Rehabilitation sensomotorischer Störungen (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die sensomotorische Rehabilitation nutzt läsions- und trainingsinduzierte Neuroplastizität zur Funktionswiederherstellung.
- •Die Behandlung erfolgt phasenadaptiert (Phase A bis F) durch ein multiprofessionelles Team.
- •Nach einem Schlaganfall findet die größte funktionelle Erholung in den ersten 3 bis 6 Monaten statt.
- •Bei Multipler Sklerose sind Ausdauer-, Kraft- und Gleichgewichtstraining essenziell; bei EDSS > 6 wird robotergestütztes Gangtraining empfohlen.
- •Bei neuromuskulären Erkrankungen wie der ICUAW ist ein kombiniertes Kraft- und Ausdauertraining sicher und effektiv.
Hintergrund
Die Rehabilitation sensomotorischer Störungen basiert auf der Fähigkeit des Zentralnervensystems zur Anpassung (Neuroplastizität). Dabei wird zwischen der läsionsinduzierten und der trainingsinduzierten Plastizität unterschieden. Ziel ist ein funktionswiederherstellender Ansatz, um Aktivitäten und Teilhabe zu fördern.
Phasenmodell der Neurorehabilitation
Die Versorgung erfolgt in Deutschland nach dem gestuften Phasenmodell der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR):
| Phase | Beschreibung |
|---|---|
| A | Akutbehandlung (z. B. Stroke Unit) |
| B | Neurologische Frührehabilitation (hoher intensiv-/akutmedizinischer Bedarf) |
| C | Weiterführende Rehabilitation (aktive Mitarbeit, hoher Pflegebedarf) |
| D | Anschlussrehabilitation (nach Abschluss der Frühmobilisation) |
| E | Berufliche Wiedereingliederung |
| F | Dauerhafte unterstützende und funktionserhaltende Maßnahmen |
Schlaganfall
Motorische und sensible Funktionsstörungen (insbesondere Hemiparesen) sind die häufigsten Ausfälle. Die größte Rückbildung findet in den ersten 3 bis 6 Monaten statt.
- Empfehlung: Die Rehabilitation sollte in spezialisierten Einrichtungen durch ein multiprofessionelles Team erfolgen.
- Empfehlung: Ein früher Beginn und eine ausreichende Intensität über mehrere Monate sind essenziell.
- Achtung: Eine hochintensive und sehr frühe Mobilisierung innerhalb der ersten 24 Stunden kann mit einem schlechteren funktionellen Ergebnis verbunden sein (AVERT-Studie).
Hypoxischer Hirnschaden und Schädel-Hirn-Trauma
Bei hypoxischen Hirnschäden (z. B. nach Reanimation) stehen oft kognitive Störungen im Vordergrund. Beim SHT spielen Exekutivfunktionsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten eine große Rolle.
- Die sensomotorische Rehabilitation muss an die individuellen kognitiven Fähigkeiten adaptiert werden.
- Verhaltenstherapeutische Ansätze sind oft integraler Bestandteil.
Multiple Sklerose (MS)
Die Rehabilitation bei MS erfordert aufgrund der hohen interindividuellen Variabilität und häufigen Fatigue maßgeschneiderte Konzepte. Regelmäßiges körperliches Training ist essenziell.
| Trainingsziel | Empfohlene Therapie | Evidenz/Bemerkung |
|---|---|---|
| Mobilität | Therapeutisch angeleitetes Gangtraining | Soll-Empfehlung |
| Ausdauer & Kraft | Systematisches Ausdauer- und Krafttraining | Soll-Empfehlung |
| Gehfähigkeit | Roboter-assistiertes Gangtraining | Soll-Empfehlung für schwer Betroffene (EDSS > 6) |
| Gleichgewicht | Spezielles Gleichgewichtstraining | Soll-Empfehlung (ggf. ergänzt durch Virtuelle Realität) |
Neuromuskuläre Erkrankungen (NME)
NME umfassen Erkrankungen des peripheren Nervensystems, der motorischen Endplatte oder der Muskulatur. Ein kombiniertes Kraft- und Ausdauertraining verbessert die Muskelkraft und Lebensqualität ohne schädliche Nebenwirkungen.
Intensive Care Unit-Acquired Weakness (ICUAW)
Die ICUAW tritt häufig im Rahmen eines Post-Intensive-Care-Syndroms (PICS) auf. Sie wird klinisch über den Medical Research Council (MRC) Summenscore diagnostiziert: Testung von 3 Muskelgruppen an allen 4 Extremitäten (0-5 Punkte). Ein Summenscore < 48 spricht für eine ICUAW.
Die ICUAW differenziert sich primär in zwei Entitäten:
| Erkrankung | Läsionsort | Klinische Merkmale | Prognose |
|---|---|---|---|
| CIP (Critical-Illness-Polyneuropathie) | Axon | Sensible Ausfälle, distal betont | Langsame Regeneration (1-3 mm/Tag) |
| CIM (Critical-Illness-Myopathie) | Muskel | Keine sensiblen Ausfälle, proximal betont | Günstiger, oft vollständige Restitution |
- Empfehlung: Bei Diagnose einer ICUAW sollte zwingend ein standardisiertes Screening zur Erfassung kognitiver und psychischer Komorbiditäten erfolgen.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei Patienten mit einer Intensive Care Unit-Acquired Weakness (ICUAW) stets ein standardisiertes Screening auf kognitive und psychische Komorbiditäten durch, um ein Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS) nicht zu übersehen.