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Intestinale Motilitätsstörungen: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Intestinale Motilitätsstörungen werden pathophysiologisch in Neuropathien, Myopathien und Mesenchymopathien unterteilt.
  • Die Basisdiagnostik dient primär dem Ausschluss einer mechanischen Obstruktion; invasive Tests sind schweren Fällen vorbehalten.
  • Bei der chronischen intestinalen Pseudoobstruktion (CIPO) ist eine adäquate Ernährung essenziell; Opioide sind zu vermeiden.
  • Die akute kolonische Pseudoobstruktion (ACPO) wird primär supportiv, bei Versagen medikamentös (Neostigmin) oder endoskopisch therapiert.
  • Bei Slow-Transit-Obstipation (STC) sind Ballaststoffe oft unwirksam; Laxanzien und Prokinetika (z. B. Prucaloprid) kommen zum Einsatz.
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Hintergrund

Intestinale Motilitätsstörungen beruhen auf einer neuromuskulären Dysfunktion von Dünn- und/oder Dickdarm. Pathophysiologisch wird prinzipiell zwischen enterischen Neuropathien, Myopathien und Mesenchymopathien (Störungen der interstitiellen Cajal-Zellen oder Gliazellen) unterschieden. Sie können primär (idiopathisch/genetisch) oder sekundär infolge anderer Erkrankungen auftreten.

Wichtige Krankheitsbilder

Die Leitlinie definiert folgende Hauptentitäten im Bereich der intestinalen Motilitätsstörungen:

  • Chronische intestinale Pseudoobstruktion (CIPO): Schwere Störung mit intermittierenden oder chronischen (Sub-)Ileussymptomen ohne mechanische Obstruktion. Häufigste Symptome: Überblähung (75 %), Schmerzen (58 %), Übelkeit (49 %).
  • Akute kolonische Pseudoobstruktion (ACPO / Ogilvie-Syndrom): Massive Kolondilatation, die sich in wenigen Tagen entwickelt. Oft assoziiert mit schweren Grunderkrankungen.
  • Idiopathisches Megakolon/-rektum (IMC): Anhaltende Dilatation ohne organische Ursache.
  • Morbus Hirschsprung: Angeborene Aganglionose des distalen Darms, die zu einer funktionellen Obstruktion führt.
  • Slow Transit Constipation (STC): Starke, das Krankheitsbild dominierende Verzögerung des Kolontransits.
  • Beckenbodendyssynergie: Frustrane Entleerung durch mangelnde Koordination (fehlende Relaxation des Sphinkterapparats beim Pressen).
ACPO-AssoziationenBeispiele
Infektiös/EntzündlichSepsis, Pneumonie, Pankreatitis, akute Cholezystitis
Kardio-/ZerebrovaskulärMyokardinfarkt, Herzinsuffizienz, Schlaganfall
MetabolischHypokaliämie, Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus
MedikamentösOpiate, Anticholinergika, Clonidin, Kalzium-Kanalblocker
Trauma/OPBeckentrauma, Kaiserschnitt, Organtransplantation

Diagnostik

Bei Verdacht auf eine intestinale Motilitätsstörung soll eine Stufendiagnostik erfolgen. Das exakte diagnostische Prozedere soll individuell angepasst werden. Weitergehende und insbesondere invasive Funktionstests sollen auf Patienten mit Alarmsymptomen oder fehlendem Ansprechen auf übliche therapeutische Maßnahmen beschränkt werden.

Diagnostik-StufeMaßnahmenBemerkung
1. BasisdiagnostikLabor, Sonografie, Endoskopie, RadiologieZwingend: Ausschluss einer mechanischen Obstruktion!
2. FunktionstestsTransitzeitbestimmung, Atemtests (SIBO)Quantifizierung der Störung (z. B. Marker-Test bei STC).
3. Spezielle TestsManometrie (Antroduodenal, Kolon, Anorektal)Bei unklarer Pathophysiologie oder vor geplanten OPs.
4. HistopathologieRektale Saugbiopsie, GanzwandbiopsieKonventionelle Mukosabiopsien sind oft nicht ausreichend.

Spezifische Diagnostik:

  • M. Hirschsprung: Referenzverfahren ist die rektale Saugbiopsie mit Bestimmung der Acetylcholinesterase-Aktivität.
  • Beckenbodendyssynergie: Anorektale Manometrie und Defäkografie.

Therapie der CIPO

Ziele sind die Aufrechterhaltung des Ernährungsstatus, Verbesserung der Propulsion und Vermeidung von Komplikationen.

