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Descensus genitalis: AWMF-Leitlinie zu Diagnostik & Therapie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Eine operative Therapie sollte in der Regel nur bei einem symptomatischen Deszensus mit Leidensdruck erfolgen.
  • Zur Diagnostik werden validierte Beckenboden-Fragebögen und die Quantifizierung nach ICS/IUGA empfohlen.
  • Ein gezieltes Beckenbodentraining ist bei kleinen Prolapsstadien (Stadium I und II) eine effektive Therapieoption.
  • Die lokale Östrogenisierung ist bei der Pessartherapie essenziell, um Läsionen und Nekrosen zu vermeiden.
  • Bei der vorderen Scheidenplastik senkt eine gleichzeitige apikale Fixation das Rezidivrisiko deutlich.
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Hintergrund

Als Descensus genitalis wird das Tiefertreten von Blase (Zystozele), Rektum (Rektozele), Dünn- und/oder Dickdarm (Enterozele), Scheide oder Uterus bezeichnet. Geht der Deszensus über den Introitus hinaus, spricht man im deutschsprachigen Raum von einem Prolaps. Häufig wird ein Deszensus erst symptomatisch (Fremdkörpergefühl, Senkungsgefühl), wenn der Hymenalsaum erreicht wird. Eine operative Therapie sollte in der Regel nur bei symptomatischem Deszensus erfolgen.

Klassifikation des Descensus genitalis

Die Quantifizierung sollte idealerweise nach der ICS/IUGA-Standardisierung erfolgen, auch wenn im klinischen Alltag häufig noch die klassische Gradeinteilung genutzt wird.

ICS/IUGA-StadiumDefinition
Stadium 1Tiefster Punkt > 1 cm proximal des Hymenalsaumes
Stadium 2Tiefster Punkt ± 1 cm des Hymenalsaumes
Stadium 3Tiefster Punkt > 1 cm distal des Hymenalsaumes
Stadium 4Totalprolaps von Uterus und/oder Vagina
Klassische EinteilungDefinition
Grad IDeszensus innerhalb der Scheide
Grad IIDeszensus erreicht den Introitus vaginae
Grad IIIDeszensus reicht jenseits des Introitus vaginae
Grad IVTotalprolaps von Uterus und Vagina

Diagnostik

Die Basisdiagnostik umfasst eine ausführliche Anamnese (idealerweise mit validierten Fragebögen wie dem Deutschen Beckenbodenfragebogen) sowie die klinische Untersuchung.

  • Klinische Untersuchung: Spekulumeinstellung mit geteilten Spekula zur getrennten Beurteilung der Kompartimente.
  • Husten-Stresstest: Mit und ohne Reposition des Prolapses zur Demaskierung einer larvierten Belastungsinkontinenz.
  • Sonographie:
    • Nierensonographie zum Ausschluss einer Harnstauung bei hochgradigem Prolaps (Empfehlungsgrad 0).
    • Beckenboden-Sonographie (Introitus/Perineal) ist diagnostisch hilfreich zur Beurteilung von Zystozelen, Levatoravulsionen und der Beckenbodenkontraktion (Empfehlungsgrad 0).
  • Zystourethroskopie: Wird am Ende einer Deszensusoperation empfohlen, um Blasen-/Urethraverletzungen auszuschließen und die Ureterfunktion nachzuweisen (Empfehlungsgrad B).

Konservative Therapie

Da sich viele Frauen ihres Deszensus nicht bewusst sind und auch Spontanremissionen möglich sind, ist die reine Beobachtung eine legitime Option (Empfehlungsgrad C).

MaßnahmeIndikation / BemerkungEmpfehlungsgrad
Systemische HRTNicht explizit gegen Deszensus/Inkontinenz verordnen.B (Sollte nicht)
Lokale ÖstrogenisierungEtabliert bei atrophischer Vaginitis; essenziell bei Pessartherapie zur Vermeidung von Nekrosen.B
BeckenbodentrainingGezieltes Training (keine allgemeine Gymnastik) bei Stadium I und II zur Reduktion von Senkungssymptomen.B
PessartherapieGute konservative Option (z.B. Ring-, Siebschalen-, Würfelpessar).B

Operative Therapie (Vorderes Kompartiment)

Die vordere Scheidenplastik (Colporrhapia anterior) ist ein Standardverfahren, weist jedoch je nach Technik und Begleiteingriffen schwankende Erfolgsraten (kumulativ ca. 63 %) auf.

  • Apikale Fixation: Eine gleichzeitige apikale Fixation senkt das Rezidivrisiko deutlich. Es sollte geprüft werden, ob ein kombinierter Deszensus vorliegt, um die vordere Plastik mit einer apikalen Fixation zu kombinieren (Empfehlungsgrad B).
  • Levatordefekte: Bei nachgewiesenen Levatoravulsionen ist das Risiko für eine Rezidivzystozele erhöht. In diesen Fällen kann eine vordere Netzeinlage diskutiert werden (Empfehlungsgrad 0).

💡Praxis-Tipp

Verwenden Sie bei der Pessartherapie immer begleitend eine lokale Östrogenisierung, um Druckulzera, Blutungen und Nekrosen der Vaginalschleimhaut zu vermeiden. Führen Sie zudem klinisch immer einen Husten-Stresstest mit reponiertem Prolaps durch, um eine larvierte Belastungsinkontinenz zu demaskieren.

Häufig gestellte Fragen

In der Regel sollte nur ein symptomatischer Deszensus (z.B. mit Fremdkörper- oder Senkungsgefühl), der einen Leidensdruck verursacht, operativ therapiert werden.
Ja, ein gezieltes Beckenbodentraining (keine unspezifische Gymnastik) wird bei kleinen Prolapsstadien (Stadium I und II) empfohlen, um Symptome zu lindern.
Sie ist essenziell bei der Pessartherapie zur Vermeidung von lokalen Läsionen und Nekrosen und hilft bei Symptomen einer atrophischen Vaginitis.
Durch eine gleichzeitige apikale Fixation (Stabilisierung des mittleren Kompartiments), da ein vorderer Deszensus oft mit einem apikalen Defekt einhergeht.
Es fehlen Daten, die die zwingende Notwendigkeit einer Urodynamik vor einer reinen Deszensusoperation belegen; eine larvierte Inkontinenz kann oft schon klinisch durch Reposition demaskiert werden.

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