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PICS Neurorehabilitation: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Frühmobilisation soll angepasst an die Belastbarkeit innerhalb der ersten Tage auf der Intensivstation begonnen werden (Empfehlungsgrad A).
  • Intensivtagebücher sollen angelegt und post-akut gemeinsam bearbeitet werden, um PTBS, Angst und Depression zu reduzieren (Empfehlungsgrad A).
  • Maßnahmen zur Delirprophylaxe müssen multimodal sein und sensorische, kognitive sowie emotionale Stimulation umfassen (Empfehlungsgrad A).
  • Auf eine prophylaktische neuroleptische Behandlung mit Haloperidol sollte bei beatmeten Patienten verzichtet werden (Empfehlungsgrad B-).
  • Vor einer oralen Nahrungsgabe bei Tracheotomierten sollte eine standardisierte Überprüfung der Schluckfähigkeit erfolgen (Empfehlungsgrad B).
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Hintergrund

Das Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS) bezeichnet einen neurologisch heterogenen Schädigungskomplex nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation (ITS). Es ist gekennzeichnet durch neue oder verstärkte Beeinträchtigungen der kognitiven, psychischen und/oder physischen Funktionen, die den Krankenhausaufenthalt überdauern. Auch Familienmitglieder können psychosoziale Folgen erleiden, was als Post-Intensive-Care-Syndrome-Family (PICS-F) bezeichnet wird.

KrankheitsphaseZeitraumBehandlungsortPrimäre Therapieziele
Akute PhaseTage bis WochenITS / Frührehabilitation (Phase B)Überleben, Weaning, Frühmobilisation, Delirreduktion
Post-akute PhaseWochen bis MonateKrankenhaus / stat. Neuro-Reha (Phase C/D)Wiederherstellung sensomotorischer Funktionen, ADL-Selbstständigkeit
Ambulante/chronische PhaseMonate bis JahreAmbulant, teilstationär, ZuhauseSoziale/berufliche Wiedereingliederung, Stabilisierung der Lebensqualität

Diagnostik und Assessments

Risikogruppen für die Entwicklung eines PICS sollen möglichst früh identifiziert werden. Bei Auftreten relevanter Beeinträchtigungen ist eine Verlaufsdiagnostik 2 bis 4 Wochen nach der Krankenhausentlassung und spätestens 6 bis 12 Monate nach Ende der stationären Rehabilitation empfohlen.

FunktionsebeneEmpfohlene Assessments (Beispiele)
Physisch6-Minute Walk Test (6-MWT), Timed up-and-go (TUG), BMRC Kraftgrade, Handkraft
KognitivMoCA, MMSE, Trail Making Test (TMT), MiniCog
PsychischHADS, IES-R, PHQ-4 / PHQ-8, BDI-II

Delirprävention und Stressreduktion

Das Delir ist der größte Risikofaktor, um langfristige oder chronische Einschränkungen der kognitiven Gesundheit hervorzurufen.

  • Empfehlungsgrad A: Maßnahmen zur Delirprophylaxe sollen multimodal sensorische, kognitive und emotionale Stimulation enthalten (Mobilisation, gezielte Reizangebote, Orientierungshilfen, Angehörigenkontakt).
  • Empfehlungsgrad B: Es sollten Maßnahmen zur Stressreduktion (Schmerz, Schlaf, Lärm), Kommunikationsverbesserung und Angehörigenbetreuung stattfinden.
  • Empfehlungsgrad 0: Zur Delirprävention bei beatmeten Patient*innen über 65 Jahren kann für eine leichte Sedierung Dexmedetomidin erwogen werden.
  • Empfehlungsgrad B-: Auf eine prophylaktische neuroleptische Behandlung mit Haloperidol sollte bei beatmeten Patient*innen auf der Intensivstation verzichtet werden, denn sie hat gegenüber Placebo keinen Effekt auf Auftretenshäufigkeit, Schwere, Dauer und Outcome eines Delirs.

Intensivtagebücher und psychologische Therapie

  • Empfehlungsgrad A: Intensivtagebücher sollen angelegt werden, um im Verlauf die Symptome von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), von Angst und Depression zu reduzieren.
  • Empfehlungsgrad A: Intensivtagebücher sollen im Rahmen der post-akuten Behandlung gemeinsam mit den Patient*innen bearbeitet werden.
  • Empfehlungsgrad B: Kritisch Kranke mit Anpassungsstörungen profitieren von psychologischen Interventionen. Diese sollten bereits auf der ITS und/oder Frührehabilitation angeboten werden.

Frühmobilisation und motorische Therapie

Die Intensive Care Unit Acquired Weakness (ICUAW) ist eine häufige physische Komplikation, die eine frühzeitige Intervention erfordert.

  • Empfehlungsgrad A: Frühmobilisation soll angepasst an die Belastbarkeit und den Allgemeinzustand der Patient*innen innerhalb der ersten Tage auf der Intensivstation begonnen werden.
  • Empfehlungsgrad B: Das Training der inspiratorischen Muskulatur mittels Einatemtrainer sollte zur kurzfristigen Kraftsteigerung der inspiratorischen Muskulatur und der Lebensqualität als Ergänzung zur Standardbehandlung eingesetzt werden.
  • Empfehlungsgrad 0: Der ergänzende Einsatz von Bettfahrrädern (Cycling), Rollstuhl-Fahrradergometertraining, Krafttraining und elektrischer Stimulation der ventralen Oberschenkelmuskulatur kann erwogen werden.

Dysphagietherapie und Dekanülierung

Schluckstörungen sind bei PICS-Patient*innen ein sehr häufiges und teilweise lebensbedrohliches Problem, insbesondere nach Langzeitbeatmung und Tracheostomie.

  • Empfehlungsgrad B: Da die Dysphagiefrequenz in der Population Tracheotomierter hoch ist, sollte vor einer oralen Nahrungsgabe eine Überprüfung der Schluckfähigkeit mit standardisierter Auswertung erfolgen.

Empfohlene diagnostische Verfahren umfassen die Klinische Schluckuntersuchung (KSU), den (modifizierten) Evans-Blue-Test und die Fiberoptic Endoscopic Evaluation of Swallowing (FEES). Generell ist eine Oralisierung mit entblocktem Cuff und Sprechventilaufsatz anzustreben, da der subglottische Druck eine Schlüsselkomponente der Schluckeffektivität darstellt.

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie Intensivtagebücher nicht nur als reine Dokumentation, sondern bearbeiten Sie diese in der post-akuten Phase aktiv gemeinsam mit dem Patienten. Dies senkt das Risiko für PTBS und Depressionen signifikant.

Häufig gestellte Fragen

Angepasst an die Belastbarkeit und den Allgemeinzustand sollte die Frühmobilisation bereits innerhalb der ersten Tage auf der Intensivstation gestartet werden.
Nein, auf eine prophylaktische Gabe von Haloperidol sollte verzichtet werden, da es gegenüber Placebo keinen positiven Effekt auf Auftretenshäufigkeit, Dauer oder Schwere eines Delirs zeigt.
Das Anlegen und spätere gemeinsame Aufarbeiten von Intensivtagebüchern sowie multimodale Stressreduktion und Angehörigenbetreuung senken das Risiko für PTBS, Angst und Depressionen.
Nein, aufgrund der hohen Dysphagiefrequenz muss vor der ersten oralen Nahrungsgabe zwingend eine standardisierte Überprüfung der Schluckfähigkeit (z.B. FEES) erfolgen.

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