Kiefergelenkersatz (TEP): S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Der totale Kiefergelenkersatz ist primär bei Endstadium-Erkrankungen (Wilkes V und VI) indiziert, wenn konservative Therapien versagen.
- •Es wird zwischen patientenspezifischen (Custom-made) und konfektionierten (Stock) Prothesen unterschieden.
- •Metall-auf-Metall-Prothesen sollten wegen möglichen Abriebs und Allergierisiken kritisch abgewogen werden.
- •Ein multidisziplinärer Ansatz zur präoperativen Schmerzreduktion wird dringend empfohlen.
- •Die Erwartung einer vollständigen Wiederherstellung des prämorbiden Gelenkzustands ist unrealistisch, die Lebensqualität steigt jedoch signifikant.
Hintergrund
Der totale alloplastische Kiefergelenkersatz rückt durch verbesserte Prothesensysteme zunehmend in den klinischen Fokus. Er bleibt primär schwer geschädigten Kiefergelenken im Endstadium (Wilkes Stadien V und VI) vorbehalten, die konservativ oder durch konventionelle chirurgische Verfahren nicht mehr therapierbar sind. Auffällig ist, dass die Patientenklientel im Vergleich zur Orthopädie relativ jung ist (durchschnittlich 40-50 Jahre zum Zeitpunkt der Implantation) und eine starke Prädominanz weiblicher Patienten (ca. 68 %) aufweist.
Prothesenkategorien und Materialien
Grundsätzlich werden zwei Kategorien von Kiefergelenkprothesen unterschieden:
| Kategorie | Beschreibung | Anpassung |
|---|---|---|
| Stock-Prothesen | Vorgefertigte Prothesen in Standardgrößen | Intraoperative Anpassung an die individuelle Anatomie erforderlich |
| Custom-made-Prothesen | Patientenspezifische Implantate | Präoperative Anfertigung basierend auf 3D-CT-Datensätzen |
Für die Komponenten der Prothesen sind in Deutschland verschiedene Materialien zugelassen:
| Komponente | Verwendete Materialien |
|---|---|
| Fossa | UHMWPE (hochverdichtetes Polyethylen), Titan mit UHMWPE-Oberfläche, Kobalt-Chrom-Molybdän-Legierung, Titan mit Zirkondioxidbeschichtung |
| Kondylus | Kobalt-Chrom-Molybdän-Legierung (ggf. mit Titan-Oberfläche), Reintitan (bei Metallallergie), Titan mit Zirkondioxidbeschichtung |
| Schrauben | Titan-Legierung |
- Empfehlung zu Metall-auf-Metall-Prothesen: Die Verwendung reiner Metall-auf-Metall-Prothesen sollte sorgfältig abgewogen werden (Konsens B, Evidenzgrad: IIb+ / Vb0), da in der Literatur Hinweise auf erhöhte Abriebraten, Fremdkörperreaktionen und Allergenexpositionen bestehen.
Therapieziele
Das primäre Ziel des Eingriffs ist die optimale Wiederherstellung von Form, Funktion, Ästhetik und Lebensqualität. Zu den spezifischen Zielen gehören:
- Entfernung von erkranktem Gewebe
- Korrektur gestörter Okklusion und Gesichtsdeformitäten
- Verbesserung der Kieferöffnung (z. B. für Intubation, Zahnhygiene, Nahrungsaufnahme)
- Schmerzreduktion und Prävention weiterer Gelenkdestruktionen
Kernaussage: Die Erwartung, dass durch den Gelenkersatz der vollständig funktionelle prämorbide Zustand erreicht wird, ist unrealistisch (Starker Konsens). Dennoch wird die subjektive Lebensqualität signifikant verbessert. Ein multidisziplinärer Ansatz (Schmerztherapeuten, Physiotherapeuten, Psychologen etc.) sollte angestrebt werden (Starker Konsens B).
Indikationen
Die Indikationsstellung erfordert eine strenge Abwägung. Primäre Indikationen umfassen:
| Indikation | Ursache / Bemerkung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Endstadium-Destruktion | Degenerativ, posttraumatisch oder durch multiple Voroperationen (Wilkes V/VI) | Starker Konsens 0, Evidenzgrad: IIb+ |
| Schwere Entzündungen | Autoimmunerkrankungen (z. B. rheumatoide Arthritis) mit Gelenkdestruktion | Starker Konsens 0, Evidenzgrad: IIb+ |
| Ankylose | Konventionell therapierefraktäre Ankylosen | Starker Konsens B, Evidenzgrad: IIb+ |
| Fehlbildungen | Kongenitale/erworbene Aplasien, Hypoplasien oder Deformationen | Starker Konsens 0, Evidenzgrad: IIb+ |
| Neoplasien | Tumore/Raumforderungen, die die Gelenkfunktion kompromittieren | Starker Konsens 0, Evidenzgrad: IIb+ |
Sekundäre Indikationen wie therapierefraktäre Schmerzen oder isolierte Okklusionsstörungen sind sehr streng zu stellen, da funktionelle Einschränkungen (besonders in der horizontalen Beweglichkeit) auch postoperativ verbleiben.
Lebensdauer
Die zu erwartende Lebensdauer ist aufgrund des jungen Patientenalters ein entscheidender Faktor. Bisherige Schätzungen gehen von 15 bis 25 Jahren aus. Da jedoch Langzeitstudien mit einem Follow-up von über 15 bis 20 Jahren fehlen, ist eine abschließende evidenzbasierte Aussage zum langfristigen Abriebverhalten derzeit noch nicht möglich (Starker Konsens).
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Patienten präoperativ zwingend darüber auf, dass ein Kiefergelenkersatz den prämorbiden Zustand nicht zu 100 % wiederherstellt und funktionelle Einschränkungen (z. B. bei der horizontalen Beweglichkeit) verbleiben werden.