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Kondylushypo- und -hyperplasie: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Bei fazialer Asymmetrie und Kiefergelenkbeschwerden muss eine kondyläre Wachstumsstörung ausgeschlossen werden.
  • Die SPECT-Untersuchung gilt als Standard zur Bestimmung der Wachstumsaktivität bei Kondylushyperplasie.
  • Bei aktiver Hyperplasie ist die hohe oder proportionale Kondylektomie indiziert, um das überschießende Wachstum zu stoppen.
  • Eine routinemäßige Diskusreposition ist bei der operativen Therapie im Regelfall nicht erforderlich.
  • Bei inaktiver Hyperplasie stehen kieferorthopädische und orthognath-chirurgische Maßnahmen im Vordergrund.
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Hintergrund

Die Kondylushyperplasie ist eine abnorme Größen- und Formveränderung des Processus condylaris, die meist unilateral auftritt und selbstlimitierend ist. Sie entsteht durch eine ungeklärte autonome Aktivierung der Kambiumschicht im Bereich des Kondylus, typischerweise zwischen dem 6. und 27. Lebensjahr.

Je nach Wachstumstyp kommt es zu unterschiedlichen klinischen Manifestationen:

  • Vertikaler Wachstumstyp: Führt zu einem einseitig offenen Biss.
  • Horizontaler Wachstumstyp: Führt zu einer Mittellinienverschiebung (Laterognathie zur Gegenseite).

Die Kondylushypoplasie hingegen manifestiert sich oft im frühen Jugendalter oder ist angeboren, häufig im Rahmen von Syndromen (z. B. Treacher-Collins-Syndrom, Goldenhar-Syndrom).

Symptomatik und Indikation

Den Hauptgrund für eine Behandlung stellt die faziale Asymmetrie dar. Bei etwa einem Drittel der Patienten stehen jedoch Schmerzen und/oder Dysfunktionen des Kiefergelenks im Vordergrund.

Bei Patienten mit Symptomen einer Kiefergelenkerkrankung (Schmerzen, Dysfunktion u.a.) soll eine Untersuchung hinsichtlich vorliegender fazialer Asymmetrie erfolgen, um Hinweise auf eine kondyläre Wachstumsstörung abzuklären.

Diagnostik

Die Diagnose sollte frühzeitig gestellt werden, um progressive Deformitäten zu vermeiden. Vor kieferorthopädischen oder -chirurgischen Behandlungen einer fazialen Asymmetrie soll eine aktive Kondylushyperplasie ausgeschlossen werden.

MethodeIndikationBemerkung
OPG & Klinische UntersuchungBasisdiagnostikScreening-Verfahren, ergänzt durch Fernröntgenseitenbilder (FRS).
SPECTAktivitätsbestimmungSichert den Verdacht auf eine aktive Hyperplasie. Positiv bei Uptake >55 % oder Seitendifferenz >10 %.
CT / DVTWeiterführende DiagnostikZur genauen Klassifikation, quantitativen Analyse und 3D-Planung.
MRTSpezielle FragestellungenZur Abklärung von Differentialdiagnosen (z.B. Neoplasien).

Bei grenzwertiger SPECT und klinisch unauffälligem Progress sollte primär eine klinische Verlaufskontrolle (ggf. erneute SPECT nach 6 Monaten) durchgeführt werden.

Therapie der Kondylushyperplasie

Die Wahl der Therapie hängt maßgeblich vom Aktivitätsstatus (aktiv vs. inaktiv) ab.

Aktive Kondylushyperplasie

Ziel ist der Stopp des überschießenden Wachstums. Hierfür stehen primär zwei chirurgische Verfahren zur Verfügung, wobei es keine evidenzbasierte Empfehlung bezüglich der Präferenz zwischen beiden gibt.

VerfahrenResektionsausmaßIndikation laut Leitlinie
Hohe Kondylektomieca. 3-5 mm inkl. WachstumszoneAktive Hyperplasie mit gering ausgeprägter Asymmetrie.
Proportionale KondylektomieIndividueller Höhenunterschied zur GegenseiteAktive Hyperplasie mit stark ausgeprägter Asymmetrie und erhöhter Wachstumsaktivität.

Wichtige chirurgische Prinzipien:

  • Der Ansatz des M. pterygoideus lateralis sollte bei der proportionalen Kondylektomie geschont oder refixiert werden.
  • Eine routinemäßige Diskusreposition und Diskopexie ist im Regelfall nicht erforderlich.
  • Nach der Kondylektomie kann eine orthognathe OP zur Korrektur entstandener Malokklusionen indiziert sein. Der optimale Zeitpunkt (einzeitig vs. zweizeitig) ist nicht abschließend geklärt.

Inaktive Kondylushyperplasie

Ist das Wachstum abgeschlossen (negative SPECT, keine klinische Progredienz), sollte die Indikation für eine kieferorthopädisch-chirurgische Behandlung zur Korrektur entstandener Deformitäten geprüft werden. Konservative Maßnahmen (Zahnschienen, Prothetik) können bei geringen Deformitäten eine Alternative sein.

Kondylushypoplasie

Bei Patienten mit fazialer Asymmetrie und Kiefergelenksymptomen sollte auch eine Hypoplasie abgeklärt werden.

  • Im Wachstumsalter sollte die Indikation für eine kieferorthopädische Therapie als Alternative zu chirurgischen Verfahren geprüft werden.
  • Bei schweren Deformitäten sollen Patienten/Eltern darauf hingewiesen werden, dass Asymmetrien trotz operativer Intervention oft nicht vollständig beseitigt werden können.

💡Praxis-Tipp

Lassen Sie sich bei grenzwertigen SPECT-Befunden (Uptake-Differenz um 10 %) nicht zu einer sofortigen Operation drängen. Führen Sie stattdessen eine klinische Verlaufskontrolle durch und wiederholen Sie die SPECT gegebenenfalls nach 6 Monaten.

Häufig gestellte Fragen

Eine aktive Hyperplasie liegt vor, wenn klinisch eine Progredienz der Asymmetrie besteht und in der SPECT-Untersuchung ein Uptake von mindestens 55 % oder eine Seitendifferenz von mindestens 10 % gemessen wird.
Nein. Laut Leitlinie ist eine routinemäßige Diskusreposition und Diskopexie weder bei asymptomatischen noch bei symptomatischen Diskusfunktionsstörungen im Regelfall erforderlich.
Es gibt hierzu keine harte evidenzbasierte Altersgrenze. In der Leitliniengruppe besteht jedoch die mehrheitliche Expertenmeinung, dass der Eingriff ab dem 14. Lebensjahr bei Mädchen bzw. dem 16. Lebensjahr bei Jungen durchgeführt werden kann.
Bei der hohen Kondylektomie werden meist 3-5 mm des Gelenkkopfes inklusive der Wachstumszone entfernt. Bei der proportionalen Kondylektomie richtet sich das Resektionsausmaß individuell nach dem Höhenunterschied zum gesunden, kontralateralen Kondylus.
Da das überschießende Wachstum bereits gestoppt ist, stehen hier kieferorthopädische und orthognath-chirurgische Maßnahmen zur Korrektur der entstandenen Asymmetrie und Malokklusion im Vordergrund.

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