  • Schmerztherapie: Schmerzen sollten nicht mit Opioiden therapiert werden, da diese die Motilitätsstörung massiv aggravieren.
  • Chirurgie: Unnötige Laparotomien während pseudoobstruktiver Episoden sollten vermieden werden.
WirkstoffgruppeBeispieleIndikation / Bemerkung
ProkinetikaPrucaloprid, Metoclopramid, ErythromycinVersuch sinnvoll, Metoclopramid/Erythromycin wirken v. a. gastroduodenal.
SomatostatinanalogaOctreotidLöst Phase-III-Komplexe aus, oft in Kombi mit Erythromycin.
AntibiotikaRifaximinZur Therapie der bakteriellen Fehlbesiedlung (SIBO).
ImmunsuppressivaKortikosteroide, ImmunglobulineBei zugrundeliegender rheumatologischer Erkrankung (z. B. SLE).

Therapie der ACPO (Ogilvie-Syndrom)

Patienten mit ACPO sollen primär supportiv therapiert werden (Nahrungskarenz, Magensonde, Korrektur von Elektrolytstörungen, Mobilisation).

Kommt es innerhalb von 1-2 Tagen nicht zur Besserung oder besteht primär ein schweres Krankheitsbild (Zökum >10-12 cm), soll das Kolon medikamentös oder endoskopisch dekomprimiert werden.

StufeMaßnahmeBemerkung
1Supportive TherapieFührt bei der Mehrzahl zum Erfolg.
2NeostigminBevorzugte medikamentöse Option bei Versagen von Stufe 1.
3Endoskopische DekompressionBei Kontraindikationen oder Versagen von Neostigmin.
4ChirurgieUltima Ratio bei Ischämie, Perforation oder Therapieresistenz.

Therapie der chronischen Obstipation

Slow Transit Constipation (STC)

Patienten sollten eine ballaststoffreiche Ernährung versuchen, ausreichend Flüssigkeit zuführen und sich ausreichend bewegen. Bei STC sind Ballaststoffe jedoch oft unwirksam und können Beschwerden verstärken (in diesem Fall reduzieren).

Bei unzureichendem Erfolg sollte die Gabe folgender Medikamente erwogen werden:

  • Konventionelle Laxanzien (Makrogole, Bisacodyl, Natriumpicosulfat)
  • Prucaloprid (5-HT4-Agonist)
  • Linaclotid (Guanylatzyklase-C-Aktivator)

Beckenbodendyssynergie

Patienten, deren Obstipation durch eine Beckenbodendyssynergie verursacht wird, sollten ein Beckenbodentraining erhalten, bevorzugt als Biofeedbacktraining. Als rektale Entleerungshilfen sollten bevorzugt Bisacodyl-Zäpfchen oder CO2-freisetzende Zäpfchen appliziert werden. Bei therapierefraktären Fällen kann Botox-A injiziert werden.

Morbus Hirschsprung

Patienten mit M. Hirschsprung sollen chirurgisch therapiert werden (Resektion des aganglionären Segments).

💡Praxis-Tipp

Vermeiden Sie bei Patienten mit chronischer intestinaler Pseudoobstruktion (CIPO) zwingend den Einsatz von Opioiden zur Schmerztherapie, da diese die Motilitätsstörung massiv aggravieren. Denken Sie bei CIPO-Patienten zudem an eine bakterielle Fehlbesiedlung (SIBO) und therapieren Sie diese ggf. mit Rifaximin.

Häufig gestellte Fragen

Primär supportiv (Nahrungskarenz, Magensonde, Elektrolytausgleich). Bei fehlender Besserung nach 1-2 Tagen oder einem Zökum >10-12 cm erfolgt eine medikamentöse Therapie mit Neostigmin oder eine endoskopische Dekompression.
Als Referenzverfahren gilt die rektale Saugbiopsie mit anschließender histopathologischer Untersuchung (Bestimmung der Acetylcholinesterase-Aktivität).
Bei der Beckenbodendyssynergie ist Biofeedbacktraining die Therapie der Wahl, unterstützt durch Zäpfchen. Bei der Slow Transit Constipation (STC) kommen Laxanzien und Prokinetika (z. B. Prucaloprid) zum Einsatz.
Nur bei schweren, therapierefraktären Motilitätsstörungen (wie CIPO) zur exakten histopathologischen Klassifizierung, da konventionelle Mukosabiopsien die tieferliegenden neuromuskulären Strukturen nicht erfassen.

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