Osteoporotische Wirbelfrakturen: Leitlinie (AWMF/DGOU)
📋Auf einen Blick
- •Die Therapieentscheidung (konservativ vs. operativ) wird primär anhand des OF-Scores getroffen (<6 Punkte = konservativ).
- •Bei klinischem Frakturverdacht und unauffälligem Röntgenbild ist eine weiterführende Schnittbilddiagnostik (MRT/CT) zwingend erforderlich.
- •Bettruhe soll aufgrund der hohen Komplikationsrisiken vermieden oder so kurz wie möglich gehalten werden.
- •Bei frakturbedingten neurologischen Ausfällen soll eine operative Intervention innerhalb von 24 Stunden erfolgen.
- •Nach einer osteoporotischen Wirbelfraktur muss zeitnah eine osteologische Abklärung und medikamentöse Therapie eingeleitet werden.
Hintergrund
Osteoporotische Wirbelkörperfrakturen gehören zu den häufigsten Erkrankungen der älteren Bevölkerung. Sie führen zu einem Strukturwandel des Bewegungssegments mit zunehmender Kyphosierung. Die Folgen sind weitreichend: Neben einer Abnahme des Tidalvolumens der Lunge um 9 % pro frakturiertem thorakalem Wirbelkörper kommt es zu einer Einschränkung der Lebensqualität und Mobilität. Die 5-Jahres-Mortalitätsrate nach Wirbelfrakturen ist mit 72 % signifikant hoch.
Diagnostik
Die klinische Untersuchung umfasst die Anamnese (Schmerzlokalisation, Sturzereignis, neurologische Ausfälle) sowie die Inspektion (Kyphosierung, Größenverlust >2 cm kurzfristig bzw. >5 cm langfristig, Tannenbaumphänomen). Zur funktionellen Beurteilung geriatrischer Patienten sollten Assessments wie der Timed Up and Go Test und der EQ-5D-5L herangezogen werden.
| Bildgebung | Stellenwert und Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Röntgen (stehend) | Basisdiagnostik bei Frakturverdacht, Verlaufskontrolle | Geringe Sensitivität (51,3 %). |
| Computertomographie (CT) | Differenzierung der Frakturtypen OF 2-5 | Hounsfield-Units (HU) dienen als Surrogatparameter für die Knochenqualität. |
| Magnetresonanztomographie (MRT) | Detektion okkulter Frakturen (OF 1), Bestimmung des Frakturalters | STIR-Sequenz zeigt Knochenödem. Wichtig zur Differenzierung benigner/maligner Läsionen. |
| DXA-Scan | Standard zur Knochendichtemessung | Messung an L1-L4 und beiden Hüften. |
Klassifikation und OF-Score
Die Einteilung osteoporotischer Frakturen erfolgt nach der OF-Klassifikation (OF 1 bis OF 5). Zur Therapieentscheidung (konservativ vs. operativ) wird der OF-Score herangezogen.
| Merkmal | Schweregrad | Punkte |
|---|---|---|
| Morphologie (OF 1-5) | 1-5 | 2-10 |
| Knochendichte | T-Score < -3 | 1 |
| Dynamik der Sinterung | Ja / Nein | 1 / -1 |
| Schmerz (unter Analgesie) | VAS >= 4 / < 4 | 1 / -1 |
| Neurologie | frakturbedingt | 2 |
| Mobilisation (unter Analgesie) | Nein / Ja | 1 / -1 |
| Gesundheitszustand | ASA >3, Demenz, BMI <20, Unselbstständigkeit, aktive Gerinnungshemmung | Je -1 (maximal -2) |
Therapieempfehlung nach OF-Score:
- < 6 Punkte: Konservative Therapie
- 6 Punkte: Relative OP-Indikation (konservativ oder operativ möglich)
- > 6 Punkte: Operative Therapie indiziert
Konservative Therapie
Die konservative Therapie ist die erste Wahl bei Frakturen der Typen OF 1, OF 2 und ggf. OF 3 (sofern OF-Score < 6).
- Bettruhe: Soll aufgrund der Risiken für kardiopulmonale und muskuloskeletale Dekonditionierung vermieden bzw. so kurz wie möglich gehalten werden.
- Schmerztherapie: Medikamentöse Einstellung nach dem WHO-Stufenschema.
- Physiotherapie: Fokus auf Kraft- und Gleichgewichtstraining, mehrfach pro Woche.
- Orthesen: Keine generelle Empfehlung. Individuelle Entscheidung zur Schmerzlinderung (bevorzugt Aktivorthesen).
- Antiosteoporotische Therapie: Zeitnahe osteologische Abklärung und Therapiebeginn sind obligat.
Operative Therapie
Eine operative Therapie ist indiziert, wenn das Ziel der Schmerzreduktion und Mobilisation konservativ nicht erreicht wird oder der OF-Score > 6 beträgt. Bei neurologischen Ausfällen soll eine Operation innerhalb von 24 Stunden erfolgen.
Zementaugmentation (ohne Instrumentierung)
Isolierte Augmentationsverfahren eignen sich für primär stabile Frakturen mit erhaltener Rahmenstruktur.
| Verfahren | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Vertebroplastie | Schmerzhafte Frakturen ohne wesentliche Deformität | - |
| Kyphoplastie | Frakturen mit kyphotischer Deformität oder Höhenminderung | Maximales Zementvolumen von 30 % des Wirbelkörpervolumens nicht überschreiten. |
| Stent-Kyphoplastie | - | Sollte aufgrund fehlender Evidenz nicht routinemäßig angewendet werden. |
Instrumentierende Verfahren
- Dorsale Instrumentierung: Lumbal und thorakolumbal in der Regel kurzstreckig (mono-/bisegmental). Bei Beteiligung der Brustwirbelsäule oder Vorliegen von Morbus Bechterew / DISH sind längerstreckige Konstrukte empfohlen.
- OF 4 und OF 5 Frakturen: Werden je nach OF-Score operativ behandelt, oft durch Hybridstabilisierung (Zementaugmentation + dorsale Instrumentierung) oder Wirbelkörperersatz.
💡Praxis-Tipp
Berechnen Sie bei jeder osteoporotischen Wirbelfraktur den OF-Score. Verlassen Sie sich bei unklarem Frakturalter oder persistierenden Schmerzen trotz unauffälligem Röntgenbild nicht auf die konventionelle Bildgebung, sondern veranlassen Sie frühzeitig ein MRT (STIR-Sequenz) zum Nachweis einer OF 1-Fraktur.