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Thrombozytopathien: Diagnostik-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Zur klinischen Einschätzung der Blutungsneigung soll ein standardisierter Fragebogen (ISTH-BAT) verwendet werden.
  • Die Basisdiagnostik umfasst ein Blutbild mit MPV, IPF und die mikroskopische Beurteilung des Blutausstrichs.
  • Strenge präanalytische Vorgaben (Raumtemperatur, keine Rohrpost, Analyse < 4h) sind zwingend einzuhalten.
  • Die Lichttransmissionsaggregometrie (LTA) ist der Goldstandard zur Funktionsprüfung der Thrombozyten.
  • In-vivo-Blutungszeit und PFA-100/200 sind zur Diagnose angeborener Thrombozytenstörungen ungeeignet oder nur sehr eingeschränkt nutzbar.
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Hintergrund

Angeborene Störungen der Thrombozytenfunktion (IPD) führen meist zu einer leichten bis moderaten mukokutanen Blutungsneigung (z.B. Epistaxis, Menorrhagien, Petechien). Da sie oft schwer zu diagnostizieren sind, erfordert die Abklärung ein strukturiertes Vorgehen und die strikte Einhaltung präanalytischer Vorgaben.

Klinische Bewertung und Anamnese

Zur standardisierten Erfassung der Blutungsneigung soll ein validierter Fragebogen eingesetzt werden:

  • Erwachsene: ISTH-BAT (positiv bei Männern >4, Frauen >6)
  • Kinder: pedISTH-BAT (positiv >2)

Zudem müssen Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel erfasst werden, da diese die Thrombozytenfunktion stark beeinflussen. Wenn medizinisch vertretbar, sollen diese vor der Diagnostik pausiert werden.

WirkstoffgruppeBeispieleAbsetzintervall vor Diagnostik
Irreversible COX-HemmerASSmind. 10 Tage
P2Y12-InhibitorenClopidogrel, Prasugrelmind. 7 Tage
Reversible COX-Hemmer (NSAR)Ibuprofen, Diclofenacmind. 3 Tage
GP IIb/IIIa-InhibitorenAbciximab, Tirofibanmind. 3 Tage

Hinweis: Auch SSRI, Penicilline, Omega-3-Fettsäuren und Knoblauch können die Thrombozytenfunktion beeinträchtigen.

Diagnostisches Stufenschema

StufeDiagnostikBemerkung
1. BasisdiagnostikBlutbild, DifferentialblutbildInklusive Thrombozytengrößenverteilung, MPV und IPF (immature Plättchenfraktion)
2. MorphologieMikroskopischer BlutausstrichSoll an routinemäßig gefärbten Ausstrichen erfolgen
3. Erweiterte DiagnostikAggregometrie, DurchflusszytometrieBei wiederholter, klinisch relevanter Blutungsneigung
4. BestätigungMolekulargenetikZur Diagnosesicherung und Identifikation von Überträgern

Präanalytik

Die Präanalytik ist die häufigste Fehlerquelle in der Thrombozytendiagnostik. Folgende Regeln sollen strikt beachtet werden:

  • Blutentnahme: Stauung minimieren, Nadel 19-21 G, Schaumbildung vermeiden. Erstes Röhrchen verwerfen oder für andere Tests nutzen.
  • Röhrchen: Citrat (1:9). Exakte Füllhöhe ist zwingend erforderlich! Unter- und überfüllte Röhrchen sollen nicht weiterverarbeitet werden.
  • Transport: Bei Raumtemperatur. Kein Schütteln, keine Rohrpost.
  • Zeitfenster: Die aggregometrische Analyse soll innerhalb von 4 Stunden nach Blutentnahme abgeschlossen sein.

Spezifische Testverfahren

Lichttransmissionsaggregometrie (LTA)

Die LTA im plättchenreichen Plasma (PRP) ist der Goldstandard zur Diagnose von IPDs. Es sollte ein Panel aus mindestens 3-4 Agonisten plus Ristocetin verwendet werden. Neben der maximalen Aggregation ist auch der Kurvenverlauf (Lag-time, Aggregationsgeschwindigkeit, Desaggregation) zu bewerten.

AgonistDetektierter Defekt (Beispiele)
ADPP2Y12-Defekt, Thrombasthenie Glanzmann, Storage-Pool-Disease (SPD)
ArachidonsäureThromboxan-Synthase-Defekt, COX-1-Mangel
KollagenGPVI-Rezeptordefekt, SPD
RistocetinBernard-Soulier-Syndrom, von-Willebrand-Erkrankung (VWD)

Durchflusszytometrie

Die Durchflusszytometrie soll zur Diagnose der Thrombasthenie Glanzmann, des Bernard-Soulier-Syndroms und von Storage-Pool-Erkrankungen verwendet werden. Sie eignet sich besonders bei Thrombozytopenien, da es sich um eine Einzelzellanalyse handelt.

Molekulargenetik

Die Molekulargenetik soll zur Diagnose von angeborenen Störungen der Thrombozyten sowie zur Identifikation heterozygoter Träger verwendet werden.

Nicht empfohlene Methoden

Folgende Tests sollen nicht zur Diagnose von angeborenen Thrombozytenfunktionsstörungen eingesetzt werden:

  • In-vivo-Blutungszeit
  • Rumpel-Leede-Test
  • Viskoelastische Verfahren (z.B. ROTEM)
  • PFA-100/200 (nur sehr eingeschränkt nutzbar, z.B. bei Anämie oder Thrombozytopenie fehleranfällig)

💡Praxis-Tipp

Setzen Sie Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel (z.B. NSAR, Omega-3), die die Thrombozytenfunktion beeinflussen, rechtzeitig vor der Blutentnahme ab. Versenden Sie Proben niemals per Rohrpost und lagern Sie diese bei Raumtemperatur.

Häufig gestellte Fragen

Der ISTH-BAT (für Erwachsene) und der pedISTH-BAT (für Kinder) werden zur standardisierten Erfassung empfohlen.
Die aggregometrische Analyse muss zwingend innerhalb von 4 Stunden nach der Blutentnahme abgeschlossen sein.
Es werden Citrat-Röhrchen (Mischverhältnis 1:9) benötigt. Diese müssen exakt bis zur Markierung gefüllt sein; unter- oder überfüllte Röhrchen sind unbrauchbar.
Nein, die In-vivo-Blutungszeit soll zur Diagnose von angeborenen Thrombozytenstörungen nicht mehr eingesetzt werden.

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