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Dammriss III. und IV. Grades: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Bei unklarem Befund nach vaginaler Geburt immer einen erfahrenen Facharzt hinzuziehen und im Zweifel den höhergradigen Riss diagnostizieren.
  • Die operative Versorgung erfolgt in Regional- oder Allgemeinanästhesie mit atraumatischem, langsam resorbierbarem Nahtmaterial.
  • Eine einmalige perioperative Antibiotikagabe wird empfohlen.
  • Postoperativ sollen Laxantien für mindestens 2 Wochen verabreicht werden.
  • Bei Folgegeburten kann eine elektive Sectio angeboten werden, bei vaginaler Entbindung ist eine Episiotomie restriktiv anzuwenden.
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Hintergrund

Höhergradige Dammrisse (Grad III und IV) treten bei etwa 1,9 % (Grad III) bzw. 0,1 % (Grad IV) der vaginalen Geburten auf. Eine exakte Diagnostik und fachgerechte Versorgung sind essenziell, um Spätfolgen wie anale Inkontinenz zu vermeiden.

Risikofaktoren (Auswahl):

  • Forzeps (OR 2,9 – 4,9)
  • Geburtsgewicht > 4 kg (OR 1,4 – 5,2)
  • Mediane Episiotomie (OR 2,4 – 2,9)
  • Nulliparität (OR 2,4)

Protektive Faktoren:

  • Mediolaterale Episiotomie bei vaginal-operativer Entbindung
  • Perineale feuchte Kompressen
  • Dammmassage

Klassifikation

Ein höhergradiger Dammriss liegt vor, wenn mindestens der M. sphincter ani externus verletzt ist.

GradDefinitionUnterteilung
Dammriss IIISphinkter verletzt, Rektumwand intaktIIIa: < 50 % der Muskeldicke des M. sphincter ani externus zerrissen<br>IIIb: > 50 % der Muskeldicke des M. sphincter ani externus zerrissen<br>IIIc: M. sphincter ani externus und internus zerrissen
Dammriss IVSphinkter verletzt, Rektum eröffnet-
SonderformRiss der analen Schleimhaut bei intaktem M. sphincter ani externus ("buttonhole tear")-

Diagnostik

Nach jeder vaginalen Geburt soll ein Dammriss III/IV durch sorgfältige Inspektion und/oder Palpation (vaginal und anorektal) ausgeschlossen werden.

  • Bei unklaren Wundverhältnissen soll ein Arzt mit hoher Fachkompetenz (Gynäkologe oder Koloproktologe) beigezogen werden.
  • Im Zweifelsfall sollte der höhergradige Dammriss als Diagnose gewählt werden.

Operative Versorgung

Die Versorgung soll in adäquater Regional- oder Allgemeinanästhesie zur maximalen Sphinkterrelaxation und unter aseptischen Bedingungen erfolgen. Ein erfahrener Facharzt soll zur Verfügung stehen. In Ausnahmefällen kann die Versorgung bis zu 12 Stunden postpartal erfolgen.

Allgemeine Maßnahmen:

  • Einmalige perioperative Antibiotikagabe (soll).
  • Verwendung von atraumatischem, langsam resorbierbarem Nahtmaterial (sollte).
  • Anlage eines Anus praeter soll nicht erfolgen.

Spezifische Nahttechniken:

StrukturNahttechnikFadenstärke
Rektum (bei DR IV)Stoß auf Stoß, atraumatisch3-0
M. sphincter ani internusAdaptation mit atraumatischen Einzelknopfnähten3-0
M. sphincter ani externusU-Nähte. Stoß-auf-Stoß oder überlappende Technik (nach Routine des Operateurs). Bei inkomplettem Riss: Stoß-auf-Stoß.2-0

Maßnahmen für das Wochenbett

  • Laxantien: Postoperative Gabe sollte für mindestens 2 Wochen erfolgen.
  • Hygiene: Tägliche Reinigung mit fließendem Wasser (z. B. Wechselduschen) wird empfohlen. Sitzbäder oder Wundsalben sollten nicht angewandt werden.
  • Schmerztherapie: Kühlende Auflagen sollten angewandt werden. Auf ausreichende Analgesie soll geachtet werden, um Harn- und Stuhlverhalt zu vermeiden.
  • Untersuchung: Bei unkompliziertem Verlauf sollte auf eine rektale Untersuchung verzichtet werden.

Nachsorge

Etwa 3 Monate postpartal sollte eine gynäkologische oder koloproktologische Nachuntersuchung erfolgen (Anamnese bzgl. Inkontinenz, Inspektion, vaginale/rektale Palpation). Eine Zuweisung zur Physiotherapie (Beckenbodentraining) sollte erfolgen. Bei persistierenden Beschwerden soll eine Überweisung an ein spezialisiertes Zentrum stattfinden.

Empfehlungen für Folgegeburten

  • Frauen nach Dammriss III/IV sollte eine elektive Sectio caesarea angeboten werden (insbesondere bei persistierender Stuhlinkontinenz, reduzierter Sphinkterfunktion oder fetaler Makrosomie).
  • Bei angestrebter Spontanentbindung soll eine ausführliche Aufklärung erfolgen und eine Episiotomie nur restriktiv angewendet werden.

💡Praxis-Tipp

Verordnen Sie postoperativ konsequent Laxantien für mindestens 2 Wochen und verzichten Sie bei einem unkomplizierten Heilungsverlauf im Wochenbett auf rektale Untersuchungen.

Häufig gestellte Fragen

In Ausnahmefällen kann die Operation bis zu 12 Stunden postpartal durchgeführt werden, um eine fachgerechte Versorgung durch einen erfahrenen Arzt zu gewährleisten.
Es kann sowohl die Stoß-auf-Stoß-Technik als auch die überlappende Technik angewendet werden. Der Operateur soll die Methode wählen, in der er die größte Routine hat. Bei inkompletten Rissen sollte die Stoß-auf-Stoß-Technik genutzt werden.
Nein, laut Leitlinie sollten Sitzbäder (mit oder ohne Zusätze) sowie Wundsalben nicht angewandt werden. Empfohlen wird stattdessen die Reinigung mit fließendem Wasser.
Die postoperative Gabe von Laxantien sollte über eine Therapiedauer von zumindest 2 Wochen erfolgen.
Ja, eine Spontanentbindung ist möglich, erfordert aber eine ausführliche Aufklärung. Eine elektive Sectio sollte jedoch angeboten werden, besonders bei persistierender Inkontinenz oder Makrosomie.

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