Intimchirurgie der Frau: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Körperbildstörungen stellen eine absolute Kontraindikation für ästhetische Eingriffe am weiblichen Genitale dar.
- •Die Aufklärung muss spezifische Risiken wie Sensibilitätsverlust, Dyspareunie und Veränderungen der Sexualität zwingend umfassen.
- •Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) rechtfertigt bei körperlichen oder seelischen Beschwerden immer eine medizinische und operativ-rekonstruktive Therapie.
- •Die Defibulation bei FGM Typ III kann antepartal (ab dem 2. Trimenon) oder intrapartal (in der Eröffnungsphase) erfolgen.
- •Bei Dysplasien (VIN, VaIN) und Morbus Paget steht die stadiengerechte Exzision im Gesunden im Vordergrund.
Hintergrund
Die S2k-Leitlinie "Rekonstruktive und Ästhetische Operationen des weiblichen Genitale" bietet Handlungsempfehlungen für die Beratung und Therapie von Mädchen und Frauen. Das Spektrum reicht von der Wiederherstellung nach Traumata, Tumorexzisionen oder weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) bis hin zu ästhetischen Eingriffen.
Präoperative Vorbereitung und Aufklärung
Eine ausführliche Anamnese und klinische Untersuchung sind obligat. Bei der Untersuchung, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, sollen physische und psychische Traumata vermieden werden.
- Interdisziplinäre Abklärung: Bei Mitbeteiligung der harnableitenden Wege sollte eine urologische Vorstellung erfolgen.
- Aufklärung: Es soll detailliert über spezifische Risiken wie Infektionen, veränderte Sensibilität, Dyspareunie, Verwachsungen und Veränderungen der Sexualität aufgeklärt werden.
- Dokumentation: Die Information und das Einverständnis sollen individualisiert, schriftlich und mit zeitlicher Angabe vorliegen.
Indikationen und Kontraindikationen
Die Abgrenzung zwischen medizinisch indizierten und rein ästhetischen Eingriffen ist essenziell, insbesondere für die Kostenübernahme durch die Krankenkassen.
| Kategorie | Beispiele / Bemerkung |
|---|---|
| Medizinische Indikation | Ausgeprägte Labienhypertrophie mit somatischen Beschwerden, Rekonstruktion nach FGM, Unfällen oder Tumoroperationen. |
| Ästhetische Indikation | Gering ausgeprägte Hypertrophien ohne somatische Beschwerden. |
| Kontraindikation | Körperbildstörung (Patientin soll spezifischer Abklärung zugeführt werden), unrealistische Erwartungen, Zwang durch Dritte. |
Weibliche Genitalverstümmelung (FGM)
FGM erfüllt den Tatbestand der Körperverletzung. Jede Form von FGM (Typ I-IV) rechtfertigt bei Vorliegen von Beschwerden die Indikation zur medizinischen Therapie. Die Behandlung sollte interdisziplinär erfolgen.
Komplikationen nach FGM
| Phase | Somatische Komplikationen | Psychische Komplikationen |
|---|---|---|
| Primär | Schmerzen, Blutung, Schock, Infektion, Harnablaufstörung, Verletzung der Harnröhre/Klitoris | Angststörung, Belastungsreaktion |
| Sekundär | Dysurie, rezidivierende Infektionen, Zysten, Neurome, Inkontinenz, Dyspareunie, Fisteln, geburtshilfliche Komplikationen | Posttraumatische Belastungsstörung, sexuelle Dysfunktion, Depression |
Geburtshilfliche Defibulation bei FGM Typ III
Die Defibulation (Eröffnung des subtotalen Verschlusses) verbessert die Funktion (Wasserlassen, Menstruation, Entbindung).
| Zeitpunkt | Empfehlung / Bemerkung | Vorteile |
|---|---|---|
| Antepartum | Sollte ab dem 2. Trimenon erfolgen. | Vermindert urogenitale Komplikationen, ermöglicht präpartale Diagnostik (Abstriche, Sonografie). |
| Intrapartum | Sollte während der ersten Phase der Wehen (Eröffnungsphase) erfolgen. | Senkt die operative Gesamtbelastung, erleichtert Monitoring und Katheterisierung. |
Dysplasien und Vulvaerkrankungen
Vulväre intraepitheliale Neoplasien (VIN)
- VIN I / LSIL: Bei Asymptomatik sind regelmäßige Kontrollen ausreichend.
- Symptomatische LSIL / HPV-assoziierte HSIL (VIN 2/3): Laserevaporisation empfohlen.
- Differenzierte VIN (d-VIN) / nicht-HPV-assoziierte HSIL: Sollen im Gesunden exzidiert werden.
Morbus Paget der Vulva
Die primäre Therapie basiert auf der operativen Entfernung (Wide Excision) im Gesunden. Je nach Defektgröße ist eine plastische Deckung (Lappenplastik) anzustreben.
Geburtsverletzungen und Episiotomie
Bei Keloidbildung oder Fadengranulomen mit persistierenden Beschwerden (Dyspareunie, Schmerzen) nach 3-6 Monaten kann eine operative Revision erwogen werden. Präoperativ ist über erneute Narbenbildung und ggf. lebenslange Sphinkter-Beeinträchtigungen (bei Dammriss III°) aufzuklären.
Bartholinitis
Bei Zysten oder Abszessen der Glandula vestibularis major erfolgt eine Inzision mit Katheter-Einlage oder Marsupialisation. Bei Rezidiven ist die Exstirpation möglich.
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Patientinnen vor intimchirurgischen Eingriffen explizit und detailliert über das Risiko von Sensibilitätsverlusten, Dyspareunie und negativen Auswirkungen auf die Sexualität auf. Dokumentieren Sie bei ästhetischen Wünschen zwingend den Ausschluss einer Körperbildstörung.