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Neurologische Manifestationen bei COVID-19 (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Bei neu aufgetretenen zentralneurologischen Symptomen soll zwingend eine Diagnostik mittels MRT, EEG und Liquor erfolgen.
  • Immuntherapien bei neurologischen Grunderkrankungen (z. B. MS) sollten bei einer COVID-19-Infektion in der Regel fortgesetzt werden.
  • Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) nach Infektion oder Impfung soll mit intravenösen Immunglobulinen oder Plasmaaustausch behandelt werden.
  • Post-COVID-Symptome (> 3 Monate nach Infektion) erfordern eine umfassende interdisziplinäre Diagnostik und strukturierte Rehabilitation.
  • Bei Verdacht auf eine Vakzin-induzierte immunthrombotische Thrombozytopenie (VITT) nach Vektorimpfung sind Immunglobuline und heparinfreie Antikoagulation indiziert.
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Hintergrund

Eine Infektion mit SARS-CoV-2 kann vielfältige neurologische Manifestationen hervorrufen. Diese reichen von Hirnnervenaffektionen (wie Anosmie) über Enzephalopathien, ischämische Schlaganfälle bis hin zu neuromuskulären Erkrankungen wie dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS). Zudem können neurologische Beschwerden als Post-COVID-Symptomatik über Monate persistieren oder als seltene Komplikation nach einer COVID-19-Impfung auftreten.

Akute Enzephalopathie und Enzephalitis

Enzephalopathien zeigen bei COVID-19-Patienten eine klare Assoziation mit höherer Morbidität und Mortalität. Als Pathomechanismen werden Hypoxie, Hyperkapnie, Sepsis, schwere systemische Inflammation und Organversagen diskutiert.

Eine direkte Virusenzephalitis durch SARS-CoV-2 mit Virusnachweis im Liquor ist sehr selten. Häufiger handelt es sich um para- oder postinfektiöse Autoimmunenzephalitiden.

Empfehlung zur Diagnostik und TherapieEmpfehlungsgrad
Bei zentralneurologischen Symptomen (Bewusstseinsstörung, kognitive Defizite, epileptische Anfälle) soll eine Diagnostik mit MRT, EEG und Liquor erfolgen.starke Empfehlung (⇑⇑)
Ergänzende Bestimmung von SARS-CoV-2-PCR und antineuronalen Antikörpern im Liquor sollte erfolgen.Empfehlung (⇑)
Kalkulierte Therapie mit einem Antiherpetikum sollte bis zum Ausschluss einer Herpes-Enzephalitis erfolgen.Empfehlung (⇑)
Einsatz von hochdosierten Kortikosteroiden kann erwogen werden bei negativer Erregerdiagnostik und Verdacht auf Autoimmungenese.Empfehlung offen (⇔)

Zerebrovaskuläre Erkrankungen

Das Risiko für ischämische Schlaganfälle ist insbesondere in den ersten Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion erhöht (Inzidenz bis zu 2 %).

  • Patienten mit akutem Schlaganfall und COVID-19 sollen (⇑⇑) die gleiche Akutdiagnostik und -behandlung erhalten wie alle Schlaganfall-Patienten.
  • Thrombektomien in Intubationsnarkose sollten (⇑) als videolaryngoskopische Intubation in Räumlichkeiten mit Absaugung erfolgen.

Neuromuskuläre Erkrankungen

In zeitlichem Zusammenhang mit COVID-19 oder einer Impfung kann ein Guillain-Barré-Syndrom (GBS) auftreten. Bei schweren intensivmedizinischen Verläufen ist zudem an eine Critical-Illness-Polyneuropathie (CIP) oder -Myopathie (CIM) zu denken.

Maßnahme beim GBSEmpfehlung
Liquordiagnostik und serologische Testung auf Gangliosid-Antikörpersoll erfolgen (⇑⇑)
Therapie mit intravenösen Immunglobulinen (IVIG, 0,4 g/kg) oder Plasmaaustauschsoll erfolgen (⇑⇑)
Unterscheidung von GBS und ICU-acquired weakness mittels Neurophysiologie und Liquor bei Intensivpatientensollte erfolgen (⇑)

Neuroimmunologische Erkrankungen und Immuntherapien

Patienten unter Immuntherapie haben generell kein erhöhtes Infektions- oder Mortalitätsrisiko, mit Ausnahme von Patienten unter Anti-CD20-Antikörpern (z. B. Rituximab, Ocrelizumab).

