Schlaganfall: S3-Leitlinie zur Akuttherapie & Prävention
📋Auf einen Blick
- •Die initiale Akutversorgung erfolgt nach dem ABCDE-Schema, neurologische Defizite werden per FAST-Test evaluiert.
- •Eine präklinische Sauerstoffgabe ist erst bei einer Sättigung von <95 % indiziert.
- •Bei Verdacht auf Schlaganfall muss der Blutzucker gemessen werden, um eine Hypoglykämie auszuschließen.
- •Die Sekundärprävention umfasst eine Blutdruckeinstellung (<140/90 mmHg), Statine und Thrombozytenaggregationshemmer (ASS oder Clopidogrel).
- •Bei Vorhofflimmern soll eine dauerhafte orale Antikoagulation (OAK) angeboten werden.
- •Die Rehabilitation erfordert ein interprofessionelles Team und individuell definierte, überprüfbare Therapieziele.
Hintergrund
Der Schlaganfall ist eine gefäßbedingte Erkrankung des Gehirns, meist verursacht durch einen Gefäßverschluss (ca. 80 % ischämisch) oder seltener durch Hirnblutungen (10-12 %) bzw. Subarachnoidalblutungen (3 %). Eine transitorisch ischämische Attacke (TIA) ist eine umschriebene neurologische Funktionsstörung, die innerhalb von 24 Stunden vollständig reversibel ist. Jeder Schlaganfall und jede TIA sind medizinische Notfälle.
Prähospitale Akutversorgung
Die initiale Untersuchung von Notfallpatienten soll standardisiert nach dem ABCDE-Schema erfolgen. Zur neurologischen Beurteilung wird ein standardisierter Algorithmus wie der FAST-Test (Face Arm Speech Time) empfohlen.
| Maßnahme | Indikation / Zielwert | Bemerkung |
|---|---|---|
| Sauerstoff | Sättigung < 95 % | Sollte erst bei Unterschreitung des Grenzwertes gegeben werden. |
| Blutzucker | Ausschluss Hypoglykämie | Bei Werten < 60 mg/dl soll Glucose i.v. gegeben werden. |
| Blutdruck | < 120 mmHg systolisch + Exsikkose | Kristalloide Infusionslösung sollte verabreicht werden. |
| Blutdruck | ≥ 220 mmHg systolisch | Vorsichtige medikamentöse Senkung um 15 % kann erfolgen. |
| Venöser Zugang | Absicherungsmaßnahme | Soll angelegt werden, sofern zeitlich vertretbar. |
TIA-Management
Das Vorgehen bei einer TIA richtet sich nach dem zeitlichen Abstand zum Symptombeginn und dem individuellen Risikoprofil:
| Zeitfenster | Empfohlenes Vorgehen |
|---|---|
| < 48 Stunden | Umgehende Zuweisung auf eine Stroke Unit sollte erfolgen. |
| Intermediär | Stroke Unit bei hohem Risiko (ABCD² ≥ 4, VHF, Karotisstenose). |
| > 14 Tage | Ambulante Abklärung ausreichend (Abschluss binnen 1 Monat). |
Sekundärprävention
Die Sekundärprävention umfasst Lebensstilmodifikationen (Rauchstopp, mediterrane Kost, Gewichtsreduktion, körperliche Aktivität) sowie eine konsequente medikamentöse Therapie.
| Therapiebereich | Empfehlung | Ziel / Bemerkung |
|---|---|---|
| Blutdruck | Antihypertensive Therapie | Langfristiges Ziel sollte < 140/90 mmHg sein. |
| Lipide | Statine | Soll allen Patienten nach Schlaganfall angeboten werden. |
| Thrombozytenhemmung | ASS 100 mg/Tag ODER Clopidogrel 75 mg/Tag | Soll als Monotherapie erfolgen. Kombination nur bei spezieller Indikation. |
| Duale Plättchenhemmung | ASS + Clopidogrel | Sollte bei nicht-schwerwiegendem Hirninfarkt für max. 30 Tage erfolgen. |
| Vorhofflimmern (VHF) | Orale Antikoagulation (OAK) | Soll dauerhaft angeboten werden (NOAK oder VKA mit Ziel-INR 2,5). |
Bei Patienten unter 60 Jahren mit einem kryptogenen Hirninfarkt (in den letzten 6 Monaten) und einem persistierenden Foramen ovale (PFO) soll ein interventioneller Verschluss angeboten werden, sofern ein mäßiger Shunt oder ein Vorhofseptumaneurysma vorliegt.
Rehabilitation und Therapie
Die Rehabilitation erfordert ein interprofessionelles Team. Therapieziele sollen gemeinsam mit dem Patienten definiert, zeitlich bestimmt und schriftlich festgehalten werden.
- Motorik und Spastik: Gehtraining und spezifische Maßnahmen zur Muskelkraftverbesserung sollen angeboten werden. Bei fokaler Spastik soll Botulinumtoxin injiziert werden, bei generalisierter Spastik sollten orale Antispastika (Baclofen, Tizanidin, Dantrolen, Diazepam) erwogen werden.
- Schluckstörungen (Dysphagie): Bei Dysphagie soll eine oropharyngeale Schluckrehabilitation erfolgen. Ist eine enterale Ernährung > 28 Tage nötig, soll nach 14-28 Tagen eine PEG-Sonde angeboten werden.
- Sprache und Kognition: Bei Aphasie soll eine hochfrequente Sprachtherapie erfolgen. Bei Neglect soll die Exploration der vernachlässigten Raumhälfte in allen Disziplinen gefördert werden.
- Emotionale Störungen: Ein regelmäßiges Reassessment bezüglich Angst und Depression sollte erfolgen. Antidepressiva (z. B. SSRI) und Psychotherapie können angeboten werden, eine routinemäßige medikamentöse Prophylaxe soll jedoch nicht erfolgen.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie den FAST-Test zur schnellen präklinischen Einschätzung. Bestimmen Sie bei jedem Verdacht auf Schlaganfall zwingend den Blutzucker, um eine Hypoglykämie als Differentialdiagnose sicher auszuschließen.