Post-COVID-Syndrom: Kardiologie-Positionspapier (DGK)
📋Auf einen Blick
- •Das Post-COVID-Syndrom (PCS) umfasst Symptome, die >12 Wochen nach Infektion persistieren und nicht anderweitig erklärbar sind.
- •Kardiologische Routinebefunde sind meist unauffällig; spezifische Biomarker für das PCS existieren aktuell nicht.
- •Differenzialdiagnostisch muss eine myokardiale Beteiligung (Peri-/Myokarditis) ausgeschlossen werden.
- •Bei Vorliegen einer Post-Exertional Malaise (PEM) ist bei Rehabilitationsmaßnahmen Vorsicht geboten, da eine Zustandsverschlechterung droht.
- •Es gibt keine spezifische medikamentöse PCS-Therapie; Behandlungsansätze wie Apheresen werden außerhalb von Studien nicht empfohlen.
Hintergrund
Das Post-COVID-Syndrom (PCS) ist definiert als persistierende Beschwerden, die auch 3 Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion vorliegen, mindestens 2 Monate anhalten und nicht durch eine andere Ursache erklärbar sind. Es handelt sich um ein Multiorgansyndrom unklarer Ätiologie. Das Risiko für ein PCS ist nach schweren Verläufen erhöht, es tritt jedoch auch nach leichten Infektionen und bei jungen, zuvor gesunden Menschen ohne Risikofaktoren auf.
Klinische Symptomatik
Das PCS kann eine Vielzahl von Organsystemen betreffen. Typischerweise finden sich in der kardiologischen Routineabklärung keine auffälligen Befunde.
| Organsystem | Typische Symptome |
|---|---|
| Kardiovaskulär | Palpitationen, Angina pectoris, orthostatische Beschwerden |
| Pulmonal | Dyspnoe, Husten |
| Neurologisch | Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Geruchs-/Geschmacksstörungen, Kognitionsstörungen |
| Gastroenterologisch | Bauchschmerzen, Diarrhö |
| Psychiatrisch | Depression, Angst |
| Dermatologisch | Flush, Rötung |
Pathophysiologische Konzepte
Die genaue Genese ist unzureichend verstanden. Es existiert kein spezifischer Biomarker zum Nachweis eines PCS. Diskutiert werden unter anderem folgende Mechanismen:
- Immunologische Prozesse: Dysregulation des Immunsystems, Autoantikörper gegen G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCR) und chronische Inflammation.
- Viruspersistenz: Verbleib von Virusfragmenten (Spike-Protein) oder Reaktivierung anderer Viren (z. B. Epstein-Barr-Virus).
- Endotheliale Dysfunktion: Störungen der Mikrozirkulation und prokoagulatorische Effekte.
- Metabolische Störungen: Veränderungen im Lipid- und Aminosäurestoffwechsel.
Kardiologische Diagnostik
Zur kardiologischen Abklärung führen meist Dyspnoe, thorakale Beschwerden, Palpitationen und Schwindel.
| Verdachtsdiagnose | Diagnostik / Kriterien | Bemerkung |
|---|---|---|
| Peri-/Myokarditis | NT-proBNP, Troponin, Kardio-MRT | Risiko im 1. Jahr nach Infektion erhöht (insb. bei stationären Verläufen). |
| POTS (Posturales Tachykardiesyndrom) | Stehtest / Kipptischuntersuchung | Positiv bei HF-Anstieg >30/min in 10 Min. Stehzeit ohne pathologischen Blutdruckabfall. |
| PEM (Post-Exertional Malaise) | Anamnese (Kanadische Konsensuskriterien) | Inadäquate Erschöpfung nach Belastung (oft erst 24h verzögert). |
Therapie und Management
Spezifische pharmakologische Therapien mit Wirksamkeitsbeleg für das PCS sind nicht bekannt. Die Behandlung erfolgt symptomorientiert.
| Maßnahme | Empfehlung / Evidenz |
|---|---|
| Impfung | Reduziert das Risiko für die Entwicklung eines PCS signifikant. |
| Antikoagulation | Keine Indikation bei nicht-stationär behandelten COVID-19-Patienten und PCS (D-Dimere bei PCS meist normal). |
| POTS-Therapie | Flüssigkeits-/Salzzufuhr, Kompressionsstrümpfe. Ggf. Betablocker, Ivabradin, Midodrin oder Fludrocortison (individueller Heilversuch). |
| Rehabilitation | Multimodale Konzepte. Wichtig: Bei PEM-Symptomatik Gefahr der Verschlechterung durch Training (Pacing erforderlich!). |
| Experimentelle Verfahren | Immunadsorption, Lipidapherese oder hyperbare Sauerstofftherapie werden außerhalb von Studien nicht empfohlen. |
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei der Zuweisung zur Rehabilitation zwingend auf das Vorliegen einer Post-Exertional Malaise (PEM). Bei schwerer PEM droht durch klassisches körperliches Training eine Zustandsverschlechterung (Crash); hier ist das Erlernen von Pacing (Energiemanagement) essenziell.