Immuntherapien sollten (⇑) bei einer COVID-19-Infektion grundsätzlich fortgesetzt werden. Bei hohem individuellem Risiko kann (⇔) eine Deeskalationsstrategie (Therapieumstellung, Intervallverlängerung) erwogen werden.

Umgang mit spezifischen Immuntherapien bei COVID-19-Infektion

Substanzklasse / WirkstoffVorgehen bei akuter COVID-19-Infektion
Azathioprin / Mycophenolat-MofetilFortsetzung; bei ausgeprägter Lymphopenie pausieren
Rituximab / OcrelizumabZyklus verschieben
Fingolimod / OzanimodFortsetzung, ggf. Pausieren für wenige Tage
Glukokortikoide (Dauertherapie)Fortsetzung, ggf. Dosisreduktion erwägen
Natalizumab / DimethylfumaratFortsetzung, ggf. Zyklusverlängerung (Natalizumab)

Post-COVID-Symptomatik

Von Post-COVID wird gesprochen, wenn Symptome mehr als 3 Monate nach der Akutinfektion persistieren. Häufig sind Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Fatigue, Kopfschmerzen, Myalgien und Neuropathien.

  • Bei Hirnnervenausfällen, Myalgien und Neuropathien soll (⇑⇑) eine umfassende Diagnostik (Neurophysiologie, Liquor, ggf. Hautstanze) erfolgen.
  • Bei kognitiven Störungen soll (⇑⇑) eine neuropsychologische Testung, zerebrale Bildgebung und Labordiagnostik erfolgen.
  • Die Versorgung soll (⇑⇑) interdisziplinär erfolgen.
  • Zur Behandlung leichterer Einschränkungen sollen (⇑⇑) primär Heilmittel verordnet werden; bei komplexen Teilhabestörungen sollte (⇑) eine teilstationäre oder stationäre Neurorehabilitation erfolgen.

COVID-19-Impfungen und neurologische Komplikationen

SARS-CoV-2-Impfungen sollen (⇑⇑) auch während laufender Immuntherapie erfolgen. Sofern vertretbar, sollte (⇑) die Impfung mindestens 2–4 Wochen vor Beginn einer Immuntherapie abgeschlossen sein.

Vakzin-induzierte immunthrombotische Thrombozytopenie (VITT)

Nach Vektorimpfstoffen können gehäuft Hirnvenen- und Sinusthrombosen (SHVT) im Rahmen einer VITT auftreten.

VITT-ManagementEmpfehlung
Bestimmung von Thrombozytenzahl und D-Dimeren bei Verdachtsoll erfolgen (⇑⇑)
Bei Thrombozytopenie: Suche nach PF4-Antikörpern, VITT-Funktionstest und zerebrale Bildgebungsoll erfolgen (⇑⇑)
Therapie bei Vorliegen einer VITT: Gabe von Immunglobulinen und heparinfreie Antikoagulationsoll erfolgen (⇑⇑)
Therapie bei starken Kopfschmerzen (Tag 4-21 nach Vektorimpfung) + erfüllten Laborkriterien, auch ohne Thrombosenachweiskann erfolgen (⇔)

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie bei der Behandlung eines COVID-19-assoziierten Guillain-Barré-Syndroms (GBS) auf Kortikosteroide. Leiten Sie stattdessen zügig eine Therapie mit intravenösen Immunglobulinen (IVIG) oder einen Plasmaaustausch ein.

Häufig gestellte Fragen

Nein, Immuntherapien sollten in der Regel fortgesetzt werden. Nur bei hohem individuellem Risiko oder spezifischen Medikamenten (z. B. B-Zell-depletierende Therapien) kann eine Zyklusverschiebung oder Therapiepause erwogen werden.
Die Therapie der Wahl bei einer VITT besteht aus der Gabe von intravenösen Immunglobulinen und einer heparinfreien Antikoagulation.
Von Post-COVID spricht man, wenn Beschwerden (wie Fatigue, kognitive Störungen oder Neuropathien) mehr als 3 Monate nach der akuten SARS-CoV-2-Infektion fortbestehen.
Ja, Impfungen sollen auch unter laufender Immuntherapie erfolgen. Bei B-Zell-depletierenden Therapien oder S1P-Modulatoren kann die Impfantwort jedoch verringert sein.
Es soll zwingend eine weiterführende Diagnostik mittels zerebraler Bildgebung (MRT), EEG und Liquordiagnostik (inkl. SARS-CoV-2-PCR und antineuronalen Antikörpern) erfolgen.

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