Kondylushypo- und -hyperplasie: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Bei fazialer Asymmetrie und Kiefergelenkbeschwerden muss eine kondyläre Wachstumsstörung ausgeschlossen werden.
- •Die SPECT-Untersuchung gilt als Standard zur Bestimmung der Wachstumsaktivität bei Kondylushyperplasie.
- •Bei aktiver Hyperplasie ist die hohe oder proportionale Kondylektomie indiziert, um das überschießende Wachstum zu stoppen.
- •Eine routinemäßige Diskusreposition ist bei der operativen Therapie im Regelfall nicht erforderlich.
- •Bei inaktiver Hyperplasie stehen kieferorthopädische und orthognath-chirurgische Maßnahmen im Vordergrund.
Hintergrund
Die Kondylushyperplasie ist eine abnorme Größen- und Formveränderung des Processus condylaris, die meist unilateral auftritt und selbstlimitierend ist. Sie entsteht durch eine ungeklärte autonome Aktivierung der Kambiumschicht im Bereich des Kondylus, typischerweise zwischen dem 6. und 27. Lebensjahr.
Je nach Wachstumstyp kommt es zu unterschiedlichen klinischen Manifestationen:
- Vertikaler Wachstumstyp: Führt zu einem einseitig offenen Biss.
- Horizontaler Wachstumstyp: Führt zu einer Mittellinienverschiebung (Laterognathie zur Gegenseite).
Die Kondylushypoplasie hingegen manifestiert sich oft im frühen Jugendalter oder ist angeboren, häufig im Rahmen von Syndromen (z. B. Treacher-Collins-Syndrom, Goldenhar-Syndrom).
Symptomatik und Indikation
Den Hauptgrund für eine Behandlung stellt die faziale Asymmetrie dar. Bei etwa einem Drittel der Patienten stehen jedoch Schmerzen und/oder Dysfunktionen des Kiefergelenks im Vordergrund.
Bei Patienten mit Symptomen einer Kiefergelenkerkrankung (Schmerzen, Dysfunktion u.a.) soll eine Untersuchung hinsichtlich vorliegender fazialer Asymmetrie erfolgen, um Hinweise auf eine kondyläre Wachstumsstörung abzuklären.
Diagnostik
Die Diagnose sollte frühzeitig gestellt werden, um progressive Deformitäten zu vermeiden. Vor kieferorthopädischen oder -chirurgischen Behandlungen einer fazialen Asymmetrie soll eine aktive Kondylushyperplasie ausgeschlossen werden.
| Methode | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| OPG & Klinische Untersuchung | Basisdiagnostik | Screening-Verfahren, ergänzt durch Fernröntgenseitenbilder (FRS). |
| SPECT | Aktivitätsbestimmung | Sichert den Verdacht auf eine aktive Hyperplasie. Positiv bei Uptake >55 % oder Seitendifferenz >10 %. |
| CT / DVT | Weiterführende Diagnostik | Zur genauen Klassifikation, quantitativen Analyse und 3D-Planung. |
| MRT | Spezielle Fragestellungen | Zur Abklärung von Differentialdiagnosen (z.B. Neoplasien). |
Bei grenzwertiger SPECT und klinisch unauffälligem Progress sollte primär eine klinische Verlaufskontrolle (ggf. erneute SPECT nach 6 Monaten) durchgeführt werden.
Therapie der Kondylushyperplasie
Die Wahl der Therapie hängt maßgeblich vom Aktivitätsstatus (aktiv vs. inaktiv) ab.
Aktive Kondylushyperplasie
Ziel ist der Stopp des überschießenden Wachstums. Hierfür stehen primär zwei chirurgische Verfahren zur Verfügung, wobei es keine evidenzbasierte Empfehlung bezüglich der Präferenz zwischen beiden gibt.
| Verfahren | Resektionsausmaß | Indikation laut Leitlinie |
|---|---|---|
| Hohe Kondylektomie | ca. 3-5 mm inkl. Wachstumszone | Aktive Hyperplasie mit gering ausgeprägter Asymmetrie. |
| Proportionale Kondylektomie | Individueller Höhenunterschied zur Gegenseite | Aktive Hyperplasie mit stark ausgeprägter Asymmetrie und erhöhter Wachstumsaktivität. |
Wichtige chirurgische Prinzipien:
- Der Ansatz des M. pterygoideus lateralis sollte bei der proportionalen Kondylektomie geschont oder refixiert werden.
- Eine routinemäßige Diskusreposition und Diskopexie ist im Regelfall nicht erforderlich.
- Nach der Kondylektomie kann eine orthognathe OP zur Korrektur entstandener Malokklusionen indiziert sein. Der optimale Zeitpunkt (einzeitig vs. zweizeitig) ist nicht abschließend geklärt.
Inaktive Kondylushyperplasie
Ist das Wachstum abgeschlossen (negative SPECT, keine klinische Progredienz), sollte die Indikation für eine kieferorthopädisch-chirurgische Behandlung zur Korrektur entstandener Deformitäten geprüft werden. Konservative Maßnahmen (Zahnschienen, Prothetik) können bei geringen Deformitäten eine Alternative sein.
Kondylushypoplasie
Bei Patienten mit fazialer Asymmetrie und Kiefergelenksymptomen sollte auch eine Hypoplasie abgeklärt werden.
- Im Wachstumsalter sollte die Indikation für eine kieferorthopädische Therapie als Alternative zu chirurgischen Verfahren geprüft werden.
- Bei schweren Deformitäten sollen Patienten/Eltern darauf hingewiesen werden, dass Asymmetrien trotz operativer Intervention oft nicht vollständig beseitigt werden können.
💡Praxis-Tipp
Lassen Sie sich bei grenzwertigen SPECT-Befunden (Uptake-Differenz um 10 %) nicht zu einer sofortigen Operation drängen. Führen Sie stattdessen eine klinische Verlaufskontrolle durch und wiederholen Sie die SPECT gegebenenfalls nach 6 Monaten.