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Osteoporotische Wirbelfrakturen: Leitlinie (AWMF/DGOU)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Therapieentscheidung (konservativ vs. operativ) wird primär anhand des OF-Scores getroffen (<6 Punkte = konservativ).
  • Bei klinischem Frakturverdacht und unauffälligem Röntgenbild ist eine weiterführende Schnittbilddiagnostik (MRT/CT) zwingend erforderlich.
  • Bettruhe soll aufgrund der hohen Komplikationsrisiken vermieden oder so kurz wie möglich gehalten werden.
  • Bei frakturbedingten neurologischen Ausfällen soll eine operative Intervention innerhalb von 24 Stunden erfolgen.
  • Nach einer osteoporotischen Wirbelfraktur muss zeitnah eine osteologische Abklärung und medikamentöse Therapie eingeleitet werden.
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Hintergrund

Osteoporotische Wirbelkörperfrakturen gehören zu den häufigsten Erkrankungen der älteren Bevölkerung. Sie führen zu einem Strukturwandel des Bewegungssegments mit zunehmender Kyphosierung. Die Folgen sind weitreichend: Neben einer Abnahme des Tidalvolumens der Lunge um 9 % pro frakturiertem thorakalem Wirbelkörper kommt es zu einer Einschränkung der Lebensqualität und Mobilität. Die 5-Jahres-Mortalitätsrate nach Wirbelfrakturen ist mit 72 % signifikant hoch.

Diagnostik

Die klinische Untersuchung umfasst die Anamnese (Schmerzlokalisation, Sturzereignis, neurologische Ausfälle) sowie die Inspektion (Kyphosierung, Größenverlust >2 cm kurzfristig bzw. >5 cm langfristig, Tannenbaumphänomen). Zur funktionellen Beurteilung geriatrischer Patienten sollten Assessments wie der Timed Up and Go Test und der EQ-5D-5L herangezogen werden.

BildgebungStellenwert und IndikationBemerkung
Röntgen (stehend)Basisdiagnostik bei Frakturverdacht, VerlaufskontrolleGeringe Sensitivität (51,3 %).
Computertomographie (CT)Differenzierung der Frakturtypen OF 2-5Hounsfield-Units (HU) dienen als Surrogatparameter für die Knochenqualität.
Magnetresonanztomographie (MRT)Detektion okkulter Frakturen (OF 1), Bestimmung des FrakturaltersSTIR-Sequenz zeigt Knochenödem. Wichtig zur Differenzierung benigner/maligner Läsionen.
DXA-ScanStandard zur KnochendichtemessungMessung an L1-L4 und beiden Hüften.

Klassifikation und OF-Score

Die Einteilung osteoporotischer Frakturen erfolgt nach der OF-Klassifikation (OF 1 bis OF 5). Zur Therapieentscheidung (konservativ vs. operativ) wird der OF-Score herangezogen.

MerkmalSchweregradPunkte
Morphologie (OF 1-5)1-52-10
KnochendichteT-Score < -31
Dynamik der SinterungJa / Nein1 / -1
Schmerz (unter Analgesie)VAS >= 4 / < 41 / -1
Neurologiefrakturbedingt2
Mobilisation (unter Analgesie)Nein / Ja1 / -1
GesundheitszustandASA >3, Demenz, BMI <20, Unselbstständigkeit, aktive GerinnungshemmungJe -1 (maximal -2)

Therapieempfehlung nach OF-Score:

  • < 6 Punkte: Konservative Therapie
  • 6 Punkte: Relative OP-Indikation (konservativ oder operativ möglich)
  • > 6 Punkte: Operative Therapie indiziert

Konservative Therapie

Die konservative Therapie ist die erste Wahl bei Frakturen der Typen OF 1, OF 2 und ggf. OF 3 (sofern OF-Score < 6).

  • Bettruhe: Soll aufgrund der Risiken für kardiopulmonale und muskuloskeletale Dekonditionierung vermieden bzw. so kurz wie möglich gehalten werden.
  • Schmerztherapie: Medikamentöse Einstellung nach dem WHO-Stufenschema.
  • Physiotherapie: Fokus auf Kraft- und Gleichgewichtstraining, mehrfach pro Woche.
  • Orthesen: Keine generelle Empfehlung. Individuelle Entscheidung zur Schmerzlinderung (bevorzugt Aktivorthesen).
  • Antiosteoporotische Therapie: Zeitnahe osteologische Abklärung und Therapiebeginn sind obligat.

Operative Therapie

Eine operative Therapie ist indiziert, wenn das Ziel der Schmerzreduktion und Mobilisation konservativ nicht erreicht wird oder der OF-Score > 6 beträgt. Bei neurologischen Ausfällen soll eine Operation innerhalb von 24 Stunden erfolgen.

Zementaugmentation (ohne Instrumentierung)

Isolierte Augmentationsverfahren eignen sich für primär stabile Frakturen mit erhaltener Rahmenstruktur.

VerfahrenIndikationBemerkung
VertebroplastieSchmerzhafte Frakturen ohne wesentliche Deformität-
KyphoplastieFrakturen mit kyphotischer Deformität oder HöhenminderungMaximales Zementvolumen von 30 % des Wirbelkörpervolumens nicht überschreiten.
Stent-Kyphoplastie-Sollte aufgrund fehlender Evidenz nicht routinemäßig angewendet werden.

Instrumentierende Verfahren

  • Dorsale Instrumentierung: Lumbal und thorakolumbal in der Regel kurzstreckig (mono-/bisegmental). Bei Beteiligung der Brustwirbelsäule oder Vorliegen von Morbus Bechterew / DISH sind längerstreckige Konstrukte empfohlen.
  • OF 4 und OF 5 Frakturen: Werden je nach OF-Score operativ behandelt, oft durch Hybridstabilisierung (Zementaugmentation + dorsale Instrumentierung) oder Wirbelkörperersatz.

💡Praxis-Tipp

Berechnen Sie bei jeder osteoporotischen Wirbelfraktur den OF-Score. Verlassen Sie sich bei unklarem Frakturalter oder persistierenden Schmerzen trotz unauffälligem Röntgenbild nicht auf die konventionelle Bildgebung, sondern veranlassen Sie frühzeitig ein MRT (STIR-Sequenz) zum Nachweis einer OF 1-Fraktur.

Häufig gestellte Fragen

Die Indikation wird primär anhand des OF-Scores gestellt. Bei einem Wert von über 6 Punkten wird eine Operation empfohlen. Bei frakturbedingten neurologischen Ausfällen soll die Operation zwingend innerhalb von 24 Stunden erfolgen.
Nein. Bettruhe sollte aufgrund der gravierenden Risiken (Muskelabbau, kardiopulmonale Dekonditionierung, Thrombosegefahr) vermieden oder so kurz wie absolut möglich gehalten werden.
Die Basisdiagnostik ist das Röntgen im Stehen. Da dieses jedoch eine geringe Sensitivität (51,3 %) aufweist, ist bei dringendem klinischem Verdacht ein MRT oder CT erforderlich.
Es gibt keine generelle Empfehlung für Orthesen. Sie können jedoch individuell zur subjektiven Schmerzlinderung und Stabilisierung eingesetzt werden, wobei muskelstimulierende Aktivorthesen bevorzugt werden sollten.
Es sollte auf eine ausreichend hohe Viskosität des Zements geachtet werden. Das applizierte Zementvolumen sollte maximal 30 % des Wirbelkörpervolumens betragen, um das Risiko von Anschlussfrakturen durch zu hohe Steifigkeit zu minimieren.

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