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Proximale Humerusfraktur beim Kind: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Proximale Humerusfrakturen machen ca. 4 % der kindlichen Extremitätenfrakturen aus, mit Häufigkeitsgipfeln unter 3 und um 12 Jahre.
  • Aufgrund des hohen Spontankorrekturpotenzials ist die konservative Therapie (Gilchrist/Desault für 2-3 Wochen) die Standardbehandlung.
  • Die Indikation zur Operation richtet sich nach strengen, altersabhängigen Korrekturgrenzen.
  • Bei Adoleszenten (> 12 Jahre) wird aufgrund des eingeschränkten Remodelings häufiger eine intramedulläre Nagelung empfohlen.
  • Transthorakale Röntgenaufnahmen sind obsolet; Standard sind a.p. und axiale/tangentiale Y-Aufnahmen.
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Hintergrund

Knöcherne Verletzungen des proximalen Oberarmes machen etwa 4 % der Extremitätenfrakturen im Kindesalter aus. Die Altersverteilung ist zweigipfelig mit der höchsten Inzidenz bei Kindern unter 3 Jahren sowie um das 12. Lebensjahr. Ursächlich sind direkte und indirekte Traumen.

Besondere Beachtung erfordern Frakturen, die durch Geburtstraumata oder Kindesmisshandlung entstehen. Leitsymptome sind Schwellung, Deformierung und schmerzhafte Bewegungseinschränkung bis zur Pseudoparalyse.

Diagnostik

Die primäre Diagnostik erfolgt radiologisch oder sonografisch:

  • Röntgen: Standard sind Aufnahmen in 2 Ebenen (a.p. und axiale oder tangentiale Y-Aufnahme). Transthorakale Aufnahmen dürfen nicht durchgeführt werden.
  • Sonografie: Eignet sich zum Frakturausschluss, zur Achsbeurteilung und zur posttraumatischen Stellungskontrolle. Drei der vier Ultraschallebenen können in der natürlichen Schonhaltung beurteilt werden.

Klassifikation

Meist handelt es sich um Epiphysenlösungen (Typ Salter-Harris I oder II), metaphysäre Grünholz- oder Stauchungsfrakturen sowie vollständige metaphysäre Querfrakturen. Intraartikuläre Frakturen sind selten. Eine Besonderheit in diesem Segment ist die pathologische Fraktur bei juveniler Knochenzyste.

Therapie und Korrekturgrenzen

Die Wahl zwischen konservativer und operativer Therapie hängt vom Alter, dem Dislokationsgrad und Begleiterkrankungen ab. Aufgrund des hohen Spontankorrekturpotenzials ist die proximale Humerusfraktur eine Domäne der konservativen Therapie.

Die konservative Ruhigstellung erfolgt im Gilchrist- oder Desault-Verband für 2 bis 3 Wochen.

AlterAchsabweichung (Varus, Ante-, Rekurvation)Dislokation ad latus
< 5 Jahremax. 60°bis Schaftbreite
5 - 12 Jahremax. 40°bis 2/3 Schaftbreite
> 12 Jahremax. 30° (Valgus max. 10°)um 1/2 Schaftbreite

Operative Behandlung

Eine Operation ist indiziert, wenn die altersentsprechenden Korrekturgrenzen überschritten werden oder Begleiterkrankungen (Mehrfachverletzung, Plexusläsion, pathologische Fraktur) vorliegen. Je jünger das Kind, desto strenger ist die OP-Indikation zu stellen.

  • Adoleszente (> 12 Jahre): Hier sollte eine konservative Therapie zugunsten der intramedullären Nagelung vermieden werden, da das Remodeling-Potenzial eingeschränkt ist und ein höherer Anspruch an rasche Mobilität besteht.
  • Standardverfahren: Geschlossene Reposition und aszendierende, meist unilaterale radiale intramedulläre Nagelung (ESIN) mit 2 Nägeln.
  • Perkutane K-Draht-Fixation: Nur bei sehr mobilem Humeruskopf (2 mm K-Draht). Da dies keine übungsstabile Situation schafft, ist eine additive Ruhigstellung zwingend erforderlich.
  • Offene Reposition: Selten notwendig (z. B. bei Weichteilinterposition der Bizepssehne).

Nachsorge und Kontrollen

TherapieTag 0-1Tag 7Tag 21-28Tag 84 (12 Wochen)
KonservativStellungskontrolleStellungskontrolleKonsolidierung-
OperativPost-OP Kontrolle-Konsolidierung, ME K-DrähteME ESIN

Hinweis: Stabile konservativ behandelte Frakturen benötigen keine radiologischen Verlaufskontrollen. Die Stellungskontrolle kann auch sonografisch erfolgen.

💡Praxis-Tipp

Geburtstraumatisch bedingte Frakturen werden aufgrund der Schonhaltung des Armes (Pseudoparalyse) gelegentlich als Plexuslähmung fehlgedeutet. Eine Sonografie in Schonhaltung kann hier schnell und strahlungsfrei differenzieren.

Häufig gestellte Fragen

Es wird ein Röntgen in 2 Ebenen empfohlen: a.p. und eine axiale oder tangentiale Y-Aufnahme. Transthorakale Aufnahmen sind obsolet.
Die Ruhigstellung erfolgt im Gilchrist- oder Desault-Verband für 2 bis 3 Wochen.
Eine Operation wird empfohlen bei einer Achsabweichung von über 30° (Valgus > 10°) oder einer Dislokation ad latus von mehr als der halben Schaftbreite.
Das Standardverfahren ist die geschlossene Reposition und eine aszendierende, meist unilaterale radiale intramedulläre Nagelung (ESIN) mit 2 Nägeln.
Stabile Frakturen müssen nicht radiologisch kontrolliert werden. Bei allen anderen erfolgen Kontrollen an Tag 0, Tag 7 (Stellung) und Tag 21 (Konsolidierung).

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