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Tibiakopffrakturen: Diagnostik und Therapie laut DGOOC

Diese Leitlinie stammt aus 2022 und ist möglicherweise nicht mehr aktuell. Aktualität beim Herausgeber prüfen
KI-generierte Zusammenfassung|Quelle: DGOOC (2022)|Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

Hintergrund

Tibiakopffrakturen machen etwa 1 % aller Frakturen aus. Sie treten häufig bei jungen Männern durch Hochrasanztraumata oder bei älteren Frauen durch Niedrigrasanztraumata bei verminderter Knochenqualität auf.

Aufgrund der komplexen Anatomie der proximalen Tibia zeigen sich vielfältige knöcherne und weichteilige Verletzungsmuster. Begleitverletzungen von Gefäßen, Nerven, Bändern und Menisken sind häufig und beeinflussen die Prognose maßgeblich.

Die Leitlinie der DGOOC und DKG bietet strukturierte Empfehlungen für das Management dieser Verletzungen. Ziel ist die Wiederherstellung der Gelenkfunktion und die Vermeidung von Spätfolgen wie posttraumatischer Arthrose oder chronischer Instabilität.

Empfehlungen

Die DGOOC-Leitlinie formuliert detaillierte Empfehlungen zum Management von Tibiakopffrakturen.

Diagnostik

Bei Verdacht auf eine knöcherne Verletzung wird primär ein Röntgen des Kniegelenks in zwei Ebenen empfohlen. Bei intraartikulärem Frakturverlauf gilt die Computertomografie (CT) mit multiplanaren Rekonstruktionen als Goldstandard.

Eine CT-Angiografie wird bei Hochrasanztraumata oder klinischem Verdacht auf Gefäßverletzungen empfohlen. Zur Beurteilung von intraartikulären Begleitverletzungen wie Meniskus- oder Bandläsionen kann ergänzend eine MRT-Untersuchung hilfreich sein.

Weichteilbeurteilung

Die Leitlinie betont die Wichtigkeit der Weichteilbeurteilung. Für geschlossene Frakturen wird die Einteilung nach Tscherne und Oestern herangezogen:

GradKlinischer Befund
Grad 0Kein Weichteilschaden
Grad IOberflächliche Schürfung oder Kontusion durch Fragmentdruck von innen
Grad IITiefe Schürfung, lokale Kontusion, drohendes Kompartmentsyndrom
Grad IIIAusgedehnte Kontusion, Muskelzerstörung, manifestes Kompartmentsyndrom, Gefäß-/Nervenverletzung

Klinische Erstversorgung

Die Leitlinie empfiehlt die primäre Anlage eines kniegelenkübergreifenden Fixateur externe vor der definitiven Versorgung bei bestimmten Risikokonstellationen. Dazu gehören:

  • Manifestes oder drohendes Kompartmentsyndrom

  • Gefäß- oder periphere Nervenläsionen

  • Offene Frakturen oder schwere Weichteilschäden

  • Polytraumatisierte Personen (Damage-Control-Konzept)

Operative Therapie

Das Ziel der Operation ist die anatomische Rekonstruktion der Gelenkfläche mit einer verbleibenden Stufe von maximal 2 mm im Belastungsanteil. Zudem sollen Beinachse, Beinlänge und der natürliche posteriore Slope wiederhergestellt werden.

Zur Minimierung des Infektionsrisikos wird bei weichteilkompromittierten Frakturen empfohlen, die definitive Versorgung erst nach Weichteilkonsolidierung durchzuführen. Dies ist meist zwischen dem 5. und 8. Tag der Fall.

Notfallindikationen wie ein Gefäßverschluss oder ein Kompartmentsyndrom erfordern hingegen eine sofortige Intervention. Die Leitlinie rät vom routinemäßigen Einsatz einer Blutsperre ab, da dies mit einem erhöhten Komplikationsrisiko assoziiert ist.

Management von Begleitverletzungen

Luxierte Menisken sollten laut Leitlinie medial wie lateral refixiert werden, um die artikuläre Belastung langfristig zu verbessern.

Bei ligamentären Begleitverletzungen wird folgendes Vorgehen empfohlen:

  • Primäre Versorgung kompletter Außenband- und Traktusrupturen

  • Operative Stabilisierung hochgradiger medialer Instabilitäten

  • Indirekte Stabilisierung knöcherner Kreuzbandausrisse durch Reposition und Kompression

Kontraindikationen

Die Leitlinie formuliert folgende Warnhinweise für die klinische Versorgung:

  • Blutsperre: Die Nutzung einer Blutsperre ist in komplexen Fraktursituationen nicht empfohlen, da sie das postoperative Komplikationsrisiko erhöht.

  • Gefäßverletzungen: Ein tastbarer peripherer Fußpuls schließt eine popliteale, arterielle Intimaläsion nicht sicher aus.

  • Klinische Untersuchung: Eine Stabilitätsprüfung des Bandapparates sollte beim wachen Patienten mit vorliegender Tibiakopffraktur unterbleiben.

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💡Praxis-Tipp

Die Leitlinie warnt ausdrücklich davor, sich bei der Gefäßbeurteilung ausschließlich auf den Fußpuls zu verlassen. Ein intakter peripherer Puls schließt eine popliteale Intimaläsion oder einen zweizeitigen Gefäßverschluss nicht aus. Daher wird bei Hochrasanztraumata oder klinischen Verdachtsmomenten eine großzügige Indikationsstellung zur CT-Angiografie empfohlen.

Häufig gestellte Fragen

Laut Leitlinie besteht eine Operationsindikation bei einer Stufenbildung von über 2,5 mm im lasttragenden Anteil der Gelenkfläche. Ebenso wird eine Operation bei Achsabweichungen über 5 Grad, instabilen Frakturen oder offenen Verletzungen empfohlen.

Bei weichteilkompromittierten Frakturen wird empfohlen, die definitive Versorgung erst nach der Weichteilkonsolidierung durchzuführen. Dies ist laut Leitlinie in der Regel zwischen dem 5. und 8. posttraumatischen Tag der Fall.

Die Leitlinie empfiehlt primär die AO/OTA-Klassifikation zur individuellen Charakterisierung der Frakturmuster. Ergänzend können das 10-Segment-Modell und das 3-Säulen-Modell zur Planung der operativen Zugangswege herangezogen werden.

Es wird in der Regel eine Phase der Teilbelastung mit maximal 15 kg für mindestens 6 Wochen empfohlen. Eine sukzessive Aufbelastung sollte laut Leitlinie erst nach radiologisch gesicherter knöcherner Konsolidierung erfolgen.

Ein manifestes Kompartmentsyndrom stellt eine Notfallindikation zur sofortigen operativen Intervention dar. Die Leitlinie empfiehlt in diesem Fall primär die Anlage eines kniegelenkübergreifenden Fixateur externe.

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KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.

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