Okklusionsschienen bei CMD: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Okklusionsschienen wirken bei craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) über spezifische biomechanische und unspezifische Effekte.
- •Relaxierungsschienen sind das Mittel der Wahl für die Kurz- und Langzeitanwendung bei Myopathien und Arthropathien.
- •Reflexschienen dürfen wegen der Gefahr irreversibler Okklusionsstörungen nur kurzzeitig (wenige Wochen) eingesetzt werden.
- •Positionierungsschienen dienen der zeitbefristeten Entlastung bei Arthralgien; die Indikation ist streng zu stellen.
- •Für Kinder unter 10 Jahren gibt es keine ausreichende Evidenz für den Einsatz von Okklusionsschienen.
Hintergrund
Die craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) umfasst Schmerzen (Kaumuskulatur, Kiefergelenk, parafunktioneller Zahnschmerz) und Dysfunktionen (Bewegungseinschränkungen, intraartikuläre Störungen, Okklusionsstörungen). Die zahnärztliche Therapie erfolgt initial oft über temporär getragene Okklusionsschienen (OS), eingebettet in ein multimodales Konzept (Aufklärung, Physiotherapie, Selbstmanagement).
Wirkungsweise von Okklusionsschienen
Starker Konsens: Okklusionsschienen wirken im Rahmen der CMD-Therapie über spezifische und unspezifische Effekte.
Zu den diskutierten Wirkmechanismen zählen:
- Biomechanische Änderung der Lagebeziehung von Unter- zu Oberkiefer
- Reorganisation neuromuskulärer Rekrutierungsmuster (Entlastung)
- Hemmung der Muskelaktivität durch Nozizeption und Feedbackreduktion
- Entlastung lädierter Kiefergelenkstrukturen
- Kontextspezifische Wirkungen (Placebo-Effekt)
Starker Konsens: Okklusionsschienen können im Ober- wie im Unterkiefer eingesetzt werden. Im Wachzustand werden Unterkieferschienen oft aus phonetischen und ästhetischen Gründen bevorzugt.
Übersicht der Schienentypen
| Schienentyp | Gestaltung | Hauptindikation | Tragedauer |
|---|---|---|---|
| Relaxierungsschiene | Bedeckt alle Zähne, punktförmige Abstützung, Front-/Eckzahnführung | Myopathien, Arthropathien, Bruxismus | Kurz- und Langzeit |
| Reflexschiene | Punkt-/linienförmige Kontakte nur auf bestimmten Zähnen (z.B. Front) | Akute myogene Dysfunktion, Kieferpressen | Kurzzeitig (wenige Wochen) |
| Positionierungsschiene | Deutliches okklusales Relief, zwingt UK in therapeutische Position | Arthralgien, intermittierende Kieferklemme | Befristet (Ausschleichen angestrebt) |
Relaxierungsschienen
Relaxierungsschienen (z.B. Michiganschiene) fassen alle Zähne des schienentragenden Kiefers und gewährleisten eine Abstützung aller Zähne des Gegenkiefers. Bei Vor- und Seitschub bewirkt eine Front-/Eckzahnführung die Entkoppelung aller Seitenzähne.
- Starker Konsens: Bei langdauernder Anwendung (> 1 Monat) sollten OS bevorzugt aus hartem Kunststoff bestehen, alle Zähne bedecken und alle Antagonisten abstützen.
- Starker Konsens: Bei Myopathien ohne Bruxismus können individuell gefertigte harte oder weiche Schienen eingesetzt werden. Bei > 4 Wochen Tragedauer sind harte Oberflächen zu bevorzugen.
- Starker Konsens: Relaxierungsschienen sollten im Seitenzahnbereich eine Schichtstärke von ca. 2 mm aufweisen. Bei besonderer Indikation (Gelenkschmerz) kann eine Erhöhung auf ca. 4 mm erwogen werden.
Reflexschienen
Reflexschienen (z.B. anteriores Plateau, Interzeptor nach Schulte) weisen nur punkt- oder linienförmige antagonistische Kontakte auf bestimmten Zähnen auf (meist Frontzähne). Dies soll über parodontale Mechanorezeptoren eine reflektorische Hemmung der kieferschließenden Muskulatur bewirken.
- Starker Konsens: Reflexschienen können bei Patienten mit guter Adhärenz und engmaschigem Kontrollintervall wenige Wochen getragen werden. Dies begrenzt das Risiko von Nebenwirkungen (Zahnbewegungen, Zahnlockerungen, Odontalgie).
- Starker Konsens: Bei CMD-Patienten mit Bruxismus (insbesondere Kieferpressen) können sie zur Reduktion der Muskelaktivität genutzt werden.
Positionierungsschienen
Positionierungsschienen (Repositionsschienen, Distraktionsschienen) zwingen den Unterkiefer über ein okklusales Relief oder Führungselemente in eine therapeutische (meist protrudierte oder kaudale) Position. Ziel ist die Entlastung der Gelenkstrukturen, nicht zwingend die dauerhafte Reposition des Diskus.
- Starker Konsens: Repositionsschienen können zur Behandlung von Arthralgien (z.B. Synovitis), intermittierender Kieferklemme und zur Entlastung eingesetzt werden. Tragedauer nach Möglichkeit bis zu 24 Stunden/Tag.
- Konsens: Ein Ausschleichen (nur noch nachts tragen) sollte versucht werden, sobald ein klinisch relevanter Therapieeffekt erreicht ist.
- Starker Konsens: Die Indikation sollte aufgrund möglicher Nebenwirkungen (insbesondere posterior offener Biss) streng gestellt werden.
- Starker Konsens: Pivotierungsschienen sollten aufgrund ihres ungünstigen Nebenwirkungsprofils nicht mehr eingesetzt werden.
Kinder und Jugendliche
CMD-Symptome können bereits bei Kindern auftreten, die Prävalenz steigt in der Pubertät deutlich an.
- Starker Konsens: Es gibt keine ausreichende Evidenz zum Einsatz von OS bei Kindern unter 10 Jahren. Bei Kindern bis zum Abschluss der Wechselgebissphase sollten OS nicht länger als 3 Monate angewendet werden, um das Kieferwachstum nicht zu beeinträchtigen.
Nachsorge
Starker Konsens: Die Nachsorge muss eine anamnestische Erhebung, die Inspektion der Schiene auf Nutzungsspuren (Schlifffacetten) und eine klinische Nachbefundung umfassen. OS müssen regelmäßig auf die Notwendigkeit subtraktiver oder additiver Maßnahmen kontrolliert werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie weiche Schienen niemals bei Patienten mit Bruxismus, da diese die Muskelaktivität paradoxerweise verstärken können. Setzen Sie bei Langzeittherapien (>4 Wochen) stets auf harte, adjustierte Relaxierungsschienen.