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Nephroblastom (Wilms-Tumor): Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Das Nephroblastom ist der häufigste Nierentumor bei Kindern (Altersgipfel 1.–4. Lebensjahr).
  • Leitsymptom ist eine schmerzlose Tumorschwellung im Abdomen.
  • Bei eindeutiger Bildgebung ist für Kinder zwischen 6 Monaten und 16 Jahren keine primäre Tumorbiopsie indiziert.
  • Die Standardtherapie umfasst eine 4- bis 6-wöchige präoperative Chemotherapie gefolgt von einer Tumornephrektomie.
  • Die Prognose ist mit einer Heilungsrate von ca. 90 % insgesamt sehr gut.
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Hintergrund

Das Nephroblastom (Wilms-Tumor) ist der häufigste Nierentumor bei Kindern und Jugendlichen mit einer Inzidenz von 1:100.000. Das typische Erkrankungsalter liegt zwischen dem ersten und vierten Lebensjahr, wobei das weibliche Geschlecht überwiegt. Es besteht eine Assoziation mit Fehlbildungen wie Aniridie, Hemihypertrophie und urogenitalen Anomalien.

Das Hauptsymptom ist eine schmerzlose Tumorschwellung. Seltener treten Schmerzen, Hämaturie oder Hypertonus auf. Etwa 10 % der Kinder sind völlig symptomlos (Zufallsbefund bei Vorsorgeuntersuchungen).

Klassifikation und Stadieneinteilung

Die Stadieneinteilung erfolgt nach der SIOP-Klassifikation:

StadiumBeschreibung
ITumor auf die Niere beschränkt, Kapsel intakt, vollständig entfernbar
IITumor überschreitet Kapsel, vollständig entfernbar, keine Lymphknotenmetastasen
IIIUnvollständige Tumorentfernung, keine hämatogenen Metastasen, Befall regionaler Lymphknoten
IVFernmetastasen (insb. Lunge, Leber, Knochen, Gehirn)
VBilaterales Nephroblastom

Zusätzlich erfolgt eine Risikostratifizierung anhand der histologischen Differenzierung in niedrige, intermediäre und hohe Malignität (Stockholm Klassifikation).

Diagnostik

Spezifische Tumormarker existieren nicht. Eine Bestimmung des WT1-Keimbahnstatus wird empfohlen. Zur Abgrenzung vom Neuroblastom können im Einzelfall Katecholaminmetaboliten im Serum und Urin bestimmt werden.

Bildgebung

  • Sonografie: Primäre Detektion (abdominell) inkl. Dopplersonografie der V. renalis und V. cava inferior zum Thrombus-Ausschluss.
  • MRT (obligat): Abdominelle MRT mit i.v.-Kontrastmittel zur genauen Ausdehnungsbestimmung und Volumetrie (Ellipsoidformel).
  • CT (obligat): Thorakale CT in Nativ-Technik zum Ausschluss von Lungenmetastasen.
  • Röntgen: Thorax in ap/pa-Strahlengang.

Wichtiger Grundsatz zur Biopsie: Eine primäre Tumorbiopsie ist bei eindeutiger bildgebender Diagnose bei Kindern über 6 Monaten und unter 16 Jahren nicht indiziert. Die histopathologische Diagnose wird erst nach der präoperativen Chemotherapie am Resektat gestellt.

Therapie

Die Behandlung sollte zwingend in kinderonkologischen Zentren erfolgen und kombiniert Chemotherapie, Chirurgie und Strahlentherapie.

Chemotherapie

Im Rahmen der SIOP/GPOH-Protokolle erfolgt standardmäßig eine 4- bis 6-wöchige präoperative Chemotherapie (bei Kindern von 6 Monaten bis 16 Jahren). Dies erhöht die Rate an Stadium-I-Tumoren postoperativ und senkt das Risiko einer Tumorruptur.

MedikamenteIndikation / Bemerkung
Actinomycin-D + VincristinBasistherapie (effektivste Medikamente)
+ AnthracyclineBei metastasiertem Stadium oder hochmalignem Tumor
Carboplatin, Etoposid, Cyclophosphamid, IfosfamidNur in Studien bei hochmalignem Tumor oder Stadium IV ohne komplette Remission

Hinweis: Bei Kindern <12 kg wird die Dosis auf 2/3 reduziert, bei Säuglingen <6 Monaten auf 50 %.

Chirurgische Therapie

Standard bei einseitigem Nephroblastom ist die Tumornephrektomie nach präoperativer Chemotherapie. Bei bilateralem Befall (Stadium V) stehen nierenerhaltende Operationen im Vordergrund.

Strahlentherapie

Die Indikation richtet sich nach Histologie und lokalem Stadium:

  • Intermediäre Malignität: ab lokalem Stadium III
  • Hohe Malignität: ab lokalem Stadium II
  • Tumorruptur: Bestrahlung des gesamten Abdomens (abdominelles Bad)

Die lokale Dosis an der Flanke beträgt 14,4–25,2 Gy. Bei makroskopischen Residuen erfolgt ein Boost von 10,8 Gy.

Prognose

Die Prognose ist unter studienkonformer Therapie sehr gut. Ohne Berücksichtigung spezifischer Faktoren werden ca. 90 % der Patienten langfristig geheilt.

Stadium / HistologieEvent-free survival (EFS)
Stadium I90 % (nach 5 Jahren)
Stadium II85 % (nach 5 Jahren)
Stadium III80 % (nach 5 Jahren)
Niedrige Malignität95 % (nach 3 Jahren)
Intermediäre Malignität89 % (nach 3 Jahren)
Diffuse Anaplasie48 % (nach 3 Jahren)

Nachsorge

Die meisten Rezidive treten in den ersten zwei Jahren auf. In dieser Zeit sind engmaschige abdominelle Sonografien und Röntgen-Thorax-Untersuchungen (2-4x pro Jahr) notwendig. Zudem ist eine langfristige nephrologische Nachsorge (Nierenfunktion, Blutdruck) essenziell.

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie bei Kindern zwischen 6 Monaten und 16 Jahren mit eindeutigem bildgebendem Befund auf eine primäre Tumorbiopsie. Die Diagnose wird nach der präoperativen Chemotherapie am Resektat gesichert.

Häufig gestellte Fragen

Das Hauptsymptom ist eine schmerzlose Tumorschwellung im Abdomen. Etwa 10 % der Kinder sind völlig symptomlos.
Bei Kindern zwischen 6 Monaten und 16 Jahren ist bei eindeutiger Bildgebung primär keine Biopsie indiziert. Ausnahmen gelten nur in seltenen Einzelfällen bei unklaren Befunden.
Obligat sind eine abdominelle Sonografie, eine abdominelle MRT mit i.v.-Kontrastmittel sowie eine thorakale CT (nativ) zum Ausschluss von Lungenmetastasen.
Standard ist eine 4- bis 6-wöchige präoperative Chemotherapie, gefolgt von einer Tumornephrektomie und einer stadiengerechten postoperativen Chemo- und ggf. Strahlentherapie.
Die Prognose ist insgesamt sehr gut. Über alle Stadien hinweg werden etwa 90 % der Patienten langfristig geheilt.

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