COVID-19 bei Krebs & Bluterkrankungen: Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Krebspatienten haben ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe, insbesondere bei aktiver oder progredienter Erkrankung.
- •Die vollständige Impfung (bevorzugt mRNA) inkl. Auffrischungen wird dringend empfohlen; laufende Krebstherapien sollen dafür nicht unterbrochen werden.
- •PCR/NAT-Tests sind der diagnostische Goldstandard; bei Atemwegssymptomen wird eine Multiplex-NAT-Diagnostik (inkl. RSV und Influenza) empfohlen.
- •Antivirale Frühtherapien (z. B. Nirmatrelvir/Ritonavir, Remdesivir) senken das Risiko schwerer Verläufe bei Risikopatienten signifikant.
- •Die Wirksamkeit monoklonaler Antikörper zur Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ist bei aktuellen Virusvarianten stark eingeschränkt und wird nur in begründeten Einzelfällen empfohlen.
Hintergrund
Patienten mit onkologischen und hämatologischen Erkrankungen gehören zu den vulnerablen Gruppen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19. Die Sterblichkeit ist besonders bei Patienten mit aktiver, progredienter Krebserkrankung erhöht. Die Sorge vor einer SARS-CoV-2-Infektion darf jedoch nicht die Bekämpfung einer lebensgefährlichen Krebserkrankung beeinträchtigen.
| Kategorie | Risikofaktoren für schweren Verlauf |
|---|---|
| Allgemein | Höheres Alter, männliches Geschlecht, reduzierter Allgemeinzustand (ECOG), Komorbiditäten, Rauchen |
| Maligne Erkrankung | Hämatologische Neoplasien, Lungenkarzinom, aktive Krebserkrankung, metastasierte Erkrankung (Stadium IV) |
Prävention und Schutzimpfung
Neben allgemeinen Hygienemaßnahmen wird in Institutionen mit einer hohen Zahl vulnerabler Patienten das Tragen einer FFP2-Maske empfohlen.
Die Schutzimpfung ist die wichtigste präventive Maßnahme. Auch wenn die Serokonversionsrate bei immunsupprimierten Patienten (z. B. unter B-Zell-depletierender Therapie) niedriger sein kann, wird die Impfung uneingeschränkt empfohlen.
| Intervention | Intention | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Vollständige Impfung | Reduktion von Symptomen, Hospitalisierung und Mortalität | Starke Empfehlung |
| Auffrischimpfung | Steigerung der Immunogenität entsprechend nationaler Vorgaben | Starke Empfehlung |
| Impfzeitpunkt | Impfung vor Beginn der Chemotherapie (idealerweise bis 2 Wochen vorher) | Starke Empfehlung |
| Impfstoffwahl | Einsatz von mRNA-Impfstoffen in der höchstzugelassenen Dosierung | Moderate Empfehlung |
| Krebstherapie | Aussetzen der Krebstherapie für die Impfung | Empfehlung dagegen |
Präexpositionsprophylaxe (PrEP)
Die PrEP mit monoklonalen Antikörpern (z. B. Tixagevimab/Cilgavimab) ist keine Alternative zur Schutzimpfung. Aufgrund der stark eingeschränkten Wirksamkeit gegen aktuelle Virusvarianten (Omikron, Rekombinanten) wird der Einsatz nur noch in begründeten Einzelfällen bei Hochrisikopersonen mit schwerer Immundefizienz (z. B. nach Stammzelltransplantation, CAR-T-Zell-Therapie oder unter Anti-B-Zell-Therapie) empfohlen.
Diagnostik
Der PCR/NAT-Test ist der Goldstandard. Antigen-Schnelltests haben eine niedrigere Sensitivität und sind zur gezielten Diagnostik bei Krebspatienten nicht ausreichend.
Für immundefiziente Patienten mit Symptomen einer Atemwegsinfektion wird dringend eine Multiplex-NAT-Diagnostik aus respiratorischem Material empfohlen. Diese sollte neben SARS-CoV-2 mindestens Influenza und RSV abdecken, da Koinfektionen häufig sind und die klinische Präsentation oft mitigiert ist.
Therapie bei leichtem Verlauf
Bei Patienten mit erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf stehen medikamentöse Frühtherapien zur Verfügung. Diese müssen frühzeitig nach Symptombeginn (meist innerhalb von 5 Tagen) eingesetzt werden.
| Wirkstoff | Applikation | Bemerkung / Evidenz |
|---|---|---|
| Nirmatrelvir/Ritonavir (Paxlovid®) | p.o. über 5 Tage | Signifikante Reduktion von Hospitalisierung/Tod. Achtung: Hohes Risiko für CYP3A4-Interaktionen mit Krebstherapeutika! |
| Remdesivir (Veklury®) | i.v. über 3 Tage | Signifikante Reduktion schwerer Verläufe. Einsatz bei nicht-hospitalisierten Risikopatienten. |
| Sotrovimab / Tixagevimab/Cilgavimab | i.v. / i.m. | Monoklonale Antikörper. Wirksamkeit stark abhängig von der aktuell zirkulierenden Virusvariante. Derzeit oft nicht empfohlen. |
Hinweis: Molnupiravir wird aufgrund fehlender Überlegenheit in neueren Studien bei geimpften Patienten und potenzieller Mutagenität in Deutschland nicht mehr zentral bereitgestellt.
Therapie bei schwerem Verlauf und Hospitalisierung
Die stationäre und intensivmedizinische Behandlung unterscheidet sich nicht grundlegend von der Allgemeinbevölkerung.
Antikoagulation: SARS-CoV-2 wirkt prokoagulatorisch. Hospitalisierte Patienten sollen standardmäßig eine medikamentöse Thromboembolieprophylaxe mit niedermolekularem Heparin (NMH) erhalten. Eine Thrombozytopenie ohne Blutungssymptome ist per se keine Kontraindikation.
Management der Krebstherapie
Die unmittelbare, qualitätsgesicherte Versorgung der Patienten muss sichergestellt werden. Die Therapie kann und soll bei der großen Mehrzahl der Patienten unverändert nach gültigen Therapiestandards durchgeführt werden. Bei einer aktiven SARS-CoV-2-Infektion unter systemischer Krebstherapie ist jedoch das potenziell erhöhte Risiko für ein Zytokinfreisetzungssyndrom (Cytokine Release Syndrome) zu beachten.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei immunsupprimierten Patienten mit Atemwegssymptomen großzügig eine Multiplex-NAT-Diagnostik durch, da Antigen-Schnelltests oft falsch-negativ sind und Koinfektionen (RSV, Influenza) häufig vorkommen. Prüfen Sie vor der Gabe von Nirmatrelvir/Ritonavir (Paxlovid) zwingend mögliche Interaktionen mit der laufenden Krebstherapie.