Descensus genitalis: AWMF-Leitlinie zu Diagnostik & Therapie
📋Auf einen Blick
- •Eine operative Therapie sollte in der Regel nur bei einem symptomatischen Deszensus mit Leidensdruck erfolgen.
- •Zur Diagnostik werden validierte Beckenboden-Fragebögen und die Quantifizierung nach ICS/IUGA empfohlen.
- •Ein gezieltes Beckenbodentraining ist bei kleinen Prolapsstadien (Stadium I und II) eine effektive Therapieoption.
- •Die lokale Östrogenisierung ist bei der Pessartherapie essenziell, um Läsionen und Nekrosen zu vermeiden.
- •Bei der vorderen Scheidenplastik senkt eine gleichzeitige apikale Fixation das Rezidivrisiko deutlich.
Hintergrund
Als Descensus genitalis wird das Tiefertreten von Blase (Zystozele), Rektum (Rektozele), Dünn- und/oder Dickdarm (Enterozele), Scheide oder Uterus bezeichnet. Geht der Deszensus über den Introitus hinaus, spricht man im deutschsprachigen Raum von einem Prolaps. Häufig wird ein Deszensus erst symptomatisch (Fremdkörpergefühl, Senkungsgefühl), wenn der Hymenalsaum erreicht wird. Eine operative Therapie sollte in der Regel nur bei symptomatischem Deszensus erfolgen.
Klassifikation des Descensus genitalis
Die Quantifizierung sollte idealerweise nach der ICS/IUGA-Standardisierung erfolgen, auch wenn im klinischen Alltag häufig noch die klassische Gradeinteilung genutzt wird.
| ICS/IUGA-Stadium | Definition |
|---|---|
| Stadium 1 | Tiefster Punkt > 1 cm proximal des Hymenalsaumes |
| Stadium 2 | Tiefster Punkt ± 1 cm des Hymenalsaumes |
| Stadium 3 | Tiefster Punkt > 1 cm distal des Hymenalsaumes |
| Stadium 4 | Totalprolaps von Uterus und/oder Vagina |
| Klassische Einteilung | Definition |
|---|---|
| Grad I | Deszensus innerhalb der Scheide |
| Grad II | Deszensus erreicht den Introitus vaginae |
| Grad III | Deszensus reicht jenseits des Introitus vaginae |
| Grad IV | Totalprolaps von Uterus und Vagina |
Diagnostik
Die Basisdiagnostik umfasst eine ausführliche Anamnese (idealerweise mit validierten Fragebögen wie dem Deutschen Beckenbodenfragebogen) sowie die klinische Untersuchung.
- Klinische Untersuchung: Spekulumeinstellung mit geteilten Spekula zur getrennten Beurteilung der Kompartimente.
- Husten-Stresstest: Mit und ohne Reposition des Prolapses zur Demaskierung einer larvierten Belastungsinkontinenz.
- Sonographie:
- Nierensonographie zum Ausschluss einer Harnstauung bei hochgradigem Prolaps (Empfehlungsgrad 0).
- Beckenboden-Sonographie (Introitus/Perineal) ist diagnostisch hilfreich zur Beurteilung von Zystozelen, Levatoravulsionen und der Beckenbodenkontraktion (Empfehlungsgrad 0).
- Zystourethroskopie: Wird am Ende einer Deszensusoperation empfohlen, um Blasen-/Urethraverletzungen auszuschließen und die Ureterfunktion nachzuweisen (Empfehlungsgrad B).
Konservative Therapie
Da sich viele Frauen ihres Deszensus nicht bewusst sind und auch Spontanremissionen möglich sind, ist die reine Beobachtung eine legitime Option (Empfehlungsgrad C).
| Maßnahme | Indikation / Bemerkung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Systemische HRT | Nicht explizit gegen Deszensus/Inkontinenz verordnen. | B (Sollte nicht) |
| Lokale Östrogenisierung | Etabliert bei atrophischer Vaginitis; essenziell bei Pessartherapie zur Vermeidung von Nekrosen. | B |
| Beckenbodentraining | Gezieltes Training (keine allgemeine Gymnastik) bei Stadium I und II zur Reduktion von Senkungssymptomen. | B |
| Pessartherapie | Gute konservative Option (z.B. Ring-, Siebschalen-, Würfelpessar). | B |
Operative Therapie (Vorderes Kompartiment)
Die vordere Scheidenplastik (Colporrhapia anterior) ist ein Standardverfahren, weist jedoch je nach Technik und Begleiteingriffen schwankende Erfolgsraten (kumulativ ca. 63 %) auf.
- Apikale Fixation: Eine gleichzeitige apikale Fixation senkt das Rezidivrisiko deutlich. Es sollte geprüft werden, ob ein kombinierter Deszensus vorliegt, um die vordere Plastik mit einer apikalen Fixation zu kombinieren (Empfehlungsgrad B).
- Levatordefekte: Bei nachgewiesenen Levatoravulsionen ist das Risiko für eine Rezidivzystozele erhöht. In diesen Fällen kann eine vordere Netzeinlage diskutiert werden (Empfehlungsgrad 0).
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie bei der Pessartherapie immer begleitend eine lokale Östrogenisierung, um Druckulzera, Blutungen und Nekrosen der Vaginalschleimhaut zu vermeiden. Führen Sie zudem klinisch immer einen Husten-Stresstest mit reponiertem Prolaps durch, um eine larvierte Belastungsinkontinenz zu demaskieren.