 Jahre empfohlen.
Hintergrund
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die führende Todesursache in Deutschland. Die DEGAM S3-Leitlinie fokussiert sich auf die hausärztliche Risikoberatung von Patientinnen und Patienten ohne bereits manifeste kardiovaskuläre Erkrankung (Primärprävention). Ziel ist es, Überdiagnostik bei geringem Risiko zu vermeiden und Hochrisikopatienten gezielt zu identifizieren.
Indikation zur Risikoberatung
Die Indikation zur Beratung richtet sich nach Alter, Risikoprofil und psychosozialen Faktoren.
| Altersgruppe | Empfehlung zur Beratung | Kriterien / Anlass |
|---|---|---|
| 18–35 Jahre | Einmalig empfohlen | Bei hohem familiärem Risiko (z. B. familiäre Hypercholesterinämie) |
| Ab 35 Jahren | Soll empfohlen werden | Erhöhtes Risikoprofil, hohe psychosoziale Belastung, niedriger Bildungsgrad/SES, auf Patientenwunsch |
| Ab 35 Jahren | Sollte empfohlen werden | Neu festgestellte Risikofaktoren (Rauchen, Hypertonie, Typ-2-Diabetes, Adipositas, eGFR < 60, etc.) |
| Ab 50 Jahren | Sollte empfohlen werden | Anlasslos und unabhängig von bekannten Risikofaktoren |
In palliativen Situationen oder bei deutlich eingeschränkter Lebenserwartung sollte keine Risikoberatung erfolgen.
Risikoschätzung
Für die Beratung soll das globale, absolute kardiovaskuläre Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall (meist 10-Jahres-Risiko) als vorrangige Entscheidungsgrundlage dienen. Die Nutzung validierter Scores wird empfohlen.
| Risikoscore | Zielgruppe | Endpunkte (10 Jahre) | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| arriba Herz | 30–90 Jahre | Herzinfarkt / Schlaganfall | Integriert in Entscheidungshilfe, zeigt absolute Risikodifferenz durch Interventionen |
| SCORE2 / SCORE2-OP | 40–89 Jahre | Kardiovaskuläre Mortalität, Herzinfarkt / Schlaganfall | Nicht für Typ-1/2-Diabetes oder chronische Niereninsuffizienz |
| PROCAM-Test | 20–75 Jahre | Herzinfarkt | Berücksichtigt u. a. familiäre Belastung und Diabetes |
Wichtig: Zusätzliche Marker wie Koronarer Kalziumscore (CAC), Intima-Media-Dicke, hsCRP, Knöchel-Arm-Index oder Lipoprotein(a) sollten nicht routinemäßig zur Risikoschätzung erhoben werden.
Partizipative Entscheidungsfindung (Shared Decision Making)
Entscheidungen zu Präventionsmaßnahmen sollen gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden. Hierbei sollten Entscheidungshilfen (wie das arriba-Instrument) genutzt werden, um Vor- und Nachteile sowie absolute Risikoreduktionen verständlich darzustellen.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen (Lebensstil)
Unabhängig vom individuellen Risiko gelten folgende Basisempfehlungen:
- Ernährung: Orientierung an der mediterranen Ernährung.
- Bewegung: Soll empfohlen werden. Mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten starke Intensität pro Woche. Sedentäres Verhalten (Sitzen) minimieren.
- Rauchen: Vollständiger Verzicht soll empfohlen werden.
- Alkohol: Kein oder möglichst wenig Alkohol. Geringe Mengen zur Risikoreduktion sollten nicht empfohlen werden.
- Nahrungsergänzungsmittel: Von Betacarotin soll abgeraten werden. Vitamin D und E sollten nicht empfohlen werden (außer bei nachgewiesenem Mangel).
Medikamentöse Therapie
Die Indikation zur medikamentösen Primärprävention richtet sich nach dem absoluten 10-Jahres-Risiko.
| Wirkstoff | Indikation (10-Jahres-Risiko) | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Statine | ≥ 20 % (Alter ≤ 75 Jahre) | Soll empfohlen werden | Als Fixdosistherapie in moderater Dosierung |
| Statine | 10 bis < 20 % | Sollte empfohlen werden | Bei deutlich erhöhtem altersbezogenem Risiko |
| ASS (75-100 mg) | ≥ 20 % | Kann empfohlen werden | - |
| ASS | < 10 % | Soll nicht eingesetzt werden | - |
Bei Statin-assoziierten Muskelschmerzen soll ein Auslassversuch, Wechsel oder eine Dosisreduktion erfolgen. Bei echter Unverträglichkeit und Risiko ≥ 20 % kann Ezetimib, Bempedoinsäure oder ein Fibrat empfohlen werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie für die Risikokommunikation das absolute Risiko anstelle von relativen Risiken. Das arriba-Tool hilft dabei, Patienten visuell zu verdeutlichen, wie stark eine Lebensstiländerung oder Statintherapie ihr persönliches 10-Jahres-Risiko tatsächlich senkt.