Hüft-TEP bei Coxarthrose: Indikations-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Eine Hüft-TEP ist nur bei radiologisch fortgeschrittener Coxarthrose (Kellgren & Lawrence Grad 3 oder 4) oder Hüftkopfnekrose ab ARCO IIIc indiziert.
- •Eine Kombination aus medikamentöser und nicht-medikamentöser konservativer Therapie muss über mindestens 3 Monate erfolglos geblieben sein.
- •Ein hoher subjektiver Leidensdruck (Schmerz, Funktionseinschränkung, Lebensqualität) ist ausschlaggebend für die OP-Indikation.
- •Aktive Infektionen sind absolute Kontraindikationen; bei einem BMI ≥ 40 kg/m² ist eine besonders kritische Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich.
- •Modifizierbare Risikofaktoren wie Nikotinkonsum, ein HbA1c-Wert über 8 % oder eine Anämie sollen präoperativ optimiert werden.
Hintergrund
Die Implantation einer Hüfttotalendoprothese (Hüft-TEP) ist der häufigste endoprothetische Eingriff in Deutschland. Die korrekte Indikationsstellung ist entscheidend, um Risiken zu minimieren und eine bedarfsgerechte Versorgung sicherzustellen. Die Leitlinie definiert objektive und subjektive Kriterien für die Entscheidungsfindung.
Diagnosesicherung
Vor der Indikationsstellung muss die Diagnose klinisch und radiologisch gesichert sowie relevante Differentialdiagnosen ausgeschlossen werden.
| Diagnostik-Schritt | Kriterien / Maßnahmen | Bemerkung |
|---|---|---|
| Klinische Untersuchung | Hüftschmerzen, Morgensteifigkeit < 60 min, schmerzhafte Innenrotation, eingeschränkte Flexion | Empfehlungsgrad EK: Diagnose soll klinisch gesichert werden. |
| Basis-Bildgebung | Konventionelles Röntgen (Beckenübersicht + 2. Ebene des betroffenen Gelenks) | Empfehlungsgrad EK: Zwingend erforderlich zur Beurteilung der Degeneration. |
| Weiterführende Bildgebung | MRT und/oder CT | Nur bei Diskrepanz zwischen Klinik und Röntgen. |
| Diagnostische Infiltration | Bildgestützte intraartikuläre Injektion eines Lokalanästhetikums | Nur bei zweifelhafter/unklarer Diagnose zur Sicherung der Schmerzgenese. |
Radiologische Indikationskriterien
Eine Operation ist nur bei fortgeschrittenen strukturellen Schäden indiziert:
- Coxarthrose: Hüft-TEP soll nur bei radiologisch nachgewiesener fortgeschrittener Arthrose (Kellgren & Lawrence Grad 3 oder 4) erfolgen (Empfehlungsgrad A).
- Hüftkopfnekrose: Indikation sollte ab ARCO Stadium IIIc überprüft werden (Empfehlungsgrad B).
Konservative Vortherapie
Vor einer OP-Indikation sollen Patienten mit einer Kombination aus medikamentöser und nicht-medikamentöser Therapie behandelt werden (Empfehlungsgrad A).
| Kernelement | Zielgruppe | Maßnahme |
|---|---|---|
| Patientenedukation | Alle Patienten | Information, Aufklärung und Beratung zur Erkrankung |
| Bewegungstherapie | Alle Patienten | Förderung und Erhalt der körperlichen Aktivität |
| Gewichtsreduktion | Patienten mit BMI ≥ 30 kg/m² | Empfehlung zur Gewichtsabnahme |
Wenn diese leitliniengerechten Maßnahmen über mindestens 3 Monate durchgeführt wurden und weiterhin ein hoher Leidensdruck besteht, sollte die Indikation zur Hüft-TEP gestellt werden.
Leidensdruck und Entscheidungsfindung
Der subjektive Leidensdruck ist maßgeblich. Die Indikation soll in Betracht gezogen werden bei hohem Leidensdruck bezüglich:
- Hüftbezogener Beschwerden (Schmerzen, Funktionseinschränkungen, Einschränkungen im Alltag)
- Gesundheitsbezogener Lebensqualität
Zur Erfassung sollen validierte Instrumente (z.B. WOMAC, HOOS, EQ-5D) genutzt werden. Im Rahmen der partizipativen Entscheidungsfindung sollen individuelle Therapieziele formuliert und dokumentiert werden. Patient und Operateur müssen sich einig sein, dass der Nutzen die Risiken überwiegt.
Kontraindikationen und Risikominimierung
Vor dem Eingriff müssen Risikofaktoren optimiert und Kontraindikationen beachtet werden:
| Risikofaktor / Zustand | Empfehlung vor Hüft-TEP | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Aktive Infektion | Muss vollständig ausgeheilt sein (Gelenk, Weichteile, hämatogen). | A (Kontraindikation) |
| BMI ≥ 40 kg/m² | Besonders kritische Abwägung von Nutzen und Risiken wegen deutlich erhöhter Komplikationsgefahr. | A (Kontraindikation) |
| Schwere Begleiterkrankungen | Interdisziplinäre Risikoeinschätzung (Anästhesie/Innere Medizin) zwingend erforderlich. | A |
| Nikotinkonsum | Stopp mindestens 1 Monat vor geplanter OP. | A |
| Diabetes mellitus | Bestmögliche Einstellung, Ziel: HbA1c < 8%. | B |
| Anämie | Diagnostik und Optimierung einer behandlungsbedürftigen Anämie. | A |
| Psychische Erkrankung | Fachspezifische Abklärung bei Verdacht. | B |
| Cortikosteroid-Injektion | OP frühestens nach 6 Wochen, empfohlen erst nach 3 Monaten. | B |
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei unklarer Schmerzgenese (z.B. bei gleichzeitiger LWS-Pathologie oder Leistenhernie) eine diagnostische Infiltration des Hüftgelenks mit einem Lokalanästhetikum durch, bevor Sie die OP-Indikation stellen.