Reizdarmsyndrom & Motilitätsstörungen: DGVS S3-Leitlinie
Hintergrund
Die S3-Leitlinie der DGVS und DGNM (2021) behandelt die Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Reizdarmsyndroms (RDS) sowie intestinaler Motilitätsstörungen.
Das Reizdarmsyndrom ist ein heterogenes Krankheitsbild, das durch chronische abdominelle Beschwerden und Stuhlunregelmäßigkeiten gekennzeichnet ist. Die Symptomatik ist oft die gemeinsame Endstrecke unterschiedlicher pathophysiologischer Prozesse.
Intestinale Motilitätsstörungen reichen von leichten, transienten Beschwerden bis hin zu schweren chronischen Erkrankungen wie der chronischen intestinalen Pseudoobstruktion (CIPO). Diese schränken die Lebensqualität der Betroffenen massiv ein und stellen eine große therapeutische Herausforderung dar.
Die Leitlinienaktualisierung basiert auf neuen Erkenntnissen zu Pathomechanismen und einer Vielzahl neuer randomisiert-kontrollierter Studien. Sie bietet evidenzbasierte Empfehlungen für den ambulanten und stationären Sektor.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert basierend auf der Evidenzlage detaillierte Empfehlungen zur Therapie:
Chronische intestinale Pseudoobstruktion (CIPO)
Laut Leitlinie wird empfohlen, keine spezifische Diät vorzuschreiben, sondern die Nahrungsaufnahme an die individuelle Toleranz anzupassen (starke Empfehlung). Bei mangelernährten Patienten sollte eine parenterale Ernährung nicht verzögert werden.
Von chirurgischen Eingriffen wird aufgrund des hohen Risikos für postoperative Verschlechterungen abgeraten (schwache Empfehlung). Eine entlastende Stoma-Anlage kann jedoch in ausgewählten Fällen die Symptome lindern.
Medikamentös zeigen laut Evidenztabellen folgende Wirkstoffe positive Effekte:
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Prucaloprid zur Symptomlinderung
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Erythromycin bei akuten Ileus-Episoden und chronischen Beschwerden
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Octreotid (ggf. in Kombination mit Erythromycin) zur Linderung von Schmerzen und Übelkeit
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Pyridostigmin zur Beschleunigung des Kolontransits
Akute Kolon-Pseudoobstruktion (ACPO)
Die Leitlinie zeigt, dass eine konservative Basistherapie bei ACPO häufig zu einer klinischen Erholung führt. Bei ausbleibendem Erfolg ist die intravenöse Gabe von Neostigmin hochwirksam zur raschen Dekompression des Kolons.
Reizdarmsyndrom (RDS) – Ernährung und Lebensstil
Es wird der Einsatz einer Low-FODMAP-Diät empfohlen, da diese einer Standarddiät bei der Symptomlinderung überlegen ist.
Zudem empfiehlt die Leitlinie:
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Lösliche Ballaststoffe (z. B. Psyllium/Ispaghula) zur Symptomverbesserung
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Unlösliche Ballaststoffe (z. B. Weizenkleie) zeigen hingegen keinen signifikanten Nutzen
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Körperliche Aktivität und Yoga können die Lebensqualität und Symptomlast verbessern
Reizdarmsyndrom (RDS) – Medikamentöse Therapie
Zur medikamentösen Therapie des Reizdarmsyndroms werden verschiedene Substanzklassen aufgeführt:
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Spasmolytika (z. B. Mebeverin, Otiloniumbromid) und Pfefferminzöl zur Schmerzlinderung
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Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin) vor allem bei Schmerzen, SSRI zur Besserung der globalen Symptomatik
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5-HT3-Antagonisten (z. B. Ondansetron) und Eluxadolin bei Diarrhö-prädominantem RDS (RDS-D)
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Sekretagoga (z. B. Linaclotid, Lubiproston) bei obstipationsprädominantem RDS (RDS-C)
Psychotherapie
Die Leitlinie belegt die Wirksamkeit von psychotherapeutischen Verfahren. Kognitive Verhaltenstherapie, darmgerichtete Hypnose und Biofeedback (insbesondere bei Beckenbodendyssynergie) zeigen signifikante therapeutische Effekte.
Dosierung
| Wirkstoff | Indikation | Dosierung laut Evidenztabelle |
|---|---|---|
| Prucaloprid | CIPO / Chronische Obstipation | 2–4 mg täglich |
| Erythromycin | CIPO | 1,5–2,0 g/Tag oral |
| Octreotid | CIPO (bei TPN-Abhängigkeit) | 0,2–1 μg/kg/Tag i.v. oder 50 μg s.c. |
| Pyridostigmin | CIPO / Chronische Obstipation | 10–30 mg 2-mal täglich bis max. 360 mg/Tag |
| Neostigmin | ACPO (Ogilvie-Syndrom) | 2,0 mg i.v. Bolus oder 0,4–0,8 mg/h kontinuierlich |
| Linaclotid | RDS-C / Chronische Obstipation | 72–290 μg täglich |
| Amitriptylin | RDS (Schmerzprädominant) | 10–50 mg täglich |
| Eluxadolin | RDS-D | 75–100 mg täglich |
Kontraindikationen
Die Leitlinie warnt vor dem routinemäßigen chirurgischen Eingreifen bei chronischer intestinaler Pseudoobstruktion (CIPO), da dies mit einer hohen postoperativen Morbidität, Mortalität und häufigen Reoperationen assoziiert ist.
Zudem wird darauf hingewiesen, dass Opiate bei Patienten mit intestinalen Motilitätsstörungen die abdominellen Schmerzen verstärken und eine Obstipation auslösen oder verschlimmern können (Narcotic Bowel Syndrome).
💡Praxis-Tipp
Laut Leitlinie ist bei der Ballaststofftherapie des Reizdarmsyndroms strikt zwischen löslichen und unlöslichen Ballaststoffen zu unterscheiden. Es wird betont, dass lösliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen (Psyllium) die Symptome signifikant verbessern, während unlösliche Ballaststoffe wie Weizenkleie keinen nachweisbaren Nutzen haben und Beschwerden wie Blähungen sogar verschlimmern können.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie hebt die Low-FODMAP-Diät als besonders wirksam hervor. Sie ist einer allgemeinen Standarddiät bei der Reduktion von Schmerzen und Blähungen signifikant überlegen.
Bei Versagen der konservativen Basistherapie wird laut Leitlinie die intravenöse Gabe von Neostigmin empfohlen. Dies führt in den meisten Fällen zu einer raschen Dekompression des Kolons.
Ja, die Leitlinie belegt die Wirksamkeit von Antidepressiva. Trizyklische Antidepressiva (wie Amitriptylin) wirken besonders gut gegen Schmerzen, während SSRI die globale Symptomatik verbessern.
Es wird ein zurückhaltendes chirurgisches Vorgehen empfohlen. Medikamentös können laut Leitlinie Prokinetika wie Prucaloprid, Erythromycin oder Octreotid zur Symptomkontrolle eingesetzt werden.
Die Evidenztabellen der Leitlinie zeigen, dass magensaftresistentes Pfefferminzöl globalen Reizdarmsymptomen und abdominellen Schmerzen signifikant entgegenwirkt. Es wird als gut verträgliche Therapieoption eingestuft.
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Quelle: DGVS: Intestinale Motilitätsstörungen (DGVS, 2021). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.