Long/Post-COVID: S1-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Long COVID beschreibt Symptome ab 4 Wochen, das Post-COVID-Syndrom (PCS) ab 12 Wochen nach Infektion.
- •Es existieren keine spezifischen Biomarker; die Diagnose wird klinisch gestellt.
- •Die Therapie erfolgt symptomorientiert, kausale medikamentöse Ansätze fehlen bisher.
- •Bei Fatigue mit Post-Exertional Malaise (PEM) ist Pacing essenziell, aktivierende Therapien können schaden.
- •Riechstörungen bilden sich meist spontan zurück; ab 12 Wochen wird ein Riechtraining empfohlen.
Hintergrund
Das SARS-CoV-2-Virus kann zu einer Multiorgan-Krankheit führen. Bei einem Teil der Patient*innen persistieren Beschwerden nach der Akutinfektion. Die Terminologie richtet sich nach dem zeitlichen Verlauf:
| Begriff | Zeitraum nach Infektion | Besonderheit |
|---|---|---|
| Long COVID | > 4 Wochen | Symptome, die nach der Akutphase fortbestehen oder neu auftreten |
| Post-COVID-Syndrom (PCS) | > 12 Wochen | Bei Kindern und Jugendlichen bereits ab 2 Monaten definiert |
Die Pathogenese ist nicht abschließend geklärt (diskutiert werden u.a. Viruspersistenz, Hyperinflammation, Autoimmunität). Es existieren keine spezifischen Biomarker zur Diagnosestellung.
Hausärztliche Basisversorgung
Die primärärztliche Versorgung umfasst eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung.
- Abwartendes Vorgehen: Bei klinischer Stabilität in den ersten 3 Monaten (Kinder: 2 Monate) unter primärärztlicher Betreuung.
- Überweisung/Facharztdiagnostik: Bei Warnhinweisen (Gewichtsverlust, neue neurologische Ausfälle, unverhältnismäßige Erschöpfung, erhebliche Teilhabedefizite).
- Psychosomatische Grundversorgung: Frühzeitig einbinden, um Chronifizierungen vorzubeugen.
Fatigue und ME/CFS
Fatigue ist eines der häufigsten Symptome. Es muss zwingend auf eine Post-Exertional Malaise (PEM) (Belastungsintoleranz mit Symptomverschlechterung nach Anstrengung) geachtet werden. Bei Persistenz > 6 Monate (Erwachsene) kann ein Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) vorliegen.
| Maßnahme | Empfehlung bei Fatigue | Bemerkung |
|---|---|---|
| Diagnostik | Handkraftmessung, Orthostasetest (Schellong/Kipptisch) | Ausschluss von PoTS |
| Therapie ohne PEM | Dosiertes körperliches Training, aktivierende Therapien | Stufenweise Steigerung |
| Therapie mit PEM | Pacing (Energiemanagement) | Aktivierende Therapien können schaden (Zustandsverschlechterung) |
Kardiologische Aspekte
Häufige Symptome sind Dyspnoe, Thoraxschmerzen und Tachykardien (z.B. posturales Tachykardiesyndrom, PoTS).
- Diagnostik: Echokardiographie, EKG, kardiopulmonaler Belastungstest (CPET). Ein kardiales MRT wird nicht routinemäßig, sondern nur bei pathologischem Echo oder nach kardialen Akutkomplikationen empfohlen.
- Therapie bei PoTS: Nichtmedikamentös (Flüssigkeit, Salzzufuhr, Kompression). Medikamentös (Off-label) mit niedrig dosierten Betablockern oder Ivabradin.
Neurologische und Neuropsychologische Aspekte
Kognitive Defizite ("Brain Fog"), Kopfschmerzen und Neuropathien treten häufig auf.
- Kognitives Screening: Z.B. mittels MoCA-Test. Bei Auffälligkeiten ausführliche neuropsychologische Testung.
- Bildgebung: cMRT und EEG bei Hinweisen auf Enzephalopathie.
- Therapie: Symptomatisch, funktionsorientiertes Training und Kompensationsstrategien.
HNO-Spezifische Aspekte (Riechstörungen)
Riechstörungen (Anosmie/Hyposmie) haben eine gute Prognose. Bei 80-95 % kommt es binnen 1-2 Monaten zur Spontanremission.
- Diagnostik: Psychophysische Riechtests (z.B. Sniffin' Sticks).
- Therapie: Bei Persistenz > 12 Wochen wird ein strukturiertes Riechtraining (Rose, Zitrone, Eukalyptus, Gewürznelke; 2x täglich für 30 Sekunden) empfohlen.
Dermatologische Aspekte
Hautveränderungen (z.B. "COVID-Zehen", Urtikaria) und diffuser Haarausfall (Telogeneffluvium) können auftreten.
- Prognose: Die meisten Läsionen und der Haarausfall heilen spontan ab.
- Therapie: Symptomatisch (z.B. topische Steroide, Antihistaminika). Über die zu erwartende vollständige Remission des Haarverlusts (Wachstumszyklus bedingt) sollte aufgeklärt werden.
Gynäkologie und Reproduktionsmedizin
- Fertilität: Es gibt keine Belege für eine Einschränkung der weiblichen Fertilität durch die COVID-19-Impfung.
- Schwangerschaft: Eine SARS-CoV-2-Infektion in der Schwangerschaft erhöht das Risiko für schwere Verläufe und Komplikationen (z.B. Präeklampsie, Frühgeburt).
- Empfehlung: Die COVID-19-Impfung wird bei Kinderwunsch und vor einer Schwangerschaft ausdrücklich empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei Fatigue zwingend auf eine Post-Exertional Malaise (PEM). Bei Vorliegen einer PEM sind aktivierende Trainingstherapien kontraindiziert; stattdessen muss ein striktes Pacing (Energiemanagement) erfolgen.