Instrumentelle Funktionsanalyse: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die klinische Funktionsanalyse muss der instrumentellen Bewegungsanalyse zwingend vorausgehen.
- •Die instrumentelle Bewegungsanalyse dient nicht der Schmerzerfassung, sondern der Beurteilung der Unterkieferkinematik.
- •Bildgebende, ionisierende Verfahren (Röntgen) sind für die zahnärztliche Kondylenpositionsdiagnostik ungeeignet.
- •Zur Bestimmung der vertikalen Kieferrelation hat sich der engste Sprechabstand als zuverlässigste Methode bewährt.
- •Eine geplante Anhebung der vertikalen Relation muss vorab durch Okklusionsschienen oder Provisorien ausgetestet werden.
- •Bei CMD-Verdacht ist vor einer definitiven prothetischen Versorgung eine funktionelle Vorbehandlung indiziert.
Hintergrund
Unter der instrumentellen Funktionsanalyse werden zahnärztliche Untersuchungsmethoden verstanden, die mit speziellen Geräten eine quantitative und qualitative Beurteilung der Funktion des kraniomandibulären Systems ermöglichen. Sie fokussiert sich auf kinematische Aspekte des Unterkiefers, die Kondylenposition, die Kieferrelation sowie die Muskelaktivität.
Instrumentelle Bewegungsanalyse
Die Bewegungsanalyse erfasst die Unterkieferfunktion mit elektronischen oder mechanischen Messsystemen. Sie dient der individuellen Artikulator-Programmierung, der Präzisierung dysfunktioneller Befunde und der Verlaufsdokumentation.
Starker Konsens: Die instrumentelle Bewegungsanalyse baut auf der klinischen Funktionsanalyse auf. Letztere ist der erste und wichtigste Schritt und soll vor der instrumentellen Analyse durchgeführt werden.
Starker Konsens: Die instrumentelle Bewegungsanalyse ist keine Methode der Schmerzerfassung und soll nicht als solche eingesetzt werden.
Zur Einstellung eines Artikulators lassen sich folgende dynamische Funktionsparameter erheben:
| Parameter | Bedeutung |
|---|---|
| Sagittale Kondylenbahnneigung | Winkel der Protrusionsbahnen |
| Bennett-Winkel | Winkel der Mediotrusionsbahnen |
| Immediate Sideshift | Form der Mediotrusionsbahnen |
| Frontführungsteller | Sagittale und frontale Winkel |
Kondylenpositionsanalyse
Die Kondylenpositionsanalyse erfasst dreidimensional die Stellungen der Kondylen in relativem Bezug zu definierten Unterkieferlagen (meist maximale Interkuspidation vs. zentrische Kondylenposition).
Starker Konsens: In der zahnärztlichen Funktionstherapie und restaurativen Therapie sind Röntgentechniken für die kondyläre Positionsdiagnostik ungeeignet. Es soll keine Bestimmung mittels bildgebender, insbesondere ionisierender Verfahren vorgenommen werden.
Starker Konsens: Die Kondylenpositionsanalyse allein kann keine Hinweise zur Interpretation der klinischen Situation geben. Aus einer reinen Differenzmessung lässt sich keine invasive restaurative oder kieferorthopädische Therapie begründen.
Vertikale Kieferrelationsbestimmung
Die vertikale Kieferrelation (Untergesichtshöhe) muss neu bestimmt werden, wenn die statische Okklusion durch Zahnverlust oder starken Verschleiß nicht mehr gesichert ist. Es existiert kein einzelner "Goldstandard", weshalb mehrere Methoden kombiniert werden sollten.
| Methode | Beschreibung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Engster Sprechabstand | Abstand bei "s"-Aussprache (ca. 1-3 mm) | Zuverlässigste Methode, verhindert "Zähneklappern" beim Sprechen |
| Ruhelage | Zwangloser Lippenschluss nach Kieferöffnung | Unterliegt großen biologischen Schwankungen |
| Ästhetische Kriterien | Visuelle Beurteilung der Gesichtsproportionen | Nur als unterstützende Maßnahme geeignet |
Starker Konsens: Eine Erhöhung der vertikalen Relation zur Anfertigung von festsitzendem Zahnersatz ist möglich. Zur Absicherung sollte die angestrebte Anhebung jedoch vorher durch eine Probebehandlung mit Okklusionsschienen oder Langzeitprovisorien ausgetestet werden.
Horizontale Kieferrelationsbestimmung
Die horizontale Zuordnung des Unterkiefers zum Oberkiefer hängt maßgeblich von der vorhandenen Bezahnung ab.
Starker Konsens: Bei funktionsgesunden Patienten mit in vier Quadranten abgestützten Zahnreihen sollte die maximale Interkuspidation (MI) übernommen werden. Ein interokklusales Durchbiss-Registrat sollte nur verwendet werden, wenn sich die Modelle nicht eindeutig zusammensetzen lassen.
Starker Konsens: Ergibt die klinische Untersuchung den Verdacht auf eine craniomandibuläre Dysfunktion (CMD), sollte die vorgefundene Okklusion in der Regel nicht sofort für den Zahnersatz übernommen werden. Es sollte zunächst funktionell (z. B. mit Okklusionsschienen) vorbehandelt werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie zur Bestimmung der vertikalen Kieferrelation primär den engsten Sprechabstand (Aussprache von 's'-Lauten). Testen Sie eine geplante Bisshebung vor der definitiven prothetischen Versorgung immer erst reversibel mit einer Okklusionsschiene aus.