ClariMedClariMed

Chronische Obstipation: S2k-Leitlinie (AWMF/DGVS)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Basisdiagnostik erfordert keine routinemäßige Endoskopie, sofern keine Warnsymptome (z.B. Blut im Stuhl, Gewichtsverlust) vorliegen.
  • Eine Trinkmenge von 1,5-2 Litern und 30 g Ballaststoffe (bevorzugt lösliche wie Flohsamen) bilden die Basistherapie.
  • Macrogol, Bisacodyl und Natriumpicosulfat sind Mittel der ersten Wahl; eine zeitliche Begrenzung der Einnahme ist unbegründet.
  • Bei Therapieversagen konventioneller Laxanzien sind Prucaloprid oder Linaclotid indiziert.
  • In der Schwangerschaft sind Macrogol, Lactulose, Bisacodyl und Natriumpicosulfat sicher anwendbar.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die chronische Obstipation ist eine häufige funktionelle Störung mit einer Prävalenz von ca. 15 % in Europa. Frauen und ältere Menschen sind besonders häufig betroffen. Die Diagnose wird klinisch gestellt, wenn die Symptome seit mindestens 3 Monaten bestehen (Beginn vor >6 Monaten) und Kriterien wie harter Stuhl (Bristol Stool Form Scale 1-2), starkes Pressen oder eine subjektiv unvollständige Entleerung bei >25 % der Stuhlgänge vorliegen.

Ätiologie und sekundäre Ursachen

Neben der primären funktionellen Obstipation müssen sekundäre Ursachen und Medikamentennebenwirkungen bedacht werden:

KategorieMögliche Ursachen
MedikamenteOpioide, Anticholinergika, trizyklische Antidepressiva, Diuretika, Antazida (Calcium)
NeurologischMorbus Parkinson, Multiple Sklerose, Apoplex, autonome Neuropathie (Diabetes)
EndokrinHypothyreose, Hyperparathyreoidismus, Schwangerschaft
StrukturellRektumprolaps, Rektozele, stenosierende Tumore

Diagnostik

Die Basisdiagnostik umfasst eine ausführliche Anamnese (ggf. mit Stuhltagebuch) und eine körperliche Untersuchung inklusive rektal-digitaler Untersuchung (Prüfung von Sphinkterruhetonus und Kneifdruck). Routinemäßige Labor- oder Endoskopieuntersuchungen sind ohne Warnsymptome nicht empfohlen.

Warnsymptome (Red Flags): Blut im Stuhl, unerklärter Gewichtsverlust >10 %, Anämie, positive Familienanamnese für GI-Tumore oder eine plötzliche Änderung der Stuhlgewohnheiten.

Bei Warnsymptomen oder mangelndem Ansprechen auf eine probatorische Therapie ist eine erweiterte Diagnostik indiziert:

UntersuchungIndikation / Ziel
IleokoloskopieAusschluss organischer Ursachen (Tumore, Entzündungen)
Anorektale ManometrieAusschluss Morbus Hirschsprung, Nachweis Beckenbodendyssynergie
BallonexpulsionstestScreening auf Stuhlentleerungsstörungen
KolontransitstudienDifferenzierung: Slow-Transit-Obstipation vs. normale Transitzeit

Stufenschema der Therapie

Stufe 1: Allgemeinmaßnahmen und Ernährung

  • Flüssigkeit: 1,5–2 Liter täglich. Eine darüber hinausgehende Menge hat keinen zusätzlichen Nutzen.
  • Bewegung: Vermeidung von körperlicher Inaktivität. Exzessiver Sport heilt die Obstipation jedoch nicht.
  • Ballaststoffe: Ziel sind 30 g/Tag. Lösliche Ballaststoffe (z.B. Flohsamenschalen/Psyllium) haben die beste Evidenz. Auch Pflaumen, Kiwis und Mangos sind wirksam. Bei Blähungen sollte die Dosis probatorisch reduziert werden.
  • Probiotika: Können probatorisch versucht werden (z.B. E. coli Nissle 1917).

Stufe 2: Konventionelle Laxanzien

Kommen zum Einsatz, wenn Basismaßnahmen nicht ausreichen. Eine zeitliche Begrenzung der Einnahme ist unbegründet, da ein Gewöhnungseffekt extrem selten ist.

WirkstoffklasseBeispieleEmpfehlung / Bemerkung
Osmotisch / StimulierendMacrogol, Bisacodyl, NatriumpicosulfatMittel der 1. Wahl. Auch in der Schwangerschaft sicher.
AnthrachinoneSenna-PräparateWirksam, können erwogen werden.
Zucker / ZuckeralkoholeLactulose, SorbitWirksam, verursachen aber oft störende Gasbildung.
Rektale EntleerungshilfenBisacodyl-Zäpfchen, CO2-ZäpfchenBevorzugt bei Entleerungsstörungen. Keine dauerhaften Phosphat-Klysmen!

Hinweis: Paraffinöl soll wegen der Gefahr einer Lipidpneumonie nicht eingesetzt werden.

Stufe 3: Moderne Medikamente

Bei Versagen der konventionellen Therapie kommen verschreibungspflichtige Spezialpräparate zum Einsatz:

  • Prucaloprid: Serotoninerges Prokinetikum (5-HT4-Agonist). Wirksam bei Transit- und Entleerungsstörungen.
  • Linaclotid: Sekretagogum (Guanylatzyklase-C-Agonist). Fördert die intestinale Sekretion und lindert viszerale Schmerzen.

Spezielle Patientengruppen

  • Geriatrie: Oft multifaktoriell bedingt (Immobilität, Medikamente). Macrogol und Prucaloprid sind auch im Alter sicher und wirksam.
  • Schwangerschaft: Die Basistherapie ist identisch. Macrogol, Lactulose, Bisacodyl und Natriumpicosulfat sind sicher anwendbar.

💡Praxis-Tipp

Setzen Sie Macrogol, Bisacodyl oder Natriumpicosulfat frühzeitig als Mittel der ersten Wahl ein. Klären Sie Patienten darüber auf, dass eine dauerhafte Einnahme sicher ist und keine Gewöhnungseffekte verursacht.

Häufig gestellte Fragen

Macrogol, Lactulose, Bisacodyl, Natriumpicosulfat und Anthrachinone können in der Schwangerschaft sicher eingesetzt werden.
Eine Trinkmenge von 1,5 bis 2 Litern pro Tag wird empfohlen. Eine darüber hinausgehende Flüssigkeitszufuhr hat jedoch keinen zusätzlichen therapeutischen Effekt auf die Obstipation.
Eine erweiterte Diagnostik wie die Koloskopie ist nur bei Vorliegen von Warnsymptomen (z.B. Blut im Stuhl, Gewichtsverlust >10 %, Anämie) oder bei mangelndem Ansprechen auf eine probatorische Therapie indiziert.
Ja. Eine zeitliche Begrenzung der Einnahmedauer ist laut Leitlinie unbegründet, da Gewöhnungseffekte oder Elektrolytverschiebungen auch bei Langzeiteinnahme extrem selten sind.

Verwandte Leitlinien