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Brustschmerz in der Hausarztpraxis: DEGAM-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die häufigste Ursache für Brustschmerz in der Hausarztpraxis ist das Brustwandsyndrom (43-47 %), gefolgt von psychischen und respiratorischen Ursachen.
  • Eine KHK liegt nur bei 8-11 % der Patienten vor, ein akutes Koronarsyndrom (ACS) bei 2-4 %.
  • Zur Einschätzung der KHK-Wahrscheinlichkeit soll der Marburger Herz-Score (MHS) in Kombination mit der ärztlichen Einschätzung angewendet werden.
  • Ein Troponin-Point-of-Care-Test (POC) reicht nicht zum sicheren Ausschluss eines ACS und sollte nicht routinemäßig eingesetzt werden.
  • Psychische, somatische und soziale Informationen sollen von Beginn an integriert werden (psychosomatische Simultandiagnostik).
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Hintergrund

Brustschmerz ist einer der häufigsten Beratungsanlässe in der Hausarztpraxis. Die Herausforderung besteht darin, abwendbar gefährliche Verläufe (wie das Akute Koronarsyndrom) zu erkennen, ohne durch Überdiagnostik bei harmlosen Ursachen zu schaden.

UrsacheHäufigkeit
Brustwandsyndrom43-47 %
Psychische Störungen10-12 %
Atemwegserkrankungen10-12 %
Stabile KHK8-11 %
Gastrointestinale Ursachen6-9 %
Akutes Koronarsyndrom (ACS)2-4 %

Ersteinschätzung und Triage

Bei jedem Kontakt sollte sofort die Dringlichkeit eingeschätzt werden. Hinweise auf eine unmittelbar lebensbedrohliche Situation sind:

  • Veränderung der Vitalparameter (akutes Kreislaufversagen)
  • Bewusstseinseintrübung / Verwirrtheit
  • Synkope oder Kollaps
  • Zeichen der oberen Einflussstauung
  • Kaltschweißigkeit
  • Neu aufgetretene Dyspnoe in Ruhe
  • Ausgeprägte Angst

Bei Vorliegen dieser Kriterien sollen sofort der Rettungsdienst alarmiert und lebensrettende Sofortmaßnahmen eingeleitet werden.

Koronare Herzkrankheit (KHK)

Die Wahrscheinlichkeit einer KHK soll bei jedem Patienten evaluiert werden. Zur Stratifizierung soll der Marburger Herz-Score (MHS) angewendet werden.

KriteriumPunkte
Alter/Geschlecht (Männer ≥ 55 J., Frauen ≥ 65 J.)1
Bekannte vaskuläre Erkrankung1
Beschwerden sind belastungsabhängig1
Schmerzen sind durch Palpation nicht reproduzierbar1
Patient vermutet kardiale Ursache1

Auswertung: 0-2 Punkte = geringe Wahrscheinlichkeit (< 5 %). 3 Punkte = mittlere Wahrscheinlichkeit. 4-5 Punkte = hohe Wahrscheinlichkeit. Ist die KHK-Wahrscheinlichkeit in der Gesamtbewertung gering, soll auf weiterführende KHK-Diagnostik verzichtet werden.

Akutes Koronarsyndrom (ACS)

Bei mittlerer oder hoher KHK-Wahrscheinlichkeit soll auf ein ACS geprüft und zeitnah ein Ruhe-EKG geschrieben werden.

  • Ein normales EKG schließt ein ACS nicht sicher aus.
  • Bei STEMI-Zeichen soll sofort stationär eingewiesen werden.
  • Ein Troponin-Point-of-Care-Test (POC) sollte nicht routinemäßig durchgeführt werden, da er ein ACS nicht sicher ausschließt.
Maßnahme bei hohem ACS-VerdachtBemerkung
Lagerung & Zugang30° Oberkörperhochlagerung, i.v.-Zugang
Sauerstoff2-4 l/min nur bei O2-Sättigung < 90 % oder Luftnot
ASS150-300 mg i.v. oder p.o. (nur bei gesichertem STEMI ohne Vormedikation)
Nitrate2 Hub Nitrolingual (wenn RR syst. > 100 mmHg)
AnalgesieOpioide (z.B. Morphin 5 mg i.v.) nur bei schweren Schmerzen

Psychosomatische Simultandiagnostik

Psychische, somatische und soziale Informationen sollen von Beginn an verknüpft werden. Ein rein sequenzielles Vorgehen (erst Körper, dann Psyche) ist obsolet.

ErkrankungScreening-Tool / Kriterien
AngststörungGAD-2 (Nervosität, unkontrollierbare Sorgen)
DepressionPHQ-2 / PHQ-9 (Niedergeschlagenheit, Interessenverlust)
Somatische BelastungsstörungSSS-8 / SSD-12 (Übermäßige Gedanken/Ängste bzgl. Symptomen > 6 Monate)

Brustwandsyndrom

Das Brustwandsyndrom ist die häufigste Ursache. Die Wahrscheinlichkeit soll anhand folgender Kriterien eingeschätzt werden:

  • Dafür sprechen: Lokalisierte Muskelverspannung, stechender/gut lokalisierter Schmerz, durch Palpation reproduzierbar.
  • Dagegen sprechen: Bekannte KHK, drückender/retrosternaler Schmerz, Luftnot, Husten.

Gastrointestinale und Respiratorische Ursachen

UrsacheTypische KriterienDiagnostik / Red Flags
GastrointestinalAbhängig von Nahrungsaufnahme, Sodbrennen, Besserung durch AntazidaAlarmzeichen: Blutung, Dysphagie, Gewichtsverlust. Ggf. PPI-Test (Omeprazol 40-80 mg/d für 2-4 Wochen).
PneumonieKrankheitsgefühl, Fieber ≥ 37.8°C, Tachypnoe > 22/min, RasselgeräuscheDagegen sprechen: Asthma-Anamnese, Rhinorrhoe, normaler Auskultationsbefund.

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie auf den routinemäßigen Einsatz von Troponin-Schnelltests zum Ausschluss eines ACS. Nutzen Sie stattdessen den Marburger Herz-Score und Ihre klinische Gesamteinschätzung. Führen Sie zudem eine psychosomatische Simultandiagnostik durch, um eine Fixierung auf somatische Ursachen zu vermeiden.

Häufig gestellte Fragen

Ein Troponin-POC-Test reicht nicht zum sicheren Ausschluss eines ACS und sollte nicht routinemäßig eingesetzt werden. Nur in Ausnahmefällen (Symptombeginn >12h, unauffälliges EKG, mittlere Wahrscheinlichkeit) kann er erwogen werden.
Bei mittlerer oder hoher Wahrscheinlichkeit für eine KHK oder bei Verdacht auf ein ACS soll sobald wie möglich ein Ruhe-EKG geschrieben werden.
Er umfasst 5 Kriterien (Alter/Geschlecht, bekannte vaskuläre Erkrankung, belastungsabhängige Beschwerden, nicht reproduzierbarer Schmerz, Patientenvermutung). Ein Wert ≤ 2 spricht für eine geringe KHK-Wahrscheinlichkeit (< 5 %).
Das Brustwandsyndrom (43-47 %), gefolgt von psychischen Störungen (10-12 %), Atemwegserkrankungen (10-12 %) und der stabilen KHK (8-11 %).

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