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Extrakranielle Keimzelltumoren: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Keimzelltumoren weisen zwei Altersgipfel auf: in der Neonatalzeit/im Kleinkindalter sowie mit Beginn der Pubertät.
  • Die wichtigsten Tumormarker sind alpha-Fetoprotein (AFP) und humanes Choriongonadotropin (HCG).
  • Die chirurgische Resektion ist prognostisch entscheidend; bei Steißbeintumoren muss das Steißbein zwingend mitreseziert werden.
  • Bei lokalisierten, komplett entfernten Tumoren ist oft eine Watch-and-Wait-Strategie möglich.
  • Die systemische Therapie basiert auf einer platinhaltigen Kombinationschemotherapie.
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Hintergrund

Extrakranielle Keimzelltumoren entstehen aus totipotenten, primordialen Keimzellen (Urkeimzellen) und nicht durch die Entartung reifer Gameten. Sie manifestieren sich in den Gonaden (Hoden/Ovar) oder extragonadal in der Mittellinie (z.B. Mediastinum, Steißbein). Man unterscheidet Tumoren bei Kindern (Typ I) und bei Jugendlichen/jungen Erwachsenen (Typ II).

Histologisch umfassen sie benigne Formen (reife Teratome) und maligne Formen (Dottersacktumor, Chorionkarzinom, embryonales Karzinom, Seminom/Dysgerminom). Mischformen sind häufig.

Alters- und Lokalisationstypen

Keimzelltumoren zeigen eine charakteristische Altersverteilung mit zwei Gipfeln (Neonatalzeit und Pubertät):

LokalisationNeugeborene / KleinkinderJugendliche
ExtragonadalTeratome, Dottersacktumoren (Steißbein, Vagina, Mediastinum)Selten, alle Subtypen (meist Mediastinum)
HodenTeratom und DottersacktumorenSeminom und Nicht-Seminom (± Teratom)
OvarSehr selten, alle SubtypenDysgerminom und Nicht-Dysgerminom (± Teratom)

Leitsymptome

Die Symptomatik hängt maßgeblich von der Lokalisation ab:

  • Hoden: Schmerzlose skrotale Schwellung.
  • Ovar: Starke Unterbauchschmerzen (oft Differentialdiagnose Appendizitis), Bauchumfangszunahme.
  • Mediastinum: Obere Einflussstauung, Kompression der Luftwege.
  • Steißbein: Pränatal auffällig (Herz-Kreislaufbelastung, Blutungen). Bei Kleinkindern Schwellung, Gangbildveränderungen, Miktions-/Defäkationsstörungen.

Diagnostik

Labordiagnostik (Tumormarker)

TumormarkerAssoziationBemerkung
AFPDottersacktumorenAltersabhängige Normwerte beachten (bis 2. Lebensjahr physiologisch erhöht).
HCGChorionkarzinome, embryonales KarzinomBei Neugeborenen in den ersten Lebenstagen nicht sinnvoll (maternales HCG).
SALL4Genereller MarkerImmunhistochemischer Nachweis.

Apparative Diagnostik

  • Sonographie: Obligat bei Verdacht auf Keimzelltumoren.
  • MRT: Abdomen/Becken zur Erfassung der Tumorausdehnung und Lymphknoten. MRT Schädel bei mediastinalen Tumoren, Chorionkarzinom oder testikulären Tumoren mit Metastasen.
  • CT: Lunge zum Ausschluss von Fernmetastasen (bei Kindern in Low-Dose-Technik oder MRT bevorzugen).

Chirurgische Therapie

Die Resektion ist der primäre Schritt bei lokal begrenzten Tumoren.

Hodentumoren

  • Zugang immer inguinal. Ein transskrotaler Zugang ist wegen Tumorzellverschleppung kontraindiziert.
  • Standard: Komplette Resektion (Hoden, Nebenhoden, Samenstrang).
  • Ausnahme: Organerhaltendes Vorgehen (Tumorenukleation) nur bei präpubertären Jungen mit Teratomen ohne Tumormarkererhöhung und eindeutiger Bildgebung.

Ovarielle Keimzelltumoren

  • Maligne Tumoren: Fertilitätserhaltende Chirurgie ist Standard. Zugang über mediane Laparotomie. Tumor in toto entfernen (Bergebeutel), Omentektomie. Keine Zystektomie!
  • Benigne Tumoren (reife Teratome): Ovar-erhaltende Operation (Zystektomie/Enukleation) aufgrund möglicher metachroner Erkrankung der Gegenseite.

Extragonadale Tumoren

  • Steißbeintumoren: Das Steißbein muss immer komplett mitreseziert werden, um das Rezidivrisiko zu senken.
  • Mediastinal: Vor Resektion MR-Angiographie zur Prüfung der Lagebeziehung zu großen Gefäßen.

Systemische Therapie und Nachsorge

Die Indikation zur Chemotherapie richtet sich nach Lokalisation, Stadium und Resektionsstatus.

  • Watch & Wait: Bei lokalisierten, komplett entfernten Tumoren (z.B. Hodentumor Stadium T1-4, N0, M0) ist keine Chemotherapie nötig.
  • Chemotherapie: Standard ist eine platinbasierte Kombinationschemotherapie (meist Cisplatin, Etoposid, Ifosfamid). Carboplatin wird als weniger toxische Alternative in Studien (MAKEI V) geprüft.
  • Strahlentherapie: Keimzelltumoren sind strahlensensibel, jedoch wird bei Kindern zum Erhalt von Wachstum und Fertilität die Chemotherapie bevorzugt.

In der Nachsorge sind neben Tumormarkern und Bildgebung auch die Nieren- und Hörfunktion (Ototoxizität der Platinderivate) regelmäßig zu kontrollieren.

💡Praxis-Tipp

Wählen Sie bei Verdacht auf einen Hodentumor niemals einen transskrotalen Zugang (Gefahr der Tumorzellverschleppung). Bei Steißbeinteratomen muss das Os coccygis zwingend mitreseziert werden, um Lokalrezidive zu vermeiden.

Häufig gestellte Fragen

Die wichtigsten Marker sind alpha-Fetoprotein (AFP), das vor allem bei Dottersacktumoren ansteigt, und humanes Choriongonadotropin (HCG), das bei Chorionkarzinomen gebildet wird.
Bei lokalisierten, komplett resezierten Hodentumoren (Stadium T1-4, N0, M0) ist die Prognose exzellent, sodass eine Watch-and-Wait-Strategie ohne adjuvante Chemotherapie empfohlen wird.
Standard ist die fertilitätserhaltende Chirurgie über eine mediane Laparotomie. Der Tumor muss in toto entfernt werden (inklusive Omentektomie). Eine bloße Zystektomie ist bei malignen Tumoren kontraindiziert.
Die komplette Entfernung des Steißbeins ist zwingend erforderlich, da belassenes Gewebe das Risiko für ein Lokalrezidiv signifikant erhöht.

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