Geriatrisches Assessment Stufe 2: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Das Geriatrische Assessment der Stufe 2 dient als Basisassessment zur Identifikation und Quantifizierung therapierelevanter Beeinträchtigungen.
- •Sensorische Defizite (Sehen und Hören) müssen zwingend erfasst werden, da sie die Ergebnisse anderer Tests verfälschen können.
- •Für die Erfassung der Selbsthilfefähigkeit in Basisaktivitäten wird primär der Barthel-Index empfohlen.
- •Der Timed Up and Go (TUG) ist der gebräuchlichste Mobilitätstest; bei fehlender Gehfähigkeit sollten Alternativen wie der DEMMI oder die LSBM genutzt werden.
- •Instrumente wie die Handkraftmessung und der 5 Chair Rise Test sind essenziell für die Sarkopenie-Diagnostik.
Hintergrund
Geriatrische Patient*innen sind durch Einschränkungen der körperlichen und/oder geistigen Funktionalität bei Multimorbidität charakterisiert. Ein mehrdimensionaler Ansatz ist erforderlich, um die wesentlichen Faktoren für die Therapieplanung zu identifizieren. Das Geriatrische Assessment der Stufe 2 entspricht dem Basisassessment und dient der Optimierung der Therapie durch eine passgenaue Instrumentenauswahl.
Stufen des Geriatrischen Assessments
Die Diagnostik wird in verschiedene Stufen unterteilt, um zielgerichtet vorgehen zu können:
| Stufe | Zielsetzung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Stufe 1 | Identifikation geriatrischer Patient*innen | Multidimensionales Screening (z. B. nach Lachs, ISAR). |
| Stufe 2a | Identifikation therapierelevant betroffener Dimensionen | Ausschluss oder Nachweis einer Störung. |
| Stufe 2b | Dimensionsbezogene Beschreibung der Ausprägung | Erfassung der Ausprägung eines interventionsbedürftigen Problems. |
| Stufe 3 | Vertiefende Abklärung von Beeinträchtigungen | Problemorientiert, bedarf einer klaren Indikation. |
Dimension: Sehen und Hören
Beeinträchtigungen des Sehens und Hörens sind geriatrietypische Syndrome. Sie müssen zwingend beachtet werden, da sie die Validität anderer Assessment-Instrumente einschränken können. Sensorische Defizite führen oft zu geringerem kognitiven Input, Einschränkungen der Alltagsaktivitäten und einem erhöhten Sturzrisiko.
- Sehen: Orientierende Überprüfung des Nahvisus (z. B. Lesen einer Überschrift) oder Fingerzählen aus 2 Metern Entfernung. Bei kognitiv unbeeinträchtigten Personen können Selbsttests empfohlen werden.
- Hören: Flüstertest (Zahlen aus 50 cm Entfernung nach Ausatmung) oder strukturierte Fragebögen (z. B. Mini-Audio-Test).
Dimension: Selbsthilfefähigkeit
Im Basisassessment ist stets der Einsatz eines Instruments der Stufe 2b erforderlich, da geriatrische Patient*innen generell durch drohende Einschränkungen der selbstständigen Lebensführung gekennzeichnet sind.
| Instrument | Fokus | Zeitaufwand | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Barthel-Index (BI) | Basisaktivitäten (ADL) | ca. 10 min | International breit etabliert. Erfasst grundlegende Selbstversorgung. |
| IADL-Skala | Instrumentelle Aktivitäten | ca. 14 min | Erfasst komplexere Alltagsaufgaben (z. B. Telefonieren, Finanzen). |
| Geldzähltest (Nikolaus) | Feinmotorik & Kognition | ca. 5 min | Performance-Test. Normalbefund <45 Sekunden. |
Dimension: Mobilität und Motorik
Die Mobilität ist ein zentraler Prognosefaktor. Die Auswahl des Tests richtet sich nach den individuellen Fähigkeiten der Patient*innen.
| Instrument | Indikation / Fokus | Cut-off / Warnsignal |
|---|---|---|
| Timed Up and Go (TUG) | Standard-Mobilitätstest, Sturzrisiko | ≥ 15 Sekunden (World Guidelines) |
| Parker Mobility Score | Mobilität vor Akutereignis | Score < 5 korreliert mit höherer Mortalität |
| Gehtests (4m / 10m) | Gehgeschwindigkeit, Sarkopenie | ≤ 0,8 m/s (Hinweis auf Frailty/Sarkopenie) |
| 5 Chair Rise Test | Beinkraft, Sarkopenie-Diagnostik | ≥ 15 Sekunden (EWGSOP-Empfehlung) |
| DEMMI | Breite Mobilitätserfassung | Geringer Boden-/Deckeneffekt |
| SPPB | Gleichgewicht, Kraft, Gehen | Hoch prädiktiv für negative Outcomes |
| Handkraftmessung | Gesamtkörperkraft, Frailty | < 27 kg (Männer), < 16 kg (Frauen) |
💡Praxis-Tipp
Klären Sie vor jedem kognitiven oder motorischen Assessment zwingend ab, ob die Patient*in ausreichend sieht und hört (Brille/Hörgerät vorhanden?). Nutzen Sie bei Patient*innen, die den Timed Up and Go (TUG) nicht bewältigen können, alternative Instrumente wie die Lübecker Skala der Basis-Mobilität (LSBM) oder den DEMMI, um Bodeneffekte zu vermeiden.