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Wirbelsäulenmetastasen: S2k-Leitlinie (AWMF 2024)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Bei Verdacht auf Instabilität oder neurologische Ausfälle muss eine sofortige Diagnostik und Zuweisung an ein Wirbelsäulenzentrum erfolgen.
  • Die Stabilität von Wirbelsäulenmetastasen wird anhand des Spinal Instability Neoplastic Score (SINS) beurteilt.
  • Bei drohender Instabilität, intraspinalen Fragmenten oder Myelonkompression ist eine Operation vor der Strahlentherapie indiziert.
  • Die alleinige Strahlentherapie (inkl. SBRT) ist effektiv zur Schmerzlinderung bei stabilen Läsionen.
  • Eine interdisziplinäre Falldiskussion (Tumorboard) soll möglichst präoperativ stattfinden.
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Hintergrund

Wirbelsäulenmetastasen treten bei 5-10 % aller Tumorpatienten auf und sind eine häufige Ursache für tumorbedingte Schmerzen, Instabilitäten und neurologische Ausfälle. Die häufigsten Primärtumoren sind Mamma-, Prostata- und Bronchialkarzinome. Die aktuelle S2k-Leitlinie definiert klare Pfade für Diagnostik und interdisziplinäre Therapie.

Diagnostik und Biopsie

Bei Verdacht auf symptomatische, neu aufgetretene oder progrediente Wirbelsäulenmetastasen soll eine aktuelle Bildgebung mittels MRT und/oder CT erfolgen. Ein Röntgen im Stehen kann zur Beurteilung der biomechanischen Stabilität ergänzt werden.

Empfehlungen zur Biopsie:

  • Starker Konsens: Biopsie bei Unklarheit, ob es sich um eine Knochenmetastase oder einen Primärtumor handelt.
  • Durchführung bevorzugt als CT-gestützte Stanzbiopsie (≥16G) oder offene Inzisionsbiopsie. Keine Feinnadelbiopsie.
  • Keine Schnellschnitt-Diagnostik bei knochenharten Läsionen.
  • Fixation in 4%igem Formalin und schonende Entkalkung (z. B. EDTA) zum Erhalt für molekularpathologische Untersuchungen.

Klassifikationen und Scoring-Systeme

Die Einschätzung von Stabilität und Myelonkompression ist essenziell für die Therapieentscheidung.

ScoreAnwendungInterpretation
SINSBeurteilung der tumorbedingten Instabilität< 7: stabil, 7-12: potenziell instabil, > 12: instabil
ESCCS (Bilsky)Schweregrad der epiduralen Rückenmarkskompression> 2: Rückenmarkskompression ohne sichtbaren Liquor (OP-Indikation)

Therapiealgorithmen

Eine interdisziplinäre Falldiskussion (Tumorboard) soll möglichst präoperativ erfolgen.

Patienten mit neurologischen Ausfällen

  • Starker Konsens: Unmittelbare Diagnostik und Vorstellung in einem spezialisierten Wirbelsäulenzentrum.
  • Bei funktionell bedeutsamem Defizit (Janda > 3) oder akutem Beginn: Notfallmäßige Diagnostik und Therapie innerhalb von 24h.
  • OP-Indikation: Bei relevanter Myelonkompression (Bilsky > 2) operative Dekompression +/- Stabilisierung, sofern Lebenserwartung und OP-Fähigkeit gegeben sind.

Patienten ohne neurologische Ausfälle

  • Beurteilung der Stabilität (SINS).
  • Bei SINS < 7 und symptomatischer Läsion: Konventionelle (cEBRT) oder stereotaktische Strahlentherapie (SBRT).
  • Bei SINS > 7 oder High-Risk-Läsionen: Operative Stabilisierung prüfen.

Strahlentherapie

Die Strahlentherapie ist hocheffektiv zur Schmerzlinderung und führt zur Rekalzifizierung osteolytischer Metastasen.

  • Starker Konsens: Bei drohender/vorhandener instabiler Fraktur, intraspinalen Knochenfragmenten oder Blasen-Mastdarm-Störungen soll vor der Strahlentherapie operiert werden.
  • SBRT (Stereotactic Body Radiotherapy): Soll bei schmerzhaften, unkomplizierten Metastasen geprüft werden, insbesondere bei wenig strahlensensiblen Tumoren und guter Prognose.
  • Postoperative oder alleinige Bestrahlung bei Frakturgefahr soll mit einem fraktionierten Regime erfolgen.

Medikamentöse Schmerztherapie

Die Schmerztherapie erfolgt nach dem WHO-Stufenschema.

SchmerzkomponenteEmpfohlene TherapieBemerkung
NozizeptivWHO-Stufenschema (NSAR, Opioide)Konsequente Laxanzien-Gabe bei Opioiden
NeuropathischAmitriptylin, Gabapentin, PregabalinVorsichtige Titration wegen ZNS-Nebenwirkungen
DurchbruchschmerzenSchnell freisetzende Opioide (oral/transmukosal)Z. B. bei bewegungsabhängigen Schmerzen
Entzündlich/ÖdemGlukokortikoide (z. B. Dexamethason 8 mg 1-0-0)Reduziert Begleitödem bei Nervenkompression

Zusätzlich soll eine osteoprotektive Therapie (Bisphosphonate oder RANKL-Inhibitoren) zur Prävention skelettbezogener Komplikationen eingeleitet werden.

Operative Therapie

  • Starker Konsens: Hypervaskularisierte Metastasen sollten vor offenen Operationen embolisiert werden.
  • Die postoperative Weiterbehandlung und Systemtherapie muss im interdisziplinären Tumorboard festgelegt werden.
  • Bei inkompletter Querschnittssymptomatik sollte eine Verlegung in ein spezialisiertes Zentrum für neurologische Rehabilitation erfolgen.

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie den SINS-Score zur Stabilitätsbeurteilung. Weisen Sie Patienten mit einem SINS > 12 oder einer Myelonkompression (Bilsky > 2) umgehend einem spezialisierten Wirbelsäulenzentrum zu, bevor eine Bestrahlung eingeleitet wird.

Häufig gestellte Fragen

Wenn klinisch oder radiologisch unklar ist, ob es sich um eine Metastase oder einen Primärtumor handelt, oder wenn sich daraus therapeutische Konsequenzen ergeben.
Der Spinal Instability Neoplastic Score (SINS). Läsionen mit einem SINS < 7 gelten als stabil, Werte > 12 als instabil.
Bei Instabilität (SINS > 7-12), intraspinalen Knochenfragmenten oder relevanter Myelonkompression (Bilsky > 2) ist primär eine Operation indiziert. Stabile Läsionen ohne neurologische Ausfälle werden primär bestrahlt.
Neben dem WHO-Stufenschema werden Koanalgetika wie Gabapentin, Pregabalin oder Amitriptylin sowie Glukokortikoide (z. B. Dexamethason) empfohlen.

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