Harninkontinenz der Frau: Leitlinie zur Diagnostik (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Abklärung der Harninkontinenz erfordert eine systematische Anamnese inklusive einer detaillierten Medikamentenüberprüfung.
- •Zur Objektivierung der Symptome soll ein validierter Fragebogen sowie ein Blasentagebuch über mindestens 3 Tage geführt werden.
- •Ein standardisierter Vorlagen-Wiegetest (Pad-Test) wird zur Quantifizierung des Urinverlustes empfohlen.
- •Eine Urinuntersuchung ist zum Ausschluss von Infektionen, Mikrohämaturie oder Glucosurie routinemäßig durchzuführen.
Hintergrund
Die Harninkontinenz ist nach Definition der International Continence Society (ICS) jeglicher unfreiwillige Urinabgang. Sie betrifft etwa 30 % aller Frauen, wobei die Prävalenz mit zunehmendem Alter deutlich ansteigt. Die Erkrankung führt zu einer massiven Beeinträchtigung der Lebensqualität mit physischen, psychischen, sozialen und ökonomischen Folgen für die Betroffenen.
Formen der Harninkontinenz
Die Leitlinie unterscheidet pathophysiologisch verschiedene Formen der weiblichen Harninkontinenz:
| Form | Charakteristika |
|---|---|
| Belastungsinkontinenz | Unwillkürlicher Urinverlust bei körperlicher Anstrengung (Husten, Niesen, Sport) ohne Harndrang. |
| Dranginkontinenz | Urinverlust begleitet von oder folgend auf imperativen Harndrang. |
| Überaktive Blase (ÜAB) | Imperativer Harndrang, oft mit Pollakisurie und Nykturie, ohne Harnwegsinfekt. |
| Mischharninkontinenz | Kombination aus Symptomen der Belastungs- und Dranginkontinenz. |
| Inkontinenz bei chronischer Harnretention | Erhöhter Restharn durch Detrusorunteraktivität oder Blasenauslassobstruktion. |
| Neurogene Detrusorüberaktivität | Aufgrund neurologischer Erkrankungen (z.B. MS, Parkinson) oder spinaler Schädigung. |
| Extraurethrale Harninkontinenz | Stetiger vaginaler/rektaler Urinverlust (z.B. durch Fisteln oder ektopen Ureter). |
Diagnostik: Anamnese und klinische Untersuchung
Die Erhebung einer ausführlichen Anamnese ist der erste und grundlegende Schritt in der Diagnostik.
- Starke Empfehlung: Die Abklärung soll systematisch erfolgen und Allgemeinanamnese, urogynäkologische Anamnese, körperliche Untersuchung sowie Untersuchungs- und Behandlungserwartungen einschließen.
- Starke Empfehlung: Eine Anamnese des aktuellen Medikamentengebrauchs soll bei allen Patientinnen erstellt werden.
- Empfehlung: Alle neuen Medikamente, die mit der Entstehung oder Verschlimmerung der Harninkontinenz in Zusammenhang stehen, sollten überprüft werden.
- Starke Empfehlung: Berücksichtigung sollen finden: Harnspeicherung, Blasenentleerung, Beschwerden nach der Miktion, Typ und Ausprägung der Inkontinenz sowie der Leidensdruck.
Bei der klinischen Untersuchung ist die urogynäkologische Untersuchung in Steinschnittlage mit geteilten Spekula (in Ruhe und beim Pressen) essenziell. Zur Beurteilung der Kontraktionsfähigkeit des Beckenbodens kann der Oxford-Score verwendet werden (offene Empfehlung).
Objektivierung und Quantifizierung
Zur weiteren Abklärung stehen verschiedene standardisierte Instrumente zur Verfügung:
| Instrument | Durchführung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Patienten-Fragebögen | Validierte Fragebögen zur Erfassung von Symptomen und Lebensqualität. | Starke Empfehlung: Wenn eine standardisierte Erfassung erwünscht ist, soll ein validierter und adäquater Fragebogen benutzt werden. |
| Blasentagebuch | Erfassung von Flüssigkeitsaufnahme, Miktionsvolumen und Inkontinenzepisoden. | Starke Empfehlung: Soll geführt werden. Empfehlung: Sollte über zumindest 3 Tage geführt werden. |
| Vorlagenwiegetest (Pad-Test) | Messung des Urinverlustes durch abgewogene Vorlagen bei definierten Übungen (z.B. 1h- oder 24h-Test). | Starke Empfehlung: Soll mit standardisierter Dauer und Übungsprotokoll genutzt werden. Empfehlung: Sollte genutzt werden, wenn eine Quantifizierung notwendig ist. |
Urinanalyse
Im Rahmen der Basisdiagnostik ist eine Urinuntersuchung (Streifentest, ggf. Urin-Sediment und Urinkultur) routinemäßig durchzuführen. Dies dient dem sicheren Ausschluss einer Infektion, Mikrohämaturie, Proteinurie oder Glucosurie.
💡Praxis-Tipp
Lassen Sie Patientinnen zur Objektivierung der Beschwerden routinemäßig ein Blasentagebuch über mindestens 3 Tage führen und überprüfen Sie stets die aktuelle Medikation auf inkontinenzfördernde Präparate.