Notfallpsychiatrie: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die häufigsten psychiatrischen Notfälle sind Intoxikationen, Erregungszustände, Suizidalität und das Delir.
- •Ein Delir ist durch fluktuierende Aufmerksamkeitsstörungen gekennzeichnet und hat unbehandelt eine Mortalität von ca. 30 %.
- •Bei Intoxikationen ist das klinische Bild entscheidend; Blut- oder Urinspiegel allein sind keine validen Parameter für die Schwere.
- •Erregungszustände verlaufen in vier Phasen und erfordern frühzeitige Deeskalation zur Vermeidung von Fremd- und Eigengefährdung.
Hintergrund
Ein psychiatrischer Notfall ist eine Situation, in der das akute Auftreten oder die Exazerbation einer psychiatrischen Störung zu einer unmittelbaren Gefährdung von Leben und Gesundheit führt. Jährlich werden in Deutschland schätzungsweise 1,5 Millionen Patienten mit psychiatrischen Notfällen in Notaufnahmen versorgt.
Häufigste Notfallindikationen:
- Intoxikationen (häufig Alkohol)
- Erregungszustände
- Suizidalität
- Delir
Bewusstseinsstörungen und Delir
Bewusstseinsstörungen werden in quantitative (Vigilanzminderung) und qualitative (z. B. Verwirrtheit, Delir) unterteilt. Das Delir ist eine akute, organische psychische Reaktionsform mit hoher Mortalität (unbehandelt ca. 30 %, behandelt 1-2 %).
| Risikofaktoren für ein Delir | Auslösende Faktoren (Beispiele) |
|---|---|
| Fortgeschrittenes Alter (>65 Jahre) | Operationen (z. B. kardiochirurgisch) |
| Kognitive Einschränkungen (Demenz) | Infektionen / Fieber |
| Sensorische Defizite (Brille, Hörgerät) | Medikamente / Intoxikationen |
| Schwere Vorerkrankungen | Immobilisation / Fixierung |
Substanzinduzierte Notfälle
Intoxikationen erfordern eine genaue klinische Beobachtung. Die Substanzkonzentration in Blut oder Urin ist kein valider Parameter für die alleinige Einschätzung der Schwere. Mischintoxikationen sind häufig.
| Substanzklasse | ZNS-Symptome | Vegetative / Somatische Symptome |
|---|---|---|
| Opiate | Somnolenz, Koma, Antriebsminderung | Miosis, Atemdepression, Bradykardie |
| Kokain | Agitation, Wahn, Krampfanfälle | Mydriasis, Tachykardie, Hypertonie |
| Stimulanzien | Aggression, Hypervigilanz, Psychose | Mydriasis, Arrhythmien, Hyperthermie |
| Cannabinoide | Verwirrtheit, Angst, Sedierung | Tachykardie, Bindehautentzündung |
Angstsyndrome
Angststörungen (z. B. Panikattacken) sind keine vital bedrohlichen Notfälle, werden aber von Patienten oft als solche erlebt. Sie sind häufige Vorstellungsgründe in Notaufnahmen.
- Panikattacke: Abrupt beginnende Episoden intensiver Angst (Maximum nach 5-10 Minuten).
- Symptome: Tachykardie, Atemnot, Schwindel, Todesangst.
- Wichtig: Angst kann auch Leitsymptom somatischer Erkrankungen sein (z. B. Lungenembolie, Herzinfarkt, Hypoglykämie). Ein somatisches Medical Clearing ist essenziell.
Erregungszustände
Erregungszustände sind durch innere Gespanntheit, gesteigerten Antrieb und sympathikotone Stimulation gekennzeichnet. Sie bergen ein hohes Risiko für Eigen- und Fremdgefährdung.
| Phase | Bezeichnung | Klinisches Bild |
|---|---|---|
| 1 | Prodromalphase | Gespanntheit, Misstrauen, Kontaktverlust |
| 2 | Verbale Aggression | Laute Stimme, inadäquate Reaktion auf Ansprache |
| 3 | Motorische Aggression | Zerstörung von Gegenständen, bedrohliches Verhalten |
| 4 | Erregungssturm | Unkontrollierte Gewalttätigkeit, extreme Kraftentwicklung |
💡Praxis-Tipp
Verlassen Sie sich bei Intoxikationen nicht allein auf toxikologische Spiegel, sondern beurteilen Sie stets das klinische Gesamtbild. Führen Sie bei Panikattacken und unklaren Erregungszuständen immer ein somatisches Medical Clearing durch.