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Kiefergelenkluxation: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnose einer nicht-traumatischen akuten Luxation kann primär klinisch gestellt werden.
  • Die manuelle Reposition nach Hippokrates ist die Methode der ersten Wahl und sollte so früh wie möglich erfolgen.
  • Bei intraoraler Reposition Finger auf die Linea obliqua legen und Kopf des Patienten stabilisieren.
  • Bei rezidivierenden Luxationen wird die Eigenbluttherapie (LoE 1+) als minimalinvasives Verfahren empfohlen.
  • Vor Intubationen muss das Risiko einer Luxation evaluiert und die Kieferbewegung prä- und postoperativ geprüft werden.
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Hintergrund

Die Kiefergelenkluxation (Kondylusluxation) ist eine primär muskulär bzw. neuromuskulär bedingte Dislokation des Kondylus vor das Tuberculum articulare. Die Einteilung erfolgt gemäß der ESTMJS-Konsensuskonferenz:

KategorieAusprägungDefinition
ReponierbarkeitFixiertÄrztliche Intervention erforderlich (Kiefersperre)
Nicht-fixiertSpontan selbst reponierbar (Subluxation)
VerlaufAkzidentellEinzelnes Ereignis
RezidivierendMultiple Luxationen im zeitlichen Verlauf
HabituellLuxationen bereits bei physiologischen Bewegungen
DauerAkutKürzlich aufgetreten
ChronischBesteht länger als 4 Wochen
LangbestehendMit adaptiven/degenerativen Veränderungen

Symptome und Diagnostik

Klinische Leitsymptome sind eine leere Gelenkpfanne, Okklusionsstörungen (Unfähigkeit des Kieferschlusses), Schmerzen und muskuläre Dysfunktion. Bei dementen oder sedierten Patienten kann die Symptomatik abgeschwächt sein.

  • Klinische Diagnose (Starker Konsens): Bei erstmaliger Luxation ohne Trauma reicht die klinische Untersuchung (Inspektion, Palpation) aus.
  • Bildgebung (Empfehlungsgrad B): Indiziert bei Differentialdiagnosen, zum Frakturausschluss oder zur Therapieplanung.

Konservative Therapie und Reposition

Jede nicht-traumatische Luxation sollte schnellstmöglich manuell reponiert werden. Je früher, desto höher die Erfolgsrate.

  • Methode der Wahl (Empfehlungsgrad B): Repositionstechnik nach Hippokrates.
  • Schutzmaßnahmen (Starker Konsens): Verwendung eines Beißblocks und doppelter Handschuhe. Finger auf die Linea obliqua legen, nicht auf die Zahnreihe.
  • Patientenpositionierung (Empfehlungsgrad B): Kopf des sitzenden Patienten stabilisieren (z. B. gegen Kopfstütze oder Brust des Behandlers).
  • Vorgehen: Gelenke seitengetrennt reponieren. Bei Infektionsrisiko oder Demenz kann bei einseitiger Luxation extraoral reponiert werden.
TherapiestufeMaßnahmeBemerkung
Stufe 1Manuelle Reposition ohne MedikamenteInitialer Versuch bei akuter Luxation
Stufe 2Reposition mit MedikamentenGabe von Muskelrelaxanzien und/oder Analgetika
Stufe 3Reposition unter Sedierung/NarkoseBei ausbleibendem Erfolg der Stufen 1 und 2

Nach akuter Luxation sollten elastische Binden zur Stabilisierung eingesetzt werden, um Reluxationen zu vermeiden.

Minimalinvasive Therapie

Wenn konservative Maßnahmen bei rezidivierenden/habituellen Luxationen versagen, sind minimalinvasive Verfahren indiziert:

  • Eigenbluttherapie (Empfehlungsgrad B, LoE 1+): Injektion von autologem Blut in den oberen Gelenkspalt und das perikapsuläre Gewebe, idealerweise kombiniert mit intermaxillärer Fixation. Zeigt die beste wissenschaftliche Evidenz.
  • Botulinumtoxin (Starker Konsens): Intramuskuläre Injektion in den M. pterygoideus lateralis. Gilt als Off-Label-Use, wird aber von der Leitliniengruppe empfohlen.

Operative Therapie

Bei fehlender Besserung nach konservativen und minimalinvasiven Verfahren sollte eine offene chirurgische Therapie geprüft werden (Empfehlungsgrad B).

OperationszielMögliche Verfahren
Erleichterung der SpontanrepositionEminektomie (oft in Kombination mit Diskus-Arthroplastik)
Vermeidung von ReluxationenVerriegelungsplastik (z. B. nach Dautrey), Zügelplastiken
Korrektur Kapsel-Band-ApparatKapselraffung, Kapsel-Band-Plastiken

Bei chronischen/persistierenden Luxationen kommen redressive Verfahren, Eminektomien oder im Einzelfall Kondylektomien zum Einsatz. Postoperativ wird weiche Kost und die Vermeidung weiter Kieferöffnungen empfohlen.

Besonderheiten bei Intubation und Narkose

Intubationen und endoskopische Untersuchungen sind häufige iatrogene Auslöser.

  • Präoperativ (Starker Konsens): Patienten nach stattgehabten Luxationen befragen und über das Risiko aufklären.
  • Kontrolle (Starker Konsens): Vor und nach jeder Intubation die funktionelle Kieferbewegung prüfen.
  • Risikopatienten: Fiberoptische Intubation oder Videolaryngoskopie erwägen, da auch bei Larynxmasken Luxationen beschrieben sind.

💡Praxis-Tipp

Legen Sie bei der intraoralen Reposition nach Hippokrates Ihre Daumen unbedingt auf die Linea obliqua und nicht auf die Kauflächen der Molaren, um schwere Bissverletzungen beim plötzlichen Kieferschluss zu vermeiden.

Häufig gestellte Fragen

Anhand von Anamnese und Klinik (leere Gelenkpfanne, Kiefersperre). Ein Röntgen ist bei eindeutiger, nicht-traumatischer Genese initial nicht zwingend erforderlich.
Die manuelle Reposition nach Hippokrates ist die Methode der ersten Wahl. Die Seiten sollten nacheinander reponiert werden.
Wenn der initiale Repositionsversuch ohne Medikamente scheitert, sollten Muskelrelaxanzien, Analgetika oder eine Sedierung/Narkose eingesetzt werden.
Die Eigenbluttherapie (Injektion in den Gelenkspalt) weist die höchste Evidenz auf. Auch Botulinumtoxin (Off-Label) kann eingesetzt werden.
Bei Risikopatienten sollte die Kieferbewegung vor und nach der Intubation geprüft werden. Gegebenenfalls ist eine fiberoptische Intubation vorzuziehen.

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