Ösophagoskopie: Aktuelle S1-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Flexible Endoskope sind für die Mehrzahl der Indikationen die erste Wahl, starre Endoskope bieten Vorteile im proximalen Ösophagus.
- •Bariumsulfat ist bei Verdacht auf Perforation oder Aspirationsrisiko strikt kontraindiziert; es dürfen nur isoosmolare Kontrastmittel verwendet werden.
- •Knopfbatterien im Ösophagus stellen eine absolute Notfallindikation (<2-6h) dar, da rasch tiefe Nekrosen drohen.
- •Bei in Plastik verpackten Drogenpäckchen (Body-Packing) sollte ein Spontanabgang abgewartet werden, da eine endoskopische Beschädigung letal enden kann.
Hintergrund
Die Ösophagoskopie ermöglicht die direkte Betrachtung der Speiseröhre zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken. Sie ist ein häufiges, gering invasives Verfahren in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde zur Beurteilung und Behandlung von entzündlichen, traumatischen, degenerativen und tumorbedingten Erkrankungen sowie zur Fremdkörperentfernung.
Instrumentarium: Starr vs. Flexibel
Die Wahl des Instrumentes richtet sich nach Alter, Indikation, Ausstattung und Erfahrung. Flexible Instrumente stellen heute für die Mehrzahl der Indikationen die erste Wahl dar.
| Eigenschaft | Starre Instrumente | Flexible Instrumente |
|---|---|---|
| Vorteile | Optimale Sicht proximal (Postkrikoid, Ösophagusmund) | Geringe Patientenbelastung, Einblick in Magen/Duodenum, leichter erlernbar |
| Nachteile | i.d.R. Narkose (ITN) notwendig, eingeschränkt bei HWS-Erkrankungen, größere Perforationsgefahr | Kleine(re) Biopsien, schlechtere Sicht in der Postkrikoidregion |
| Anästhesie | ITN (Methode der Wahl) | Analgosedierung/Kurznarkose (Methode der Wahl), Lokalanästhesie |
Indikationen
Je nach Erkrankung wird die starre oder flexible Technik bevorzugt eingesetzt:
| Indikation | Starre Ösophagoskopie | Flexible Ösophagoskopie |
|---|---|---|
| Gastroösophagealer Reflux | Keine Indikation | Methode der Wahl |
| Ösophagusverätzung | Alternativmethode | Methode der Wahl |
| Zenkerdivertikel (diagnostisch/therapeutisch) | Gleichwertig | Gleichwertig |
| Ösophagusvarizen | Keine Indikation | Methode der Wahl |
| Hypopharynxtumor (postkrikoid) | Methode der Wahl | Alternativmethode |
| Ösophagusfremdkörper | Gleichwertig | Gleichwertig |
| Panendoskopie | Gleichwertig | Gleichwertig |
Fremdkörpermanagement
Eine der häufigsten Indikationen ist die Fremdkörperentfernung (z.B. Nahrungsbolus, Knochen, Zahnersatz). Bei unklarer Ursache einer Fremdkörperingestion ohne strukturelle Schleimhautveränderung sollte immer eine Biopsie zum Ausschluss einer eosinophilen Ösophagitis (EoE) erfolgen.
Diagnostik vor Intervention
- Röntgen (Halsweichteile, Thorax) oder Kontrastmittel-Schluck.
- Wichtig: Ausschließlich isoosmolare Kontrastmittel verwenden! Bariumsulfat ist strikt kontraindiziert (Aspirations- und Perforationsrisiko).
- Bei klinischen Zeichen einer kompletten Obstruktion (Hypersalivation) direkt endoskopieren.
- CT-Diagnostik: Absolute Indikation bei Perforationsverdacht (Sensitivität für Fischgräten 90-100%).
Zeitfenster für die Endoskopie
| Dringlichkeit | Zeitfenster | Indikation |
|---|---|---|
| Notfallendoskopie | < 2-6 h | Komplette Obstruktion, scharfe Gegenstände, Batterien im Ösophagus |
| Dringende Endoskopie | < 24 h | Andere Fremdkörper im Ösophagus (ohne komplette Obstruktion), scharfe Fremdkörper/Magnete/Batterien/große Fremdkörper im Magen |
| Elektive Endoskopie | < 72 h | Mittelgroße, stumpfe Fremdkörper im Magen |
Besondere Fremdkörper
- Batterien: Hoher Stromfluss (Lithium-Basis) führt rasch zu tiefen Nekrosen und Perforationen. Absolute Notfallindikation im Ösophagus.
- Scharfe/spitze Gegenstände: Absolute Notfallindikation. Entfernung immer unter Verwendung einer Latex-Bergekappe.
- Body-Packing (Drogenpäckchen): Spontanabgang abwarten! Eine endoskopische Beschädigung der Päckchen kann tödlich sein.
- Nahrungsbolus: Spontanabgang kann in den ersten Stunden abgewartet werden. Medikamente (z.B. Butylscopolamin) sind nicht bewiesen, dürfen die Endoskopie aber nicht verzögern.
Kontraindikationen
Für die therapeutische Ösophagoskopie gibt es in akuten, lebensbedrohlichen Situationen keine absoluten Kontraindikationen.
Für die diagnostische Ösophagoskopie gelten folgende Kontraindikationen:
- Schlechter Allgemeinzustand (ASA IV)
- Respiratorische Insuffizienz oder inadäquate Oxygenierung
- Schwere Koagulopathie / Blutungsneigung
- Instabile Hämodynamik mit Arrhythmie
Komplikationen
Zu den möglichen Komplikationen des Eingriffs zählen:
- Blutung
- Ösophagusläsion oder -perforation
- Zahnschäden
- Larynxödem und Kehlkopf-/Hypopharynxverletzungen
- Mediastinitis
- Aspiration
- Medikamentennebenwirkungen (durch Lokalanästhesie oder Analgosedierung)
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei Verdacht auf eine Ösophagusperforation oder bei Aspirationsgefahr strikt auf Bariumsulfat. Nutzen Sie stattdessen isoosmolare Kontrastmittel oder direkt ein CT. Bei 'Body-Packern' dürfen keine endoskopischen Bergungsversuche unternommen werden.