Antibiotikatherapie bei HNO-Infektionen: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Leichte akute bakterielle HNO-Infektionen bei immunkompetenten Patienten erfordern in der Regel keine Antibiotika.
- •Penicillin V bleibt das Mittel der ersten Wahl bei der akuten Tonsillopharyngitis.
- •Amoxicillin ist die Erstlinientherapie bei unkomplizierter akuter Otitis media und Rhinosinusitis.
- •Orale Cephalosporine der Gruppen 2 und 3 (z.B. Cefuroximaxetil) werden wegen schlechter Bioverfügbarkeit nicht mehr als Erstlinientherapie empfohlen.
- •Fluorchinolone und Clindamycin unterliegen aufgrund von schweren Nebenwirkungen und hohen Resistenzraten strengeren Indikationseinschränkungen.
Hintergrund
Die Indikation zur Antibiotikatherapie bei HNO-Infektionen muss kritisch gestellt werden. Leichte akute bakterielle Infektionen bei immunkompetenten Patienten sollten in der Regel nicht antibiotisch behandelt werden. Ziel ist es, Nebenwirkungen, Resistenzentwicklungen und das Risiko für Folgeerkrankungen (wie ein erhöhtes Sepsisrisiko nach Breitspektrum-Therapie) zu minimieren. Es gilt der Grundsatz: Das Antibiotikum mit dem schmalstmöglichen Wirkspektrum wählen und die empfohlene Therapiedauer nicht überschreiten.
Diagnostik
Abstriche sind bei leichten Infektionen meist nicht sinnvoll und primär bei Versagen der empirischen Erstlinientherapie indiziert. Wenn möglich, ist die Gewinnung eines Punktates oder einer Biopsie dem Abstrich vorzuziehen. Bei unklarem Risiko kann die Bestimmung des CRP-Wertes (z.B. bei akuter Rhinosinusitis) helfen, die Antibiotikaverschreibung zu reduzieren.
Empfehlungen nach Indikation
| Indikation | 1. Wahl | Bemerkung / Alternative |
|---|---|---|
| Akute Tonsillopharyngitis | Penicillin V | Makrolide nur als 2. Wahl (Resistenzgefahr) |
| Unkomplizierte Otitis media & Rhinosinusitis | Amoxicillin | Geringes Risiko für Therapieversagen |
| Schwere Infektionen (z.B. Abszesse, Epiglottitis) | Aminopenicillin + Betalaktamaseinhibitor | Erfasst Staphylokokken, H. influenzae, Anaerobier |
| Schwere Infektionen mit Pseudomonas-Risiko | Piperacillin-Tazobactam | Z.B. Ohrmuschelperichondritis, Otitis externa maligna |
| Staphylokokken-Infektionen (Furunkel, Wundinfektion) | Cephalosporine Gruppe 1 (Cefalexin, Cefadroxil, Cefazolin) | Sehr gute Bioverfügbarkeit (85-90 %) |
Wichtige Änderungen zu spezifischen Wirkstoffen
Cephalosporine Orale Cephalosporine der Gruppe 2 (Cefuroximaxetil) und Gruppe 3 (Cefpodoximproxetil) weisen eine variable und geringe Bioverfügbarkeit von nur 40-50 % auf. Sie erreichen oft keine ausreichenden Wirkspiegel gegen H. influenzae und sollten nicht mehr als Erstlinientherapie bei akuter Rhinosinusitis und Otitis media eingesetzt werden. Bevorzugt werden Cephalosporine der Gruppe 1.
Clindamycin Aufgrund zunehmend hoher Resistenzquoten ist Clindamycin nicht mehr Mittel der ersten Wahl für die kalkulierte Monotherapie. Es verbleibt als Option für leichte bis mittelschwere Mischinfektionen bei nachgewiesener Typ-1-Allergie gegen Penicillin.
Fluorchinolone Wegen möglicher irreversibler Nebenwirkungen am Bewegungsapparat (z.B. Sehnenrupturen) ist der Einsatz stark eingeschränkt:
- Kontraindiziert: Bei leichten, selbstlimitierenden Infektionen (Tonsillopharyngitis, Bronchitis).
- Strenge Indikation: Bei mittelschweren Infektionen nur bei fehlenden Therapiealternativen.
- Akzeptiert: Systemische Pseudomonas-Infektionen (Ciprofloxacin, Levofloxacin) oder schwere Mischinfektionen bei Penicillin-Allergie (Moxifloxacin).
Makrolide Wegen höherer Resistenzraten bei A-Streptokokken und Pneumokokken sowie mangelnder klinischer Wirksamkeit gegen H. influenzae sind Makrolide (Erythromycin, Clarithromycin, Azithromycin) nur noch Mittel der zweiten Wahl.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei akuter Otitis media und Rhinosinusitis auf orale Cephalosporine der Gruppen 2 und 3 (wie Cefuroximaxetil), da deren schlechte Bioverfügbarkeit das Risiko für ein Therapieversagen erhöht. Setzen Sie stattdessen primär auf Amoxicillin.