Chronische Nierenkrankheit (CKD): Leitlinie (DEGAM)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose einer CKD erfordert bei einer eGFR < 60 ml/min/1,73 m² eine Bestätigung durch eine zweite Messung nach 3 Monaten.
- •Ein allgemeines Screening asymptomatischer Erwachsener wird nicht empfohlen, jedoch ein regelmäßiges Monitoring bei Risikogruppen wie Diabetikern und Hypertonikern.
- •SGLT2-Hemmer werden bei einer Albuminurie ≥ 300 mg/g oder einer eGFR < 45 ml/min/1,73 m² empfohlen.
- •NSAR sind bei einer eGFR < 30 ml/min/1,73 m² absolut kontraindiziert.
- •Eine Überweisung in die Nephrologie soll bei jeder eGFR < 30 ml/min/1,73 m² erfolgen.
Hintergrund
Die chronische Nierenkrankheit (CKD) ist definiert durch eine eingeschränkte Nierenfunktion oder Nierenschäden (wie Albuminurie), die mindestens 3 Monate bestehen. In der Hausarztpraxis sind meist ältere Patienten in frühen Stadien betroffen. Die Hauptursachen für ein dialysepflichtiges Nierenversagen sind Diabetes mellitus und arterielle Hypertonie.
Klassifikation der CKD
Die Einteilung erfolgt nach den KDIGO-Kriterien anhand der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) und der Albuminurie.
| GFR-Stadium | eGFR (ml/min/1,73 m²) | Bezeichnung |
|---|---|---|
| G1 | ≥ 90 | normal oder hoch |
| G2 | 60-89 | leichtgradig eingeschränkt |
| G3a | 45-59 | leicht- bis mäßiggradig eingeschränkt |
| G3b | 30-44 | mäßig- bis hochgradig eingeschränkt |
| G4 | 15-29 | hochgradig eingeschränkt |
| G5 | < 15 | Nierenversagen |
| Albuminurie-Stadium | UACR (mg/g) | Bezeichnung |
|---|---|---|
| A1 | < 30 | normal bis leicht erhöht |
| A2 | 30-300 | mäßig erhöht |
| A3 | > 300 | stark erhöht |
Screening und Diagnostik
Ein allgemeines Screening asymptomatischer Erwachsener ohne Risikofaktoren wird nicht empfohlen.
Bei Risikogruppen gelten folgende Empfehlungen:
- Diabetes mellitus: Einmal jährlich eGFR bestimmen.
- Bluthochdruck: Bei Erstdiagnose eGFR bestimmen. Ist diese < 60 ml/min/1,73 m², soll die Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) im Urin bestimmt werden.
- Nephrotoxische Medikation: Bei dauerhafter Einnahme mindestens einmal jährlich die Nierenfunktion prüfen.
Vorgehen bei Erstdiagnose einer eGFR < 60 ml/min/1,73 m²:
- Soll nach 3 Monaten kontrolliert werden, um die Diagnose CKD zu sichern.
- Soll eine Bestimmung der UACR und ein Urinstreifentest auf Hämaturie erfolgen.
- Sollte eine einmalige Ultraschalluntersuchung der Nieren empfohlen werden.
- Soll das kardiovaskuläre Risiko mit einem validierten Score evaluiert werden.
Therapie und Medikamentenmanagement
Die Therapie zielt auf die Progressionshemmung und kardiovaskuläre Prävention ab.
- Blutdruck: Zielwerte individuell festlegen. Bevorzugt ACE-Hemmer oder Angiotensinrezeptorblocker (ARB) einsetzen.
- SGLT2-Hemmer: Empfohlen bei Albuminurie ≥ 300 mg/g oder eGFR < 45 ml/min/1,73 m². Unterhalb einer eGFR von 20 ml/min/1,73 m² sollte keine Therapie neu begonnen werden.
- Statine: Patienten ≤ 75 Jahre ohne kardiovaskuläres Ereignis sollen bei hohem Risiko ein Statin zur Primärprävention erhalten.
- Hyperurikämie: Eine asymptomatische Hyperurikämie soll nicht harnsäuresenkend behandelt werden.
- Ernährung: Mediterrane Kost, kochsalzarm, Verzicht auf Fertigprodukte (phosphathaltige Zusatzstoffe). Normale Proteinzufuhr (0,8-1,0 g/kg).
Umgang mit Risikomedikamenten
Vor jeder Neuverordnung soll die Nierenfunktion beachtet werden. Mindestens einmal jährlich soll ein Medikamentenreview erfolgen.
| Medikamentengruppe | Auswirkung bei CKD | Empfehlung / Maßnahme |
|---|---|---|
| NSAR | Nephrotoxisch, renale Minderperfusion | Bei eGFR < 30 kontraindiziert. Bei > 30 so kurz und niedrig dosiert wie möglich. |
| Metformin | Laktatazidose-Risiko | Bei eGFR < 30 ml/min/1,73 m² pausieren/vermeiden. |
| ACE-Hemmer / ARB | Hyperkaliämie, Hypotonie | Nierenwerte nach Einleitung kontrollieren. Kombination beider Wirkstoffe vermeiden. |
| Kontrastmittel | Akute Nierenschädigung | eGFR-Messung vor Gabe, kritische Indikationsstellung, ausreichende Hydrierung. |
Überweisung in die Nephrologie
Eine nephrologische Mitbeurteilung sollte empfohlen werden:
- Generell bei jeder erstmals festgestellten eGFR < 30 ml/min/1,73 m².
- Bei eGFR 30-60 ml/min/1,73 m² in Kombination mit: persistierender Hämaturie, Albuminurie ≥ A2, refraktärer Hypertonie (≥ 3 Wirkstoffe) oder Auffälligkeiten im Ultraschall.
- Bei Verdacht auf renale Anämie oder Störungen im Calcium-Phosphat-Haushalt (CKD-MBD).
Impfungen
Abweichend von der Allgemeinbevölkerung sollen CKD-Patienten folgende Impfungen erhalten:
- Influenza: Jährlich, auch unter 60 Jahren.
- Herpes Zoster: Ab 50 Jahren.
- Pneumokokken: PCV20 ohne Altersangabe.
- RSV: Einmalig ab 60 Jahren.
- Hepatitis B: Bei Immunsuppression oder drohender Nierenersatztherapie.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei Patienten mit CKD mindestens einmal jährlich ein Medikamentenreview durch. Achten Sie dabei besonders auf freiverkäufliche Medikamente (OTC) wie NSAR, da diese bei einer eGFR < 30 ml/min/1,73 m² kontraindiziert sind.