LRTI bei Kindern mit neurologischer Beeinträchtigung (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Eine adäquate symptomatische Therapie (Sekretolyse, Inhalation, Physiotherapie) ist essenziell.
- •Die kalkulierte Antibiotikatherapie richtet sich nach Risikogruppen (Aminopenicillin + Betalaktamaseinhibitor vs. Piperacillin-Tazobactam).
- •Ein 'Antibiotic Timeout' nach 48-72 Stunden ist obligatorisch zur Überprüfung der Indikation.
- •Bei Verdacht auf Influenza soll frühzeitig Oseltamivir gegeben werden.
- •Palliative Aspekte und Advance Care Planning (ACP) sind bei dieser Patientengruppe besonders wichtig.
Hintergrund
Kinder und Jugendliche mit schwerer neurologischer Beeinträchtigung (SNI) haben ein stark erhöhtes Risiko für rezidivierende und schwerwiegende untere Atemwegsinfektionen (LRTI). Ursächlich sind oft eine eingeschränkte Sekretclearance, restriktive Lungenfunktionsstörungen sowie Mikro- und Makroaspirationen bei Dysphagie. Diese Leitlinie fokussiert sich auf den rationalen Antibiotikaeinsatz (Antibiotic Stewardship).
Diagnostik
Neben der klinischen Untersuchung und Vitalzeichenkontrolle wird folgende Diagnostik empfohlen:
- Blutentnahme: Blutbild, CRP, Transaminasen, Kreatinin, BGA. Bei schwerer Erkrankung/Sepsis Anlage von Blutkulturen.
- Atemwegssekret: Gewinnung von möglichst tiefem Sekret (Sputum, Trachealsekret) zur bakteriologischen Untersuchung.
- Virologie: Rachenabstrich auf Atemwegsviren (Multiplex-PCR inkl. RSV, Influenza, SARS-CoV-2).
- MRE-Screening: Zur stationären Aufnahme (MRSA, MRGN).
- Bildgebung: Röntgen-Thorax nur bei neu aufgetretener Hypoxämie oder unklarer Diagnose. Sonographie niederschwellig bei Verdacht auf Pleuraerguss.
Therapie und Antibiotika-Wahl
Alle Patienten sollen eine adäquate symptomatische Therapie erhalten (bedarfsgerechte Inhalation, Sekretolyse, Physiotherapie, Sauerstoffgabe bei SpO2 < 92%).
Bei Verdacht auf eine bakterielle LRTI erfolgt die kalkulierte Therapie nach Gruppeneinteilung:
| Gruppe | Indikation | Empfohlene Therapie |
|---|---|---|
| Gruppe I | Ambulant erworbene LRTI oder Aspirationspneumonie | Ampicillin-Sulbactam i.v. (150 mg/kg/Tag) oder Amoxicillin-Clavulansäure p.o. (50-80 mg/kg/Tag) |
| Gruppe II | Chronische Lungenerkrankung und/oder Tracheostoma mit rezidivierenden LRTI | Piperacillin-Tazobactam i.v. (300 mg/kg/Tag) |
| Kritisch krank | Septischer Schock oder Sepsis mit Multiorganversagen | Meropenem plus Vancomycin i.v. |
Hinweis: Bei begründetem Verdacht auf virale LRTI durch Influenza soll frühzeitig Oseltamivir (für 5 Tage) gegeben werden.
Antibiotic Timeout
Nach 48-72 Stunden muss zwingend ein "Antibiotic Timeout" zur Reevaluation erfolgen:
- Bakterielle Infektion unwahrscheinlich: Antibiotika absetzen.
- Zustand gebessert: Antibiotika an Antibiogramm anpassen (Deeskalation) und auf orale/enterale Gabe umstellen.
- Zustand unverändert/verschlechtert: Supportivtherapie optimieren, Diagnostik wiederholen, ggf. Therapieeskalation (z.B. Ergänzung von Piperacillin-Tazobactam um Tobramycin oder Fosfomycin).
Therapiedauer und Palliativmedizin
Die Antibiotikatherapie soll in der Regel 5 bis 7 Tage erfolgen (bei Bronchiektasen 10-14 Tage).
Da Kinder mit SNI häufig eine begrenzte Lebenserwartung haben, muss die Therapiezielfindung individuell erfolgen. Ein Advance Care Planning (ACP) und pädiatrische Vorausverfügungen (pedVVN) helfen, in Notfallsituationen im Sinne des Patienten zu handeln. Die Linderung leidvoller Symptome (Dyspnoe, Schmerz) hat stets höchste Priorität.
💡Praxis-Tipp
Legen Sie das 'Antibiotic Timeout' bereits bei der Anordnung der ersten Antibiotikagabe auf 48-72 Stunden fest. Prüfen Sie bei fehlendem Ansprechen immer zuerst, ob das Sekretmanagement (Supportivtherapie) optimiert werden kann, bevor Sie das Antibiotikum eskalieren.