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Verletzungen der thorakolumbalen Wirbelsäule: DGU-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Einteilung erfolgt primär nach der AO Spine Klassifikation (A-, B- und C-Verletzungen) sowie dem neurologischen Status.
  • Morphologische Modifikatoren, wie der Grund-Deckplattenwinkel (GDW), sind entscheidend für die Therapiewahl.
  • Bei einem δ-GDW < 15-20° ist oft eine funktionelle Therapie möglich, bei > 15-20° wird eine operative Versorgung empfohlen.
  • Bei neurologischen Ausfällen sollte eine operative Dekompression schnellstmöglich (idealerweise innerhalb von 24 Stunden) erfolgen.
  • Die konservative Therapie fokussiert sich auf eine frühfunktionelle Mobilisation ohne äußere Ruhigstellung.
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Hintergrund

Verletzungen der thorakolumbalen Wirbelsäule entstehen meist durch indirekte oder direkte Krafteinwirkung, am häufigsten durch übermäßige axiale Kompressions- sowie Flexionskräfte. Typische Ursachen sind Verkehrsunfälle, Sportunfälle, Arbeitsunfälle oder Bagatelltraumen bei reduzierter Knochenqualität (z.B. Osteoporose). Am häufigsten ist der thorakolumbale Übergang betroffen.

Klassifikationssysteme

Die Beurteilung der Verletzungsschwere und Stabilität erfolgt primär über die AO Spine Klassifikation und die Erhebung des neurologischen Defizits.

AO Spine Klassifikation

TypVerletzungsartBeschreibung
AKompressions-VerletzungenA0: Querfortsatzfrakturen. A1-A4: Wirbelkörperfrakturen mit zunehmender Beteiligung von Bewegungssegmenten und Hinterkante.
BDistraktions-VerletzungenB1: Rein ossäre Verletzung (Chance-Fraktur). B2: Flexionsverletzung mit osteoligamentärer Läsion. B3: Extensionsverletzungen.
CDislokations-VerletzungenVerletzung aller Säulen mit sichtbarer oder zu erwartender Translation.

Neurologisches Defizit (Frankel-Score)

GradKlinik
AKeine Sensibilität und motorische Funktion
BSensibilität erhalten, keine motorische Funktion unterhalb der Läsion
CSensibilität erhalten, motorische Funktion (Kraft < 3/5)
DSensibilität erhalten, motorische Funktion (Kraft ≥ 3/5)
ENormale Sensibilität und motorische Funktion

Diagnostik

Die Basisdiagnostik umfasst mindestens eine konventionelle Röntgendiagnostik in 2 Ebenen.

  • Bei Verdacht auf hochgradig instabile Frakturen: Primäre Röntgendiagnostik im Liegen.
  • Bei stabilen Frakturverhältnissen: Nativröntgen im Stehen nach Mobilisation (wichtig zur Beurteilung der sagittalen Imbalance).
  • Bei bewusstlosen Patienten oder unklarer Instabilität: Großzügige Indikation zur CT-Diagnostik.
  • MRT ist indiziert bei neurologischen Symptomen ohne Korrelat im CT oder zur Beurteilung der hinteren Säule/Bandscheiben.

Morphologische Modifikatoren (MM)

Zur präzisen Beurteilung der Stabilität und Therapieplanung werden vier morphologische Modifikatoren herangezogen:

ModifikatorKriteriumBedeutung für Therapie
MM 1Abweichung vom physiologischen ProfilBeurteilung über den Grund-Deckplattenwinkel (GDW). Differenz (δ-GDW) > 15-20° spricht für operative Therapie.
MM 2Zerstörung des WirbelkörpersEinteilung in Drittel. Dislokation > 2 mm im Endplattenbereich weist auf Bandscheibenschaden hin.
MM 3Einengung des SpinalkanalsAngabe der Querschnittsfläche in Prozent im Vergleich zu Nachbarsegmenten.
MM 4BandscheibenverletzungTraumatische Bandscheibenläsionen heilen spontan schlecht. MRT bei Unklarheit erwägen.

Therapie

Das wichtigste Kriterium für die Therapieentscheidung ist die Stabilität der Fraktur.

Konservative (Nicht operative) Therapie

Indiziert bei stabilen A- und B-Verletzungen, bei denen keine neurologische Verschlechterung oder relevante Fehlstellung droht.

  • Frühfunktionelle Mobilisation unter Verzicht auf äußere Ruhigstellung.
  • Adäquate Schmerztherapie und Thromboseprophylaxe.
  • Regelmäßige Röntgenkontrollen im Stehen.

Operative Therapie

Indiziert bei instabilen A- und B-Verletzungen sowie allen C-Verletzungen. Bei neurologischen Ausfällen wird eine schnellstmögliche Dekompression (idealerweise innerhalb von 24 Stunden) empfohlen.

FrakturtypTherapieempfehlungBemerkung
A0FunktionellFrühzeitige Mobilisierung.
A1Funktionell oder OperativOperativ (monosegmental) wenn δ-GDW > 15-20°.
A3 / A4Operativ (meist)Abhängig von δ-GDW und Zerstörungsgrad. Oft posteriore Instrumentierung, ggf. anteriore Rekonstruktion.
B1 - B3OperativReposition und posteriore Instrumentierung. Bei B3 (oft M. Bechterew) langstreckige Instrumentierung.
COperativReposition und posteriore Instrumentierung. Kurzstreckig bei monosegmentalen, langstreckig bei ausgedehnten Verletzungen.

💡Praxis-Tipp

Führen Sie Röntgenverlaufskontrollen bei stabil erscheinenden Frakturen immer im Stehen durch. Der Grund-Deckplattenwinkel (GDW) kann sich im Liegen und Stehen stark unterscheiden und demaskiert erst unter axialer Belastung eine operationsbedürftige Instabilität.

Häufig gestellte Fragen

Eine Fraktur gilt als stabil, wenn im Rahmen der funktionellen Therapie keine neurologische Verschlechterung und keine relevante Änderung der Stellung zu erwarten sind.
Die Dekompression sollte bei neurologischen Ausfällen schnellstmöglich erfolgen, idealerweise innerhalb von 24 Stunden nach dem Trauma.
Der GDW misst die Abweichung vom physiologischen Profil. Eine Differenz (δ-GDW) von mehr als 15-20° spricht für eine Instabilität und ist in der Regel eine Indikation zur operativen Versorgung.
Nein, die Leitlinie empfiehlt bei der konservativen Therapie eine frühfunktionelle Mobilisation unter Verzicht auf eine äußere Ruhigstellung (Korsett).

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