Femurschaftfraktur bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Bei Kindern unter 3 Jahren (bzw. bis 10-15 kg) sind Beckenbeingips oder Overhead-Extension die Standardverfahren.
- •Ab dem 3. Lebensjahr ist die operative Stabilisierung mittels ESIN (Elastisch-stabile intramedulläre Nagelung) die Methode der ersten Wahl.
- •Bei Jugendlichen über 50 kg Körpergewicht sollte ein lateraler Femurnagel (z.B. ALFN) verwendet werden, da die ESIN hier eine erhöhte Komplikationsrate aufweist.
- •Bei Säuglingen unter 1 Jahr liegt in 15-30 % der Fälle eine nicht-akzidentelle Ursache (Misshandlung) vor.
- •Die Röntgendiagnostik muss in 2 Ebenen unter Einschluss von Hüft- und Kniegelenk erfolgen.
Hintergrund
Die Femurschaftfraktur macht etwa 1 % aller Frakturen im Kindesalter aus. Die Altersverteilung ist bei Jungen zweigipflig (2-3 Jahre und 14-15 Jahre), bei Mädchen hingegen homogen. Insgesamt sind Jungen doppelt so häufig betroffen wie Mädchen.
Die Ätiologie ist stark altersabhängig:
- < 4 Jahre: Stürze aus geringer bis mittlerer Höhe.
- 4-12 Jahre: Sport- und Freizeitunfälle.
- 13-18 Jahre: Hochrasanztraumata (Sport- und Verkehrsunfälle) mit zunehmend schweren Begleitverletzungen.
Wichtig: Bei Kindern unter 1 Jahr liegt in 15-30 % der Fälle eine Kindesmisshandlung vor. Der Frakturtyp lässt dabei keinen sicheren Rückschluss auf die Ursache zu. Auch pathologische Frakturen (z.B. bei Osteogenesis imperfecta oder Knochenzysten) müssen stets bedacht werden.
Symptome und Diagnostik
Neben Schwellung, Deformierung und Schmerzhaftigkeit ist bei Säuglingen und Kleinkindern oft nur eine Schonhaltung des betroffenen Beines zu beobachten.
Die radiologische Diagnostik erfordert ein Röntgen in 2 Ebenen mit Abbildung von Hüft- und Kniegelenk unter ausreichender Analgesie. Bei klarer OP-Indikation kann die zweite Ebene intraoperativ nachgeholt werden.
Klassifikation
Die Einteilung erfolgt nach der AO-PCCF (Pediatric comprehensive classification of long bone fractures):
| Code | Beschreibung |
|---|---|
| 32-D/2 | Grünholzfraktur der Femurdiaphyse |
| 32-D/4.1 | Querfraktur (<30°), einfach |
| 32-D/4.2 | Querfraktur (<30°), komplex (Mehrfragmentfraktur) |
| 32-D/5.1 | Schräg-/ Spiralfraktur (>30°), einfach |
| 32-D/5.2 | Schräg-/ Spiralfraktur (>30°), komplex |
Therapie-Algorithmus
Die Therapiewahl richtet sich primär nach Alter und Gewicht des Kindes:
| Alter / Gewicht | Therapie der Wahl | Bemerkung |
|---|---|---|
| < 3 Jahre (bis 10-15 kg) | Beckenbeingips oder Overhead-Extension | ESIN möglich, aber Gefahr der Wachstumsfugenschädigung |
| > 3 Jahre | ESIN (Elastisch-stabile intramedulläre Nagelung) | Methode der 1. Wahl; isometrische Übungen ab Tag 1 |
| > 50 kg Körpergewicht | Lateraler Femurnagel (z.B. ALFN) | ESIN zeigt hier erhöhte Komplikationsraten |
| Komplexe Frakturen | Fixateur externe | Indiziert bei Trümmerfrakturen, III° offenen Frakturen oder Polytrauma |
Konservative Therapie (< 3 Jahre)
Für Kinder bis zum 3. Lebensjahr sind konservative Verfahren der Standard. Beide Verfahren basieren auf dem wachstumsbedingten Korrekturpotential des Femurs:
- Overhead-Extension: Stationär für 2-3 Wochen. Zuggewicht zu Beginn 1/7 bis 1/6 des Körpergewichts. Regelmäßige Kontrolle auf Blasenbildung und Nervenläsionen (N. peronaeus) erforderlich.
- Beckenbeingips: Anlage in Analgosedierung/Narkose. Korrekte Gipstechnik ist entscheidend, um Dislokationen und Hautschäden zu vermeiden.
Operative Therapie
Jenseits des 3. Lebensjahres soll eine Femurschaftfraktur operativ stabilisiert werden.
- ESIN: Auf eine adäquate Technik (2-ESIN) ist zu achten (korrekter Nageldurchmesser, symmetrische Platzierung, divergierende Spitzen). Bei Instabilität können Verriegelungsschraubkappen oder ein dritter Nagel erwogen werden. Metallentfernung nach 4-6 Monaten.
- Lateraler Femurnagel: Bei über 50 kg Körpergewicht empfohlen. Rigide Erwachsenennägel sind wegen der Gefahr von Beinlängendifferenzen und Femurkopfnekrosen nicht zu empfehlen. Der Eintrittspunkt am lateralen Trochanter major ist entscheidend.
- Fixateur externe: Erlaubt eine rasche Vollbelastung. Pin-tract-Infektionen und Achsabweichungen sind mögliche Komplikationen.
Nachsorge
Zur Erkennung von Wachstumsstörungen sind regelmäßige Nachuntersuchungen in halbjährlichen Abständen bis 2 Jahre nach der Metallentfernung erforderlich. Bei auftretender Beinlängendifferenz jährlich bis zum Wachstumsabschluss.
💡Praxis-Tipp
Denken Sie bei Femurschaftfrakturen im Säuglingsalter (unter 1 Jahr) zwingend an die Möglichkeit einer Kindesmisshandlung (15-30 % der Fälle). Lassen Sie sich bei Kleinkindern nicht von einer reinen Schonhaltung ohne offensichtliche Deformität täuschen.