Tibiafraktur bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Unterschenkelschaftfraktur (Tibia und Fibula) ist von der isolierten Tibiaschaftfraktur abzugrenzen.
- •Die Toddler-Fraktur ist eine nicht-dislozierte Spiralfraktur der Tibia bei Kleinkindern (1-3 Jahre).
- •Die Standarddiagnostik umfasst das Röntgen in 2 Ebenen unter Einschluss der angrenzenden Gelenke.
- •Die konservative Therapie erfolgt im primär gespaltenen Oberschenkelgips.
- •Bei instabilen oder offenen Frakturen ist die operative Versorgung, meist mittels ESIN-Osteosynthese, indiziert.
- •Das Kompartmentsyndrom ist eine gefürchtete Komplikation, besonders bei Jugendlichen über 14 Jahren.
Hintergrund
Die Unterschenkelschaftfraktur ist definiert als Fraktur von sowohl Tibia als auch Fibula im Bereich der Diaphyse. Davon abzugrenzen ist die isolierte Tibiaschaftfraktur bei intakter Fibula. Diese Frakturen machen ca. 5-10 % aller Frakturen der langen Röhrenknochen im Kindesalter aus. Der Altersgipfel liegt zwischen dem 8. und 14. Lebensjahr.
Frakturtypen und Klassifikation
Es wird zwischen isolierten Tibiaschaftfrakturen (70-90 %) und kompletten Unterschenkelschaftfrakturen (10-30 %) unterschieden. Die Einteilung offener Frakturen erfolgt nach Gustilo und Anderson:
| Grad | Wundgröße | Weichteilschaden | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| I | < 1 cm | Gering | Durchspießung von innen nach außen |
| II | 1 - 10 cm | Moderat | Durchspießung von außen nach innen |
| IIIA | > 10 cm | Ausgeprägt | Weichteile lassen sich decken |
| IIIB | > 10 cm | Ausgedehnt | Rekonstruktive Weichteildeckung nötig |
| IIIC | Unabhängig | Gefäßverletzung | Rekonstruktionspflichtig |
Für die pädiatrische Klassifikation wird die AO-PCCF (Pediatric comprehensive classification of long bone fractures) herangezogen (z.B. 42-D für Unterschenkeldiaphyse).
Besonderheiten im Kindesalter
- Toddler-Fraktur: Tritt bei Kleinkindern (1-3 Jahre) auf. Es handelt sich um eine nicht-dislozierte Spiralfraktur der Tibia nach banalen Stürzen.
- Nicht akzidentelle Verletzung: Bei Kindern unter einem Jahr muss bei Tibiafrakturen (besonders Spiralfrakturen) an Kindesmisshandlung gedacht werden.
- Stressfrakturen: Treten meist bei sportlich aktiven Jugendlichen auf.
Diagnostik
- Röntgen: Standardmäßig in 2 Ebenen unter Einschluss der angrenzenden Gelenke (Knie und Sprunggelenk).
- Sonographie: Kann bei Kleinkindern mit unklarer Laufverweigerung (Verdacht auf Toddler-Fraktur) das Röntgenbild ersetzen.
- MRT: Indiziert bei Verdacht auf Stressfrakturen oder pathologische Frakturen.
Therapie
Das Ziel ist die achsgerechte Ausheilung ohne Beinlängendifferenz. Das spontane Korrekturpotenzial ist begrenzt.
| Alter | Valgus/Varus | Antekurvation | Rekurvation | Verkürzung | Rotation |
|---|---|---|---|---|---|
| < 5 Jahre | 10° | 10° | 5° | 10 mm | 0° |
| > 5 Jahre | 5° | 5° | 0° | 5 mm | 0° |
Konservative Therapie
Die konservative Therapie ist bei tolerabler Stellung indiziert.
- Durchführung: Primär gespaltener Oberschenkelgips unter Einschluss von Sprunggelenk und Fuß.
- Verlauf: Radiologische Kontrolle nach 7-10 Tagen. Bei sekundärer Dislokation kann eine Gipskeilung erfolgen.
- Gefahr: Isolierte Tibiafrakturen neigen zur Varusfehlstellung, Unterschenkelschaftfrakturen zur Valgusfehlstellung.
Operative Therapie
Indiziert bei instabilen Frakturen, offenen Frakturen, Kompartmentsyndrom oder Polytrauma.
| Verfahren | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| ESIN-Osteosynthese | Standardverfahren für die meisten Frakturen | Übungs- und bewegungsstabil, keine Gipsruhigstellung nötig |
| Fixateur externe | Drittgradig offene Frakturen, Trümmerfrakturen | Oft bei drohendem Kompartmentsyndrom |
| Plattenosteosynthese (MIPO) | Komplexe, mehrteilige Frakturen | Minimal-invasives Vorgehen |
Komplikationen
- Kompartmentsyndrom: Inzidenz bis zu 20 % bei Jugendlichen (>14 Jahre). Leitsymptom: Ungewöhnlich starker Schmerz, der auf Analgetika nicht anspricht. Erfordert sofortige Kompartmentspaltung.
- Sekundäre Dislokation: Trotz Gips möglich, erfordert engmaschige Kontrollen.
- Beinlängendifferenz: Meist Verlängerung bis 1,5 cm (bei Kindern <10 Jahren) oder Verkürzung (bei Kindern >10 Jahren).
💡Praxis-Tipp
Denken Sie bei Kleinkindern mit unklarer Laufverweigerung an eine Toddler-Fraktur – hier kann die Sonographie das Röntgenbild oft ersetzen. Achten Sie bei Jugendlichen über 14 Jahren mit Hochrasanztrauma besonders auf ungewöhnlich starke Schmerzen als Frühwarnzeichen eines Kompartmentsyndroms.