ClariMedClariMed

Tibiakopffrakturen: S2k-Leitlinie (AWMF/DGOU)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • CT mit multiplanaren Rekonstruktionen ist der Goldstandard bei intraartikulärem Frakturverlauf.
  • Bei Verdacht auf Gefäßverletzungen oder nach Hochrasanztraumata wird eine CT-Angiografie empfohlen.
  • Die primäre Anlage eines Fixateur externe ist bei Kompartmentsyndrom, offenen Frakturen oder Polytrauma indiziert.
  • Ziel der operativen Versorgung ist eine Gelenkstufe von ≤2 mm im Belastungsanteil.
  • Die definitive operative Versorgung sollte erst nach Weichteilkonsolidierung (meist Tag 5-8) erfolgen.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Tibiakopffrakturen machen etwa 1 % aller Frakturen aus. Sie entstehen bei jungen Patienten meist durch Hochrasanztraumata und bei älteren Patienten durch Niedrigrasanztraumata bei reduzierter Knochenqualität. Die Verletzung geht oft mit erheblichen weichteiligen Begleitverletzungen einher.

Klassifikation

Klassifikationen sollten den dreidimensionalen Frakturverlauf berücksichtigen.

SystemFokus / Anwendung
AO/OTA-KlassifikationStandard zur Charakterisierung (41-A extraartikulär, 41-B partiell, 41-C vollständig intraartikulär)
10-Segment-KlassifikationAufteilung des proximalen Plateaus zur OP- und Zugangsplanung
3-SäulenmodellEinteilung in mediale, laterale und posteriore Säule
Moore-KlassifikationRückschlüsse auf Unfallmechanismus und Luxationsrisiko

Für Weichteilschäden werden die Klassifikationen nach Gustilo/Anderson (offene Frakturen) und Tscherne/Oestern (geschlossene Frakturen) angewendet.

Diagnostik

Die klinische Untersuchung umfasst die Inspektion und die Prüfung von Durchblutung, Motorik und Sensibilität. Eine Stabilitätsprüfung beim wachen Patienten sollte unterbleiben.

ModalitätIndikation / Empfehlung
RöntgenKniegelenk in 2 Ebenen als Basisdiagnostik in der Akutphase.
CT (Goldstandard)Bei Verdacht auf intraartikulären Verlauf. Starker Konsens für multiplanare und 3D-Rekonstruktionen.
Angio-CTBei Hochrasanztraumata oder klinischem Verdacht auf Gefäßverletzung.
MRTFakultativ zur Beurteilung von intraartikulären Begleitverletzungen (Meniskus, Ligamente).

Indikationen zur operativen Therapie

Das Ziel der Operation ist die anatomische Rekonstruktion (Gelenkstufe ≤2 mm im Belastungsanteil), Wiederherstellung von Beinachse, Länge und Slope sowie ein übungsstabiles Gelenk.

Eine operative Therapie ist indiziert bei:

  • Stufenbildung >2,5 mm im lasttragenden Anteil oder Absenkung >5°
  • Verbreiterung des Tibiakopfes >5 mm
  • Achsabweichung >5°
  • Instabilität oder operationspflichtigen ligamentären Begleitverletzungen
  • Offenen Frakturen oder relevantem Weichteilschaden

Notfallindikationen umfassen arterielle Gefäßverletzungen, nicht reponible Luxationsfrakturen, Kompartmentsyndrom und neurogene Kompromittierungen.

Operatives Management und Zugänge

Fixateur externe (Damage Control)

Es besteht ein starker Konsens für die primäre Anlage eines kniegelenkübergreifenden Fixateur externe vor der definitiven Versorgung bei:

  • Kompartmentsyndrom
  • Gefäß- oder Nervenläsionen
  • Offenen Frakturen oder schweren Weichteilschäden
  • Polytrauma (ISS >16)

Operationszeitpunkt und Blutsperre

  • Operationszeitpunkt: Bei weichteilkompromittierten Frakturen wird die definitive Versorgung erst nach Weichteilkonsolidierung empfohlen (meist 5.-8. Tag).
  • Blutsperre: Die Nutzung ist mit einem erhöhten Komplikationsrisiko assoziiert. Sie wird in komplexen Situationen nicht empfohlen und sollte maximal in der Präparationsphase kurzzeitig eingesetzt werden.

Operative Zugänge

ZugangIndikationBemerkung
AnterolateralStandard für laterale Impressions-/SpaltfrakturenEinblick auf ca. 1/3 der Gelenkfläche
PosterolateralRelevante posterolaterale ImpressionenCAVE: N. peroneus
PosteromedialPosteromediale Frakturen, knöcherne HKB-AusrisseAbstützung durch Plattenosteosynthese optimal
Erweiterte ZugängeKomplexe TrümmerfrakturenOsteotomie der Epikondylen oder Fibula verbessert Gelenkeinsicht

Begleitverletzungen

  • Meniskus: Luxierte Menisken sollten medial wie lateral refixiert werden (Starker Konsens).
  • Seitenbänder: Komplette Außenbandrupturen und hochgradige (III°) Innenbandinstabilitäten sollten primär operativ stabilisiert werden.
  • Kreuzbänder: Knöcherne Ausrisse können oft indirekt durch Reposition stabilisiert werden. Eine primäre Bandplastik wird nicht regelhaft empfohlen.

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie bei der operativen Versorgung komplexer Tibiakopffrakturen möglichst auf eine Blutsperre, da diese das Komplikationsrisiko erhöht. Setzen Sie diese nur kurzzeitig in der Präparationsphase oder bei akuten Blutungen ein.

Häufig gestellte Fragen

Bei Nachweis oder Verdacht auf einen intraartikulären Frakturverlauf gilt das CT mit multiplanaren Rekonstruktionen als Goldstandard.
Eine primäre Anlage ist bei Kompartmentsyndrom, Gefäß- oder Nervenläsionen, offenen Frakturen, schweren Weichteilschäden oder Polytrauma indiziert.
Eine operative Therapie ist bei einer Stufenbildung >2,5 mm im lasttragenden Anteil der Gelenkfläche oder einer Absenkung >5° indiziert.
Zur Minimierung des Infektionsrisikos wird die definitive Versorgung bei weichteilkompromittierten Frakturen erst nach Weichteilkonsolidierung (meist 5.-8. Tag) empfohlen.

Verwandte Leitlinien