Osteoporose bei Erwachsenen: DVO-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Osteoporose ist definiert durch einen DXA T-Score < -2,5 SD nach Ausschluss anderer Ursachen.
- •Die Prävalenz in Deutschland liegt bei 22,6 % für Frauen und 6,6 % für Männer.
- •Das Alter ist ein dominanter Risikofaktor; die Frakturinzidenz steigt ab dem 50. Lebensjahr exponentiell.
- •Vorherige Frakturen (v. a. Wirbelkörper und proximales Femur) erhöhen das Risiko für Folgefrakturen massiv.
- •Endokrinologische Erkrankungen wie Diabetes mellitus (Typ 1 und 2) und primärer Hyperparathyreoidismus sind signifikante Risikofaktoren.
Hintergrund
Die Osteoporose ist eine systemische Skeletterkrankung, charakterisiert durch eine niedrige Knochenmasse und eine mikroarchitektonische Verschlechterung des Knochengewebes. Dies führt zu einer erhöhten Knochenfragilität und einem gesteigerten Frakturrisiko.
Nach der operationalen Definition der WHO liegt eine Osteoporose vor, wenn der Knochenmineralgehalt in der DXA-Knochendichtemessung (Lendenwirbelsäule und/oder proximales Femur) um mehr als 2,5 Standardabweichungen (T-Score < -2,5) vom Mittelwert einer 20- bis 29-jährigen Frau abweicht. Diese Diagnose darf erst nach Ausschluss anderer Ursachen (z. B. Osteomalazie) gestellt werden.
In Deutschland beträgt die Prävalenz der Osteoporose 22,6 % bei Frauen und 6,6 % bei Männern.
Grundrisikofaktoren
Das Frakturrisiko wird maßgeblich durch Alter und Geschlecht bestimmt:
- Lebensalter: Das Risiko für "Major Osteoporotic Fractures" (Hüfte, Wirbelkörper, Oberarm, Unterarm) verdoppelt sich in etwa pro Dekade zwischen dem 50. und 90. Lebensjahr.
- Geschlecht: Frauen haben ein höheres absolutes Frakturrisiko als Männer gleichen Alters. Nach Adjustierung für den Absolutwert der Knochendichte ist das Risiko jedoch ähnlich.
Frakturvorgeschichte als Risikofaktor
Bereits stattgehabte Frakturen sind starke Prädiktoren für Folgefrakturen. Das kurzfristige Risiko (imminentes Frakturrisiko) ist im ersten Jahr nach einer Fraktur besonders hoch.
| Vorangegangene Fraktur | Relatives Risiko (RR) | Bemerkung |
|---|---|---|
| Proximale Femurfraktur | RR 3,5 (für neue Femurfraktur) | Hohe Altersabhängigkeit; höchstes Risiko im 1. Jahr |
| Wirbelkörperfraktur (WKF) | RR 2,0 bis 6,6 (für neue WKF) | Risiko steigt mit Schweregrad (nach Genant) und Anzahl |
| Proximale Humerusfraktur | RR 1,7 (Gesamt) | Risiko im ersten Jahr am stärksten erhöht |
| Beckenfraktur | RR 2,0 (für Hüftfraktur) | - |
| Unterarmfraktur | RR 1,4 (für Hüftfraktur) | Wichtiger Indikator für Osteoporose in jüngerem Alter |
Endokrinologische Risikofaktoren
Verschiedene endokrine Erkrankungen erhöhen das Frakturrisiko signifikant und unabhängig von der Knochendichte.
| Erkrankung | Frakturrisiko | Bemerkung |
|---|---|---|
| Diabetes mellitus Typ 1 | RR 4,9 - 5,8 (Hüfte) | Deutlich erhöhtes Risiko, besonders bei Alter <65 Jahre |
| Diabetes mellitus Typ 2 | RR 1,4 (Hüfte) | Risiko steigt bei Dauer >10 Jahre (RR 2,4) und Insulintherapie (RR 1,8) |
| Primärer Hyperparathyreoidismus | OR 3,0 (Wirbel) | Bei postmenopausalen Frauen bis OR 8 erhöht; postoperativ oft reversibel |
| Cushing-Syndrom | Erhöht | Auch bei subklinischem Hyperkortisolismus erhöht |
| Wachstumshormonmangel | Erhöht | Bei Hypophyseninsuffizienz; Substitution vermindert Risiko |
| Männlicher Hypogonadismus | Erhöht | Testosteron <200 ng/ml oder hormonablative Therapie |
💡Praxis-Tipp
Beachten Sie das 'imminente Frakturrisiko': Im ersten Jahr nach einer osteoporotischen Fraktur (insbesondere Schenkelhals oder Wirbelkörper) ist das Risiko für eine Folgefraktur am höchsten. Leiten Sie hier zügig eine Diagnostik und Therapie ein. Bei Typ-2-Diabetikern steigt das Frakturrisiko besonders bei einer Krankheitsdauer von über 10 Jahren oder unter Insulintherapie.