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Okklusionsschienen bei CMD: S2k-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Okklusionsschienen wirken bei craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) über spezifische biomechanische und unspezifische Effekte.
  • Relaxierungsschienen sind das Mittel der Wahl für die Kurz- und Langzeitanwendung bei Myopathien und Arthropathien.
  • Reflexschienen dürfen wegen der Gefahr irreversibler Okklusionsstörungen nur kurzzeitig (wenige Wochen) eingesetzt werden.
  • Positionierungsschienen dienen der zeitbefristeten Entlastung bei Arthralgien; die Indikation ist streng zu stellen.
  • Für Kinder unter 10 Jahren gibt es keine ausreichende Evidenz für den Einsatz von Okklusionsschienen.
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Hintergrund

Die craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) umfasst Schmerzen (Kaumuskulatur, Kiefergelenk, parafunktioneller Zahnschmerz) und Dysfunktionen (Bewegungseinschränkungen, intraartikuläre Störungen, Okklusionsstörungen). Die zahnärztliche Therapie erfolgt initial oft über temporär getragene Okklusionsschienen (OS), eingebettet in ein multimodales Konzept (Aufklärung, Physiotherapie, Selbstmanagement).

Wirkungsweise von Okklusionsschienen

Starker Konsens: Okklusionsschienen wirken im Rahmen der CMD-Therapie über spezifische und unspezifische Effekte.

Zu den diskutierten Wirkmechanismen zählen:

  • Biomechanische Änderung der Lagebeziehung von Unter- zu Oberkiefer
  • Reorganisation neuromuskulärer Rekrutierungsmuster (Entlastung)
  • Hemmung der Muskelaktivität durch Nozizeption und Feedbackreduktion
  • Entlastung lädierter Kiefergelenkstrukturen
  • Kontextspezifische Wirkungen (Placebo-Effekt)

Starker Konsens: Okklusionsschienen können im Ober- wie im Unterkiefer eingesetzt werden. Im Wachzustand werden Unterkieferschienen oft aus phonetischen und ästhetischen Gründen bevorzugt.

Übersicht der Schienentypen

SchienentypGestaltungHauptindikationTragedauer
RelaxierungsschieneBedeckt alle Zähne, punktförmige Abstützung, Front-/EckzahnführungMyopathien, Arthropathien, BruxismusKurz- und Langzeit
ReflexschienePunkt-/linienförmige Kontakte nur auf bestimmten Zähnen (z.B. Front)Akute myogene Dysfunktion, KieferpressenKurzzeitig (wenige Wochen)
PositionierungsschieneDeutliches okklusales Relief, zwingt UK in therapeutische PositionArthralgien, intermittierende KieferklemmeBefristet (Ausschleichen angestrebt)

Relaxierungsschienen

Relaxierungsschienen (z.B. Michiganschiene) fassen alle Zähne des schienentragenden Kiefers und gewährleisten eine Abstützung aller Zähne des Gegenkiefers. Bei Vor- und Seitschub bewirkt eine Front-/Eckzahnführung die Entkoppelung aller Seitenzähne.

  • Starker Konsens: Bei langdauernder Anwendung (> 1 Monat) sollten OS bevorzugt aus hartem Kunststoff bestehen, alle Zähne bedecken und alle Antagonisten abstützen.
  • Starker Konsens: Bei Myopathien ohne Bruxismus können individuell gefertigte harte oder weiche Schienen eingesetzt werden. Bei > 4 Wochen Tragedauer sind harte Oberflächen zu bevorzugen.
  • Starker Konsens: Relaxierungsschienen sollten im Seitenzahnbereich eine Schichtstärke von ca. 2 mm aufweisen. Bei besonderer Indikation (Gelenkschmerz) kann eine Erhöhung auf ca. 4 mm erwogen werden.

Reflexschienen

Reflexschienen (z.B. anteriores Plateau, Interzeptor nach Schulte) weisen nur punkt- oder linienförmige antagonistische Kontakte auf bestimmten Zähnen auf (meist Frontzähne). Dies soll über parodontale Mechanorezeptoren eine reflektorische Hemmung der kieferschließenden Muskulatur bewirken.

  • Starker Konsens: Reflexschienen können bei Patienten mit guter Adhärenz und engmaschigem Kontrollintervall wenige Wochen getragen werden. Dies begrenzt das Risiko von Nebenwirkungen (Zahnbewegungen, Zahnlockerungen, Odontalgie).
  • Starker Konsens: Bei CMD-Patienten mit Bruxismus (insbesondere Kieferpressen) können sie zur Reduktion der Muskelaktivität genutzt werden.

Positionierungsschienen

Positionierungsschienen (Repositionsschienen, Distraktionsschienen) zwingen den Unterkiefer über ein okklusales Relief oder Führungselemente in eine therapeutische (meist protrudierte oder kaudale) Position. Ziel ist die Entlastung der Gelenkstrukturen, nicht zwingend die dauerhafte Reposition des Diskus.

  • Starker Konsens: Repositionsschienen können zur Behandlung von Arthralgien (z.B. Synovitis), intermittierender Kieferklemme und zur Entlastung eingesetzt werden. Tragedauer nach Möglichkeit bis zu 24 Stunden/Tag.
  • Konsens: Ein Ausschleichen (nur noch nachts tragen) sollte versucht werden, sobald ein klinisch relevanter Therapieeffekt erreicht ist.
  • Starker Konsens: Die Indikation sollte aufgrund möglicher Nebenwirkungen (insbesondere posterior offener Biss) streng gestellt werden.
  • Starker Konsens: Pivotierungsschienen sollten aufgrund ihres ungünstigen Nebenwirkungsprofils nicht mehr eingesetzt werden.

Kinder und Jugendliche

CMD-Symptome können bereits bei Kindern auftreten, die Prävalenz steigt in der Pubertät deutlich an.

  • Starker Konsens: Es gibt keine ausreichende Evidenz zum Einsatz von OS bei Kindern unter 10 Jahren. Bei Kindern bis zum Abschluss der Wechselgebissphase sollten OS nicht länger als 3 Monate angewendet werden, um das Kieferwachstum nicht zu beeinträchtigen.

Nachsorge

Starker Konsens: Die Nachsorge muss eine anamnestische Erhebung, die Inspektion der Schiene auf Nutzungsspuren (Schlifffacetten) und eine klinische Nachbefundung umfassen. OS müssen regelmäßig auf die Notwendigkeit subtraktiver oder additiver Maßnahmen kontrolliert werden.

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie weiche Schienen niemals bei Patienten mit Bruxismus, da diese die Muskelaktivität paradoxerweise verstärken können. Setzen Sie bei Langzeittherapien (>4 Wochen) stets auf harte, adjustierte Relaxierungsschienen.

Häufig gestellte Fragen

Eine harte Relaxierungsschiene, die alle Zähne bedeckt und im Seitenzahnbereich abstützt. Weiche Schienen sind bei Bruxismus kontraindiziert.
Reflexschienen dürfen nur wenige Wochen unter engmaschiger Kontrolle getragen werden, da sonst irreversible Zahnstellungsänderungen, Elongationen oder Intrusionen drohen.
Beides ist möglich und wirksam. Unterkieferschienen werden oft bevorzugt, wenn die Schiene tagsüber getragen wird, da sie Ästhetik und Phonetik weniger beeinträchtigen.
Bei Arthralgien (z.B. Synovitis) oder intermittierender Kieferklemme zur zeitbefristeten Entlastung der Gelenkstrukturen. Die Indikation ist wegen der Gefahr eines posterior offenen Bisses streng zu stellen.
Unter 10 Jahren fehlt die Evidenz. Bis zum Abschluss der Wechselgebissphase dürfen Schienen maximal 3 Monate getragen werden, um das Kieferwachstum nicht zu stören.

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