Aufmerksamkeitsstörungen Neurologie: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnostik darf nicht nur auf dem klinischen Eindruck basieren, sondern erfordert zwingend psychometrische Testverfahren.
- •Eine Basisdiagnostik muss mindestens die Aufmerksamkeitsintensität (Alertness), Selektivität und räumliche Ausrichtung umfassen.
- •Zur Erfassung objektiver Ermüdbarkeit (Fatigability) ist die intrinsische Alertness vor und nach kognitiver Belastung zu messen.
- •Die Therapie sollte spezifisch auf das Defizit zugeschnitten sein und adaptiv durch Therapeuten begleitet werden.
- •Bei leichter bis mittlerer Störung werden computergestützte Verfahren empfohlen, bei schweren Defiziten Papier-und-Bleistift-Methoden.
- •Bei Multipler Sklerose soll ein computergestütztes Training zur Steigerung der Verarbeitungsgeschwindigkeit eingesetzt werden (Empfehlungsgrad A).
Hintergrund
Aufmerksamkeitsstörungen gehören neben Gedächtnis- und Exekutivstörungen zu den häufigsten Funktionsbeeinträchtigungen nach erworbenen Hirnschädigungen. Sie beeinflussen den Erfolg der gesamten Rehabilitation maßgeblich, da sie Basisleistungen für nahezu jede praktische oder intellektuelle Tätigkeit darstellen. Die Ätiologie bestimmt oft das spezifische Defizit:
- Zerebrovaskuläre Erkrankungen: Rechtshemisphärisch oft Störungen von Alertness/Vigilanz; linkshemisphärisch Selektivität; parietal räumliche Aufmerksamkeit (Neglect).
- Schädel-Hirn-Trauma (SHT): Häufig allgemeine, unspezifische Verlangsamung.
- Multiple Sklerose (MS): Verlängerte Reaktionszeiten und verminderte Verarbeitungsgeschwindigkeit.
- Neurodegenerative Erkrankungen: Z. B. Defizite der fokussierten visuellen Aufmerksamkeit bei Morbus Parkinson.
Taxonomie und Diagnostik
Die Aufmerksamkeitsleistung kann nicht allein auf Basis des klinischen Eindrucks beurteilt werden. Verhaltensbeobachtung und Exploration müssen durch psychometrische Diagnostik ergänzt werden. Eine Basisdiagnostik muss mindestens je ein Verfahren zur Aufmerksamkeitsintensität, -selektivität und räumlichen Ausrichtung umfassen.
| Dimension | Teilfunktionen | Diagnostischer Fokus |
|---|---|---|
| Intensität | Alertness, Daueraufmerksamkeit, Vigilanz | Reaktionsgeschwindigkeit, Ermüdungseffekte, Zeitmessung |
| Selektivität | Selektive/fokussierte Aufmerksamkeit, Geteilte Aufmerksamkeit | Fehlerzahl, Reaktionsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeitsflexibilität |
| Raum | Räumliche Ausrichtung | Erfassung von Neglect-Symptomen, visuelles Scanning |
Spezifische Fragestellungen in der Diagnostik
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Unterscheidung zwischen subjektiver Erschöpfung und objektiver Leistungsabnahme:
| Konzept | Definition | Empfohlene Diagnostik |
|---|---|---|
| Fatigue | Subjektiver Mangel an physischer/mentaler Energie | Validierte Fragebögen (z. B. FAS, FSS, FSMC) + Erfassung von Schlafqualität und Depression |
| Fatigability | Objektive Ermüdbarkeit nach kognitiver/physischer Belastung | Tests zur intrinsischen Alertness zu Beginn und am Ende einer mind. 2-stündigen Untersuchung (Empfehlungsgrad B) |
| Einschlafneigung | Verminderte Wachheit | Monotone Testverfahren mit längerer Durchführungsdauer (Vigilanztests) |
Hinweis zur Fahreignung: Die Untersuchung kognitiver Voraussetzungen soll sich an den Begutachtungsleitlinien der BaSt orientieren (optische Orientierung, Konzentration, Aufmerksamkeit, Reaktion, Belastbarkeit).
Therapie der Aufmerksamkeitsstörungen
Die Therapie muss spezifisch auf das jeweilige Defizit zugeschnitten sein, um Über- oder Unterforderung zu vermeiden. Sie sollte unter aktiver Anleitung durch Therapeuten erfolgen, die adaptives Feedback geben (Empfehlungsgrad B). Als gute klinische Praxis gelten mindestens 10 Therapiesitzungen à 30–60 Minuten.
Stufenschema und Therapieansätze
| Schweregrad / Phase | Empfohlene Therapie | Evidenz & Bemerkung |
|---|---|---|
| Leichte bis mittlere Störung | Computergestützte, funktionsorientierte & kompensatorische Methoden | Empfehlungsgrad B. Auch heimbasiert mit Supervision möglich (Empfehlungsgrad C). |
| Schwere Störung | Papier-und-Bleistift-Methoden | Expertenkonsens. Ermöglicht flexiblere, individuelle Anpassung und Strukturierung. |
| Früh-postakut (SHT/Schlaganfall) | Hochfrequentes Training (5x/Woche) | Empfehlungsgrad C. Bei leichter bis moderater Beeinträchtigung. |
| Postakut / Chronisch | Funktionsorientierte + metakognitive (strategieorientierte) Therapie | Empfehlungsgrad B. Frequenz: mind. 1–2 Termine/Woche. |
| Multiple Sklerose | Computergestütztes Aufmerksamkeitstraining | Empfehlungsgrad A. Spezifisch zur Steigerung der Verarbeitungsgeschwindigkeit. |
Weitere Therapieoptionen
- Gruppensetting: Zur Förderung des Krankheitsbewusstseins und Erarbeitung von Kompensationsstrategien bei SHT, Schlaganfall und MS erwägen (Empfehlungsgrad C).
- Multimodale Therapie: Indiziert, wenn zusätzlich Gedächtnis- oder exekutive Defizite vorliegen (Empfehlungsgrad B).
- Serious Games: Seriöse Computerspiele (z. B. Lumosity, BrainHQ) können im postakuten/chronischen Stadium genutzt werden (Empfehlungsgrad C).
- Achtsamkeitstraining: Kann in Ergänzung zur funktionsorientierten Therapie eingesetzt werden (Empfehlungsgrad C).
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie zur Erfassung der objektiven Ermüdbarkeit (Fatigability) Tests zur intrinsischen Alertness zu Beginn und am Ende einer mindestens zweistündigen Untersuchung, anstatt sich nur auf subjektive Klagen zu verlassen.