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Delir & Alkoholentzugsdelir: Leitlinie (DGN/AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Das Delir ist ein medizinischer Notfall mit einer Letalität von über 30 %.
  • Die Diagnose erfordert einen akuten, fluktuierenden Verlauf, Aufmerksamkeitsstörungen und eine organische Ursache.
  • Nicht-medikamentöse Maßnahmen (Reorientierung, Vermeidung von Fixierungen) stehen an erster Stelle.
  • Beim Delir anderer Ätiologie sind bei geriatrischen Patienten Benzodiazepine zu vermeiden; bevorzugt werden Melperon oder Pipamperon.
  • Das Alkoholentzugsdelir wird primär mit Benzodiazepinen oder Clomethiazol (symptomgetriggert) behandelt.
  • Bei Alkoholanamnese ist zwingend an die Wernicke-Prophylaxe mit Thiamin (Vitamin B1) zu denken.
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Hintergrund

Das Delir ist ein ätiologisch unspezifisches, hirnorganisches Syndrom und ein potenziell lebensbedrohlicher medizinischer Notfall mit einer Letalität von über 30 %. Es tritt besonders häufig bei Patienten über 65 Jahren auf.

Nach DSM-5 und ICD-10 ist das Delir durch folgende Hauptsymptome definiert:

  • Akuter Beginn und fluktuierender Verlauf
  • Aufmerksamkeitsstörung
  • Bewusstseinsstörung und/oder kognitiv-emotionale Störungen
  • Vorliegen einer organischen Genese (keine primär psychiatrische Erkrankung)
SubtypCharakteristikaBesonderheiten
HyperaktivMotorische Unruhe, Rastlosigkeit, AggressivitätOft durch inhaltliche Denkstörungen (Wahn, Halluzinationen) bedingt
HypoaktivMotorische/kognitive Verlangsamung, ApathieHäufiger bei Älteren, deutlich höhere Mortalität (33 % vs. 15 %)
GemischtWechsel zwischen hyper- und hypoaktiven PhasenSehr häufiges Auftreten im klinischen Alltag

Diagnostik

Die Diagnose wird primär klinisch gestellt. Eine Überdiagnostik, die eine schnelle symptomatische Therapie verzögert, ist zu vermeiden.

  • Screening: Zur Erkennung im Alltag eignet sich die Confusion Assessment Method (CAM). Zur Quantifizierung der motorischen Subtypen die Delirium Motor Subtype Scale (DMSS).
  • Anamnese: Fokus auf Medikamente (inkl. OTC-Präparate, anticholinerge Substanzen), Alkohol-/Drogenkonsum, Vorerkrankungen (Demenz).
  • Labor: Elektrolyte (Na, K, Mg), Nierenwerte, Entzündungsparameter (CRP, Leukozyten), BGA, Glukose, Schilddrüsenwerte. Bei Alkohol: Transaminasen, CDT, MCV, Thrombozyten.
  • Bildgebung (CCT): Stets indiziert bei unerklärten fokal-neurologischen Zeichen, Trauma, Antikoagulation, Immunsuppression oder onkologischen Patienten.

Allgemeine und nicht-medikamentöse Therapie

Die nicht-medikamentöse Therapie ist der erste und wichtigste Schritt zur Delirbehandlung.

  • Medikamenten-Review: Delirogene und anticholinerge Medikamente absetzen (z. B. anhand PRISCUS- oder FORTA-Liste).
  • Umgebungsfaktoren: Ruhige, gut beleuchtete Umgebung, Tag-Nacht-Rhythmus fördern, Seh- und Hörhilfen einsetzen.
  • Reorientierung: Kognitive Aktivierung, Bezugspflege, Einbezug von Angehörigen (Rooming-in).
  • Fixierung: Jede Fixierungsmaßnahme sollte vermieden werden. Nur bei akuter Eigen-/Fremdgefährdung als Ultima Ratio, zeitlich minimiert und streng dokumentiert.
  • Wernicke-Prophylaxe: Bei Sucht- oder Malnutritionsanamnese immer Thiamin (Vitamin B1) geben, bevor glukosehaltige Infusionen verabreicht werden.

Medikamentöse Therapie: Delir anderer Ätiologie

Die medikamentöse Therapie ist zeitlich limitiert und symptomorientiert. Bei geriatrischen Patienten sollten Benzodiazepine vermieden werden (Sturzgefahr, paradoxe Reaktionen).

WirkstoffDosierungIndikation / Bemerkung
Melperon25–50 mg 1–3x tgl.Mittel der Wahl bei psychomotorischer Unruhe. Eher tagsüber.
Pipamperon12–40 mg 1–2x tgl.Bevorzugt bei nächtlicher Unruhe (längere Halbwertszeit).
Risperidon0,5–1 mg 1–3x tgl.Nur bei inhaltlichen Denkstörungen (Wahn, lebhafte Halluzinationen).
DexmedetomidinDauerinfusion (ICU)Zur Delirtherapie auf Intensivstationen (signifikant wirksamste Substanz).

Hinweis: Typische Neuroleptika wie Haloperidol sollten nach neueren Studien nur mit großer Zurückhaltung eingesetzt werden.

Medikamentöse Therapie: Alkoholentzugsdelir

Das Alkoholentzugsdelir erfordert ein anderes Vorgehen. Die Therapie erfolgt bevorzugt symptomgetriggert (z. B. nach CIWA-Ar-Score).

SchweregradTherapieempfehlungBemerkung
Prädelir / LeichtLorazepam, Diazepam oder Clomethiazol p.o.Clomethiazol kontraindiziert bei schweren Lungenerkrankungen.
Manifestes DelirClomethiazol p.o. ODER Benzos + HaloperidolKombinationstherapie bei unzureichender Monotherapie.
LebensbedrohlichDiazepam/Midazolam i.v. + Haloperidol i.m.Obligat auf Intensivstation. Ggf. Clonidin/Dexmedetomidin i.v. zur vegetativen Dämpfung.

💡Praxis-Tipp

Verabreichen Sie bei Patienten mit Alkoholanamnese oder Mangelernährung immer zuerst Thiamin (Vitamin B1), bevor Sie glukosehaltige Infusionen anhängen, um eine Wernicke-Enzephalopathie zu vermeiden. Setzen Sie zudem bei geriatrischen Delir-Patienten keine Benzodiazepine ein.

Häufig gestellte Fragen

Das hyperaktive Delir ist durch motorische Unruhe und Aggressivität gekennzeichnet. Das hypoaktive Delir zeigt sich durch Apathie und Verlangsamung und hat eine deutlich höhere Letalität (33 % vs. 15 %).
Zur Behandlung der psychomotorischen Unruhe werden niedrigpotente Neuroleptika wie Melperon oder Pipamperon empfohlen. Benzodiazepine sollten vermieden werden.
Ein CCT ist stets indiziert bei unerklärten fokal-neurologischen Zeichen, nach einem Trauma, unter Antikoagulation sowie bei immunsupprimierten oder onkologischen Patienten.
Für den klinischen Alltag wird die Confusion Assessment Method (CAM) als effektives und valides Screening-Tool empfohlen.
Die Basistherapie erfolgt mit GABA-ergen Substanzen wie Benzodiazepinen (z. B. Diazepam, Lorazepam) oder Clomethiazol, idealerweise symptomgetriggert nach dem CIWA-Ar-Score.